Gleichberechtigung für Katholikinnen

Frauenbewegung “Maria 2.0”

Maria war “nicht nur Mutter” – die Forderung nach gleichen Rechten wird nun auch bei den Frauen innerhalb der Kirche lauter: Unter dem Motto “Maria 2.0” formiert sich eine Frauenbewegung innerhalb der katholischen Kirche Deutschlands. Sie fordern Zugang zum Priesteramt.

Wien, 22. Dezember 2020 | Der Heilige Abend ist auch der große Tag von Maria. Im Stall kniet sie neben Josef an der Futterkrippe mit dem Jesuskind, meist mit fromm gefalteten Händen. Die “Heilige Jungfrau” oder “Gottesmutter” bildet in der katholischen Kirche den Mittelpunkt eines oft ultrakonservativen Marienkults, man verbindet sie mit dem Rosenkranz oder dem Wallfahrtsort Lourdes. Doch in jüngster Zeit kommt ein ganz neues Marienbild auf.

“Maria 2.0”: Frauen fordern Zugang zu Priesteramt

“Maria 2.0” nennen sich die Frauen, die in Deutschland für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche eintreten und den Zugang zum Priesteramt fordern. In Österreich haben die Initiatorinnen eines gesellschaftspolitischen Frauen-Volksbegehrens mit speziellen T-Shirts großen Erfolg: Darauf ist eine klassische Madonnen-Darstellung mit dem Spruch “The future is female” (Die Zukunft ist weiblich) auf der Brust abgebildet. “Das T-Shirt ist überkonfessionell ein Renner”, berichtet die Theologin Judith Klaiber von der Universität Wien.

Frauenblick auf Maria

Jahrhundertelang ist Maria immer nur von Männern beschrieben worden, doch halten feministische Theologinnen mit neuen Interpretationen dagegen. “Wenn wir die ganzen Kitsch-Schichten mal abkratzen, was bleibt dann übrig?”, fragt Klaiber. “Eine junge Frau, die sehr früh schwanger wird. Nach allem, was wir heute wissen, war sie nicht älter als 15, 16 Jahre. Eine Frau auch, deren Kind nun wirklich nicht easy ist, sondern ziemlich viel Scherereien macht. Und die dann noch miterleben muss, wie dieses Kind als junger Erwachsener bestialisch ermordet wird. Ich glaube, darin können sich viele Menschen mit ähnlich schweren Schicksalen wiedererkennen.”

Die Rolle als Mutter wird zwar auch von den feministischen Theologinnen nicht wegdiskutiert, doch ist Maria bei ihnen nicht mehr das willenlose Werkzeug Gottes. Stattdessen wird herausgestellt, dass sie sich aus freien Stücken dazu bereitfindet, die Mutter von Jesus zu werden. “Gott ist auf das Ja einer jungen Frau angewiesen, dieses Ja ist notwendig”, betont Klaiber.

Vertreterin der Machtlosen

Die traditionelle Sicht von Maria als Jungfrau betrachten die feministischen Theologinnen als Hinweis auf ihre Unabhängigkeit – für eine Männerrolle ist sozusagen gar kein Platz. Auch eine Erzählung aus dem Lukasevangelium bekommt einen neuen Dreh: Zu Beginn ihrer Schwangerschaft besucht Maria ihre Cousine Elisabeth und stimmt dort das Loblied “Magnificat” an – unter anderem mit der Zeile: “Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.” Die Wissenschafterinnen sehen Maria auf dieser Grundlage als Vertreterin der Machtlosen. “Sie erklärt sich solidarisch mit allen Frauen, die in eine Randexistenz gezwungen werden”, erläutert die polnische Theologin Elżbieta Adamiak, Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau.

Nicht nur Mutter

Dazu kommt, dass die Evangelien eben nicht nur über Maria als Mutter erzählen. Sie bleibt auch präsent, als Jesus erwachsen ist. Im Johannes-Evangelium nimmt sie als Gast an der Hochzeit zu Kana teil und wird dort von Jesus nicht als “Mutter”, sondern als “Frau” angeredet – den Expertinnen zufolge ein Hinweis auf ihre Bedeutung in der entstehenden Kirche. Sie ist Zeugin der Kreuzigung von Jesus, während sich die meisten seiner männlichen Gefolgsleute wie Petrus längst aus dem Staub gemacht haben. “Maria ist diejenige, die eben nicht davonläuft”, sagt Klaiber. “Der Verlust des eigenen Kindes ist ja eine ganz existenzielle Erfahrung. Maria bleibt da, hält das Geschehen aus und durch.”

Anschließend gehört sie zur ersten Gemeinde, die nach dem Tod von Jesus entsteht. “Das gilt sogar als historisch gesichert”, sagt Adamiak. “Sie ist also keineswegs nur die Mutter, die ihn zur Welt bringt und dann zuhause bleibt.” Die Wissenschaftlerin findet es deshalb absolut richtig, dass Maria in der “Maria 2.0”-Bewegung wieder zur Identifikationsfigur für Frauen geworden ist, die eben nicht schweigen möchten und ihre Stimmen gegen Unrecht erheben: “Denn auch Maria war ja eine Frau, die den Mund aufgemacht und sich aktiv für ihren eigenen Weg entschieden hat”, sagt Adamiak.

Neue (alte) Krippenszenen

Vielleicht wird es Zeit, sie als Krippenfigur mal in einer neuen Pose zu zeigen – was übrigens nicht neu wäre: In früheren Jahrhunderten wurde Maria auf Bildern mitunter auch in einem Buch lesend dargestellt – während sich Josef um das Jesuskind kümmerte. Eine brasilianische Krippenszene findet Judith Klaiber besonders schön: “Da schläft Maria in der Krippe, erholt sich also im Wochenbett, und Josef kümmert sich liebevoll um den gähnenden Jesus. Solche Bilder werden jetzt wieder entdeckt und finden großen Anklang, weil Menschen spüren, dass diese Darstellungen zeitgemäß sind. Eine spannende Entwicklung.”

(apa)

Titelbild: APA Picturedesk

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