Freitag, April 12, 2024

Kardinal Schönborn irritiert mit Aussagen zu sexuellem Missbrauch

Zur Primetime war am Sonntag der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn in den ORF geladen. Er äußerte sich zu einem möglichen Ende des Zölibats – und ließ mit seltsamen Rechtfertigungen zum Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch aufhorchen.

Wien | Ein ungewöhnlicher Gast war am Sonntagabend bei Moderator Martin Thür in der “Zeit im Bild” zu Gast: der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn. Anlässlich des zehnjährigen Dienstjubiläums von Papst Franziskus blickten Schönborn und Thür in Vergangenheit und Zukunft dessen Amtszeit. Besonders zwei Stellen des Interviews ließen dabei aufhorchen.

Sollen Priester heiraten dürfen?

Das eine Thema: Ende des Zölibats. Der Papst hatte erst kürzlich in argentinischen Medien daran erinnert, dass in der katholischen Ostkirche verheiratete Männer als Priester erlaubt sind. Darin läge, so der 86-Jährige, “kein Widerspruch”. Aus seiner Sicht sei das Zölibat auch “revidierbar” und in der westlichen Kirche nur ein Provisorium – anders als die Priesterweihe selbst, die sei “für immer”.

Damit konfrontiert, meinte der Kardinal im TV-Studio, er habe “das eh schon hundertmal gesagt”: “Das Zölibat ist ein Kirchengesetz, kein göttliches Recht.” Er persönlich, so Schönborn, könne als Erzbischof von Wien sehr gut mit verheirateten Priestern “aus dem christlichen Osten, die hier mit Familie leben”, zusammenarbeiten. Darüber müsse man “weiter reden”.

Wenig katholischer Umgang mit sexuellem Missbrauch

Weniger biblisch wurde es dann bei einem anderen Thema. Schönborn, zu dem der Papst laut eigener Aussage gesagt habe, “Es genügt, wenn du anständig bist”, um ihm ebenjene Anständigkeit im selben Atemzug zuzugestehen, wurde abschließend von Thür zu den unzähligen sexuellen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche befragt. Wo bleibt die Vehemenz bei der Aufarbeitung, wollte der Moderator wissen. “Praktisch täglich”, so Thür, gebe es doch neue Vorwürfe, “dass wieder etwas zugedeckt” worden sei.

Die Antwort des Kardinals auf die Frage, ob Papst Franziskus diese Aufarbeitung nur unzureichend in seiner eigenen Kirche vorantreibe, fiel bissig aus. Er selbst, so Schönborn, wäre der Falsche, um das zu bewerten. “Das muss vor allem von allen beurteilt werden, die sich weltweit mit dem Thema Missbrauch befassen.” Die katholische Kirche würde sich aber “in einer ganz ausdrücklichen Weise” dem Thema widmen. Es handele sich aber auch “um ein gesellschaftliches Problem.”

Vor eigener Haustür kehren?

Nachdem Thür ihn fragte, inwieweit man Unrecht mit Unrecht rechtfertigen könne, ging der Erzbischof in seiner Erklärung noch weiter: “Ich traue mich zu sagen: Wer da auf die Kirche mit Steinen wirft, der soll einmal zuerst schauen, wie es mit der Aufarbeitung von Missbrauch in anderen Bereichen der Gesellschaft ist.” Er wolle “nur darauf hinweisen, dass die Konsequenz, mit der an der Aufarbeitung gearbeitet wird” – er rang kurz nach Worten, um dann fortzufahren – “die wünsch ich mir überall, nicht nur in der Kirche.”

“Gott sei Dank”, sei das Thema ja “im Bewusstsein der Öffentlichkeit”, argumentierte er. Schönborn: “Die katholische Kirche hat hier sehr viel getan, ich glaube, mehr als andere.”

Titelbild: Screenshot/ORF

Anja Melzer
Anja Melzer
Hält sich für die österreichischste Piefke der Welt, redet gerne, sehr viel und vor allem sehr schnell, hegt eine Vorliebe für Mord(s)themen. Stellvertretende Chefredakteurin. Sie twittert unter @mauerfallkind.
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12 Kommentare

  1. “Die katholische Kirche hat hier sehr viel getan, ich glaube, mehr als andere.”
    Der Satz war vermutlich ganz anders gemeint, hätte es aber umfassend auf den Punkt bringen können!

