Wir haben schon vor der Krise am Limit gearbeitet

Ein COVID-Pfleger spricht Klartext

Viele Berufsgruppen haben durch die Corona-Pandemie – zu Recht – verstärkte mediale Aufmerksamkeit erhalten. Vor allem Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger sind durch ihren beherzten Einsatz in dieser historischen Gesundheitskrise ins Rampenlicht gerückt. Einer von ihnen ist Martin. In einem persönlichen Gespräch mit ZackZack erzählt er von seinem Alltag, blickt zurück ins Jahr 2020 und erinnert gleichzeitig daran, dass sein Beruf schon vor Corona ein Knochenjob war.

 

Wien 05. Jänner 2020 | „Das ist halt unser Job“, ist eine seiner häufigsten Antworten, wenn man ihn mit Fragen zu seinem Beruf löchert. Man merkt, dass Martin (35) ein Profi auf seinem Gebiet ist. Im Alter von 20 Jahren hat er in einem Spital am Rande Wiens mit seiner Ausbildung zum Pfleger angefangen. 12-Stunden-Dienste, Nachtschicht und massenweise Überstunden – für ihn seit 15 Jahren eine Selbstverständlichkeit. Martin und sein Team sind das, was man in der heutigen Zeit zu Recht als „Corona-Helden“ bezeichnen kann. Das letzte Jahr wird wohl auch ihnen immer in Erinnerung bleiben.

Wenn aus einer ganzen Abteilung eine COVID-Station wird

Es war letztes Jahr im März. Martins Station, zu dieser Zeit noch als normale interne Abteilung geführt, war wie jedes Jahr um die Winterzeit voll belegt. Es war Grippesaison und vor allem alte Menschen waren auf Pflege angewiesen. Im Laufe des Monats füllten sich die Betten zunehmend mit weiteren Patienten. Diagnose: Eine noch weitgehend unerforschte Krankheit namens „COVID-19“. Dass einige Wochen später seine ganze Station danach benannt wird, hätte auch er nicht gedacht:

„Im Zuge dieser Pandemie wurde unsere Abteilung in eine Covid-Station umgewandelt. Wenn man die Interne jedoch kennt, dann sind Covid-Patienten nichts, was einen Pfleger groß überrascht, weil Patienten auf einer Internen einfach schlecht beieinander sind, auch die Jungen.“

“Auch jüngere Patienten benötigen Sauerstoff”

Viele der Patienten würden aus Alten- und Pflegeheimen kommen und seien bereits fortgeschrittenen Alters und mit vielen Vorerkrankungen belastet. Bei diesen sei auch die Sterblichkeitsrate am höchsten. Menschen, die im direkten Vergleich noch als jung gelten und die das Virus aufgrund ihres Alters nicht ernst nehmen und sich selbst daher nicht durch Corona gefährdet sehen, rät er, aufzupassen:

„Ein nicht zu übersehender Prozentsatz an Patienten ist zwischen 45 und 50 Jahre alt und ohne erkennbare Vorerkrankungen. Auch diese Altersgruppe braucht im Verlauf der Krankheit oft Sauerstoff und deshalb einen stationären Aufenthalt.“

Ein schwieriger Faktor bei der Behandlung sei auch die Liegedauer der Patienten, die im Vergleich zu anderen Infektionen sehr lange ist. Bei COVID-Patienten liege der Durchschnitt bei drei Wochen, so der Pfleger.

Durch die hohe Infektionsgefahr, die das Coronavirus mit sich bringt, haben sich auch in der Pflege viele neue Besonderheiten und Herausforderungen ergeben. Denn auch der Alltag in den Spitälern wurde durch – in dieser Form nie dagewesene – Hygienemaßnahmen ordentlich aufgewirbelt.

„Das An- und Ausziehen der vollen Schutzausrüstung hat unseren Job noch um einiges schwerer gemacht. Die Pflege der Patienten wird dadurch sehr anstrengend. Da ohne dieser kein Patientenkontakt möglich ist, heißt es bei jedem kleinen Läuten der Patientenglocke für uns: Komplette Schutzausrüstung anziehen. Das kostet uns extrem viel Zeit und Ressourcen.“

Die Folge: Ein erhöhter Personalbedarf, der nur mit Mühe gedeckt werden kann. Das Spital, in dem Martin arbeitet, musste dafür zwei ganze Stationen schließen. Hinzu komme, dass auch das Pflegepersonal selbst nicht von COVID-Infektionen verschont geblieben ist. Die Angst, sich selbst und damit auch seine Familie anzustecken, sei “natürlich da”. Es komme halt darauf an, welche Schutzmaßnahmen man für sich selbst treffe. Überall eine Maske zu tragen würde ihm im Job sogar leichter, als im privaten Bereich fallen, da er sie im Spital sowieso den ganzen Tag tragen muss.

