Samstag, Juli 20, 2024

Krankenschwester geht mit emotionalem Clip viral

Die Krankenschwester Leah Weigand sorgt derzeit mit ihrer Brandrede für ihren Job für digitale Begeisterungsstürme. Pflegen bedeute mehr als nur “Arsch abwischen und Sälbchen schmieren”. 

Wien, 10. Jänner 2023 | Leah Weigand ist 26 Jahre alt und lebt im deutschen Marburg. Was die junge Frau besonders macht: Sie spricht vielen anderen Menschen aus dem Herzen – und das ziemlich gekonnt. Seit ein paar Tagen verbreitet sich ihr Poetry Slam mit dem Titel „Ungepflegt“ wie wild im Netz.

Weigand hat eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Sie weiß, wie es in den Spitälern zugeht und was es bedeutet, in der Pflege zu schuften. Die schweren Arbeitsbedingungen zwischen Personalmangel und Zeitdruck macht sie regelmäßig zum Thema ihrer Slam-Texte. In „Ungepflegt“ erzählt sie von den Reaktionen, sobald sie Menschen von ihrem Job berichte: „Dann kommt meist ‚Boah krass, du arbeitest in der Pflege, also ich könnte das ja nicht‘“.

“Bin angekotzt”

Und dann nimmt ihr Bühnengedicht über die schonungslose Realität in ihrem Job Fahrt auf: „Ich werde gekniffen, bespuckt und berotzt, ich bin manchmal ganz unmetaphorisch angekotzt.“ Sie zeigt ihre Finger und sagt: „Ich hab mit dieser Hand schon zahlreiche Zäpfchen geschoben und manchmal ist alles beschissen…. Nicht nur einmal hab ich mir gewünscht, dass der Tag nie begonnen hätte.“

Sie weist auf das strukturelle Versagen im Klinikbereich hin: „Wir werden unterbesetzt, unterbezahlt, zur Genügsamkeit gequatscht – und von den blanken Bundesbalkonen dafür dann auch noch beklatscht. Ich stehe ganz am Anfang und war schon manchmal am Ende.“ Oft werde sie gefragt, ob sie denn keinen „vernünftigen“ Job fände:

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Weigand kontert in ihrem Poetry Slam mit einem langen und großen „Aber“. Sie berichtet von emotionalen und einzigartigen Momenten, die ihr Beruf biete. „Ich habe schon einhundert Jahre alte Hände gehalten und berührte Legendenhaut. Hab in erleichterte Gesichter und dankbare Augen geschaut. Ich hab die letzten Szenen großer Menschen gesehen und durfte mit den Kleinsten die ersten Schritte gehen. Mal hörte ich den allerersten Lebensschrei und mal war ich beim letzten Atemzug dabei.“ In der Pflege zu arbeiten bedeute für sie: zu „lernen, was Menschsein heißt“.

Von wegen “nur Arsch abwischen”

„Ich will mir meine sehenden Augen nicht vom Zeitdruck rauben lassen und meine verstehenden Ohren nicht vor Personalnot ertauben lassen“, dichtet die junge Künstlerin Weigand. „Ich will mit meinem Gehirn denken dürfen und nicht ausschalten für klingende Kassen