    • Statt “sehr viel getan” meinte er vielleicht den Kindern “sehr viel angetan”.

    • Die katholische Kirche hat im Bezug auf die Pandemie die Kinder psychosozial im Regen stehen gelassen. Das war einer unterlassenen Hilfeleistung näher, als ihren scheinheiligen Grundsätzen das Leben der Kinder zu schützen….

  2. Da muss ich dem Herrn Kardinal aber recht geben.
    Die Kirche ist zwischenzeitlich bei Thema Kindermissbrauch dem roten Wien sehr weit voraus… – ich glaube, dass er das vermutlich auch gemeint hat?

  3. Welches Weihnachtslied berührt die “Vertreter Gottes auf Erden” beim Singen am emotionalsten?
    “Ihr Kinderlein kommet, so kommet doch all ……”

  4. Der ganze Klerus und seine Eminenzen müssen tatsächlich 24/7 “beten”, dass es deren moralisierenden göttliche Himmelsgeschichten und damit auch die angedrohte teuflische Hölle nicht wirklich gibt, dort drüben im Jenseits. -> Sie wären nämlich geradewegs dort hin zu letzterem ewig verdammt… 😉

  5. Ich höre nichts, ich sehe nichts, dann ist es nie passiert !! So kommt es mir vor. Ich verstehe nicht, wie man die Kirche mit Beiträgen, Hochzeiten etc. noch sponsern kann?! Solche Leute zu unterstützen, die Jahrhunderte lang arme Menschen geplündert haben und über Reichtümer verfügen, die sich kaum ein Mensch vorstellen kann. Es verschließen hier anscheinend alle die Augen, nicht nur die Kirche vor ihrer pädophilen Priesterschaft. So viel trinken kann man nicht, wie man sich übergeben könnte !!! Ich bin schon als junger Mensch aus der Kirche ausgetreten, nicht nur wegen der pädophilen Vorfälle, über die hinter vorgehaltener Hand gesprochen worden sind, sondern weil ein Gottglaube keinen Mitgliedsbeitrag benötigt. Pfui !

    • Hatte vor ein paar Jahren Diskussion mit einem Vertreter der Diözese OÖ. In diesem Rahmen wurde es abgelehnt dass ich meinen Beitrag der Flüchtlingshilfe zukommen lassen kann. Begründung? Einfach deswegen da Flüchtlinge nicht an unserem Herrgott glauben…Mein Einwand dass dies wohl kaum auf alle zutrifft (z.B. Westafrika, Syrien usw.) wurde süffisant weggelächelt. Teilweise schlimmer als die Freiheitlichen diese schwarze Brut.

      • Jaja, warum zum Schmiedl gehen, wenn es ja auch vertrauenswürdigere Schmiede gibt? Die “heilige Mutter Kirche” benötigt den Obolus, der gar nicht so klein sein sollte wie in der Antike (war doch der Obolus nur ein 36.000stels eines Attischen Talents), doch viel nötiger als die Ungläubigen und Wirtschaftsflüchtlinge. Ich stamme aus einem erzkatholischen Elternhaus, habe der RK Kirche aber schon vor annähernd 50 Jahren den Rücken gekehrt. Seither spende ich mein Geld gezielt. Ich finanziere die Schul- und Berufsausbildung für ein afrikanisches Mädchen (kostet nicht einmal 1% meines Brutto-Einkommens) und diverse andere (meiner Meinung nach) förderungswürdige Organisationen. Nur ganz nebenbei, wenn ich das Wort “HERRGOTT” lese, geht mir “eh scho es G’impfte auf!”

        • Bin dabeigeblieben beim Verein, da meine Eltern – auch Kirchgänger” mir immer gepredigt hatten dass man nur als “zahlendes Mitglied” gehört wird beim Kritik üben. Seither versuche ich ihnen das Leben etwas schwerer zu machen. Im Verhältnis natürlich zum Anteil, den ich beitrage.

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