“Wir haben schon vor Corona am Limit gearbeitet”

Die in der Krise nochmal verschärfte Personalsituation, war aber bereits vor der Krise zu erkennen, wie Martin meint. Die Aktion in den ersten Monaten nach dem Ausbruch, als Pflegerinnen und Pfleger von der Politik für ihren Einsatz hochgelobt wurden und daraufhin alle zu klatschen begonnen haben, fand Martin etwas scheinheilig, wie er meint:

“Ich fand das Ganze ein bisschen übertrieben, wir haben schließlich schon vor Corona am Limit gearbeitet. Einen Tag liest man dann im Internet wie wichtig unsere Arbeit ist. Wenn ich mir aber dann Facebook-Kommentare wie jene, die unter dem Pflegerinnen-Video vom Krankenhaus Nord gepostet wurden, ansehe, wird mir schlecht. Da heißt es dann wieder: ‘Haben die nichts zu hackeln?'”

Hart wäre der Pflegeberuf jedenfalls schon immer gewesen. Ein Gefühl, dass die Politik hier ernsthaft bereit dazu wäre, etwas zu verändern und den Beruf damit attraktiver für junge Menschen zu machen, hatte er noch nie:

“Ich kann von meinem Gehalt schon sehr gut leben, aber man muss dazu sagen, dass ich auch für dieses Geld dementsprechend arbeite. Nachtdienste, Wochenenddienste und 40 Überstunden im Monat, da kommt schon was zusammen. Fällt das jedoch weg, bin ich mit meinem Gehalt schon wieder im unteren Einkommensdrittel angekommen.”

„Viele hören nach ein paar Monaten wieder auf“

Oft hatte Martin das Gefühl, dass sich die Personalsituation auf seiner Station wieder beruhigen würde. War dies der Fall, habe man prompt wieder die Leute von seiner Station abgezogen, sodass er und sein Team wieder am Limit waren. Die Politik müsse hier aufhören zu sparen und mehr Geld in die Hand nehmen. So würde es schon reichen, pro Station drei bis vier Leute mehr einzustellen. Wegen Corona würden im Moment sechs Mitarbeiter auf 26 Patienten in seiner Station kommen. Gäbe es das Virus aber nicht, wären sie im Moment für die selbe Anzahl von Patienten nur die Hälfte der Mitarbeiter.

Mit dieser Meinung sei Martin nicht alleine auf seiner Station. Auch seine Kolleginnen und Kollegen sind es gewohnt, Überstunden zu schreiben. Eine 72-Stunden-Woche war früher „normal“, wenn das Krankenhaus im Winter voll belegt war. Das komme in der heutigen Zeit auch noch vor. Eine nervliche und zeitliche Belastung, mit der nicht jeder umzugehen weiß:

„Viele angehende Pfleger hören nach ein paar Monaten wieder auf. Die Herausforderung, 12 Stunden täglich bereit zu sein und auch an den Wochenenden für die Patienten da zu sein – dieser Aufgabe ist nicht jeder gewachsen.“

„Sommerurlaub buche ich noch keinen“

Ob die Impfung die alles entscheidende Waffe gegen Corona sein wird, kann Martin selbst nicht zu 100 Prozent beantworten. Wenn dann müssten sich, seiner Meinung nach, “wirklich viele daran beteiligen”. Angesichts der britischen Mutation und der vielen weiteren neuen Virus-Varianten, die in Zukunft nach Österreich eingeschleppt werden würden, sei die Impfung jedoch “das einzige, was das Ganze zu einem Ende führen könnte”. Bei der Frage, wann sich die Ausnahmesituation seiner Meinung nach wieder beruhigt, will sich Martin nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Klar ist für ihn aber: „Sommerurlaub buche ich noch keinen.“

(mst)

Titelbild: zVg, APA Picturedesk

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