Covid-Drama in Caritas-Heim

“Habe bis zum Tod nie erfahren, dass er positiv war”

Es ist eine Mischung aus Trauer und Wut, die Manfred Sterling die letzten Wochen begleitet. Am 20. November starb sein Vater, Bewohner des Caritas-Heims „Haus Elisabeth“, an den Folgen von Covid-19. Sterling sagt, er wurde über die Erkrankung seines Vaters nie informiert.

Wien, 16. Dezember 2020 | Es war der 31. Oktober dieses Jahres, als Manfred Sterling gemeinsam mit seiner Frau Waltraud seinen Vater Markus aus dem Caritas-Pflegeheim in St. Andrä abholte. An diesem sonnigen Herbsttag machten die drei einen Ausflug zum Gasthaus Bierbaumer am Griffner Berg. Markus Sterling, der seit knapp zwei Jahren Bewohner des „Haus Elisabeth“ war, litt an zunehmender Demenz und war die letzten Monate auf einen Rollstuhl angewiesen. Es sollte das letzte Treffen von Vater und Sohn gewesen sein.

Markus Sterling bei seinem letzten Bier. Drei Wochen nach seinem letzten Ausflug in die Natur, stirbt er an den Folgen einer Covid-Erkrankung. (Bild: Manfred Sterling)

Heim verhängt Besuchssperre

Eine Woche später, am 6. November, wurden alle Bewohner des Heims vom Roten Kreuz mittels PCR-Test auf Corona getestet. Die Einrichtung der Caritas wurde bis auf weiteres aufgrund mehrerer positiver Fälle für Besucher gesperrt, wie Sterling in einem Brief der Caritas am 10. November erfuhr. Noch am selben Tag erkundigte sich Sterling beim Heim, wann ein Besuch wieder möglich wäre. Das Heim bestätigte die Informationen des Briefs – bis auf weiteres keine Besuche im Heim, hieß es. Dass auch sein Vater unter den Infizierten war, wurde jedoch nicht erwähnt.

Brief des Heims anlässlich der Besuchssperre (zVg von Manfred Sterling)

“Habe von Bestatter erfahren, dass er positiv war”

Zehn Tage später, am 20. November, habe sich Sterling zum letzten Mal nach einer Besuchsmöglichkeit informiert – vergeblich, denn die Besuchssperre wurde verlängert. Zehn Minuten später wurde er vom Heim angerufen – sein Vater sei gestorben. Das Unfassbare an der Geschichte: Erst nachträgliche Recherchen seitens des Angehörigen hätten ergeben, dass Sterlings Vater an den Folgen von Covid-19 sterben musste.

„Als ich mich beim Bestatter über die Abholung meines Vaters informieren wollte, erzählte mir dieser, dass ein Nähern des Leichnams nur in vollständiger Schutzkleidung erlaubt war. Der Grund: Er war Corona-positiv.“

so Sterling.

“Ich habe so ein komisches Kratzen im Hals”

Sterling habe seit Ausbruch der Pandemie und bis zur letzten Woche vor seinem Tod am 20. November täglich mit seinem Vater telefoniert, um sich nach dessen Gesundheitszustand zu erkundigen. In der Woche vor seinem Tod habe sich Sterling gewundert, warum sein Vater so eine krächzende Stimme habe, und warum er so schwer Luft bekomme. „Ich habe so ein komisches Kratzen im Hals“, habe sein Vater damals geantwortet. Der Schwester habe er dies auch mitgeteilt. Ihre Antwort: es sei alles in Ordnung. Auch von einer positiven Covid-Testung habe er nach wie vor nichts erzählt. Auch vom Pflegeheim, mit dem er als namhafte Vertrauensperson regelmäßig in Kontakt gewesen und laut Heimvertrag „in wichtigen Belangen zu verständigen“ sei, habe Sterling bis nach dem Tod seines Vaters nichts erfahren.

Caritas: “Medizinsche Belange fallen unter Selbstbestimmungsrecht”

Deshalb wollte er nach dem Ableben am 20. November vom Pflegeheim wissen, warum es beim Thema Corona auf einmal vorbei war mit dem Informationsaustausch. So sei er schließlich davor auch wegen jeder Blessur, jedem Sturz und jeder Erkrankung in Kenntnis gesetzt worden. Die Antwort vom Direktor der „Caritas Kärnten“, Ernst Sandriesser, kam am 02. Dezember per Brief. Darin heißt es unter anderem:

„Ihr Vater hat wie alle anderen Bewohner*innen auch den schriftlichen positiven Bescheid der Bezirkshauptmannschaft Wolfsberg erhalten und zur Kenntnis genommen. In Ihrem Fall mussten wir davon ausgehen, dass Sie bzw. andere Angehörige in gesundheitlichen Fragen mit Ihrem Vater selbst in regelmäßigen Austausch stehen, da Sie nur der finanziell Bevollmächtigte ihres Vaters waren. Medizinische Belange fallen unter das Selbstbestimmungsrecht der Bewohner, in das wir nicht eingreifen dürfen.”

Sterling zeigt sich verwundert über die Aussagen des Direktors – sei sein Vater doch bekanntlich dement gewesen und er selbst auch sonst immer über alles informiert worden. Der hinterbliebene Sohn rief deshalb bei der Bezirkshauptmannschaft an. Diesen Bescheid, den sein Vater angeblich „zur Kenntnis genommen hat“, habe es gar nicht gegeben, beziehungsweise sei er in der BH Wolfsberg am 8. Dezember nicht auffindbar gewesen. Deshalb wurde er, so Sterling, gebeten, dem Gesundheitsamt den Befundbericht zwecks weiterer Recherchen zu schicken. Am 10. Dezember sei er dann telefonisch informiert worden, dass im EDV-System der Behörde eine Einmeldung eines Tests für seinen Vater am 11. November gefunden worden sei. Diese Einmeldung habe mit dem Befundbericht des Labors Greiner vom 7.11. allerdings nicht übereingestimmt.

Hier das ganze Schreiben des Direktors Ernst Sandriesser:

“Menschlichkeit predigen, aber Angehörige nicht informieren?”

Laut Sterling seien in dieser Woche acht weitere Heimbewohner an Corona verstorben. Dass man ihn wegen der Erkrankung seines Vaters wochenlang nicht informiert habe, kann und will er einfach nicht verstehen:

“Ich empfinde es als Gipfel der Scheinheiligkeit, auf der einen Seite Menschlichkeit zu predigen und auf der anderen Seite Kinder und nächste Angehörige nicht über die tödliche Krankheit Ihres Vaters zu informieren.”

Unfassbar sei für ihn auch, dass der Hausarzt seines Vaters offenbar ebenfalls nicht über die Infektion informiert wurde. So habe der Arzt ihn fünf Wochen vor seinem Tod das letzte Mal gesehen. “Unterlassene Hilfeleistung für einen Schutzbefohlenen”, wie Sterling meint. Auf die Frage, warum der Arzt nicht verständigt wurde, antwortete Sandriesser:

„Nachdem Ihr Vater keine Symptome gezeigt hat, wurden laut Pflegebericht keine medizinischen Maßnahmen gesetzt. Die medizinische Versorgung konzentriert sich bei Covid 19-Patienten auf die Bewohner*innen mit Symptomen.“

Wie oben erwähnt: der Betroffene habe eine Woche vor dem Tod an einem Kratzen im Hals und schwerer Atmung gelitten. Für Sterling ist es daher unverständlich, warum niemand kontaktiert und eine mögliche Einlieferung ins Spital nicht in Erwägung gezogen wurde. Ernst Sandriesser bedauert in seinem Brief jedenfalls die fehlende Kommunikation seitens Haus Elisabeth, betont aber, dass das Personal stets “alles Menschenmögliche” getan habe:

„Die Mitarbeiterinnen im Haus Elisabeth haben alles Menschenmögliche getan um das Infektionsgeschehen rasch zu kontrollieren und einzugrenzen, was auch im Vergleich zu anderen von Covid19 betroffenen Pflegeheimen gut gelungen ist. Auch die behördlichen Vorgaben hinsichtlich Information wurden eingehalten. Eine darüberhinausgehende zusätzliche Kommunikation mit den Angehörigen war in dieser Krisensituation personell nicht möglich, was wir sehr bedauern.“

Markus Sterling wurde 93 Jahre alt, am Donnerstag wird seine Urne in St. Andrä beigesetzt. Seitens der Caritas Kärnten gab es bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme gegenüber ZackZack.

(mst)

Titelbild: Manfred Sterling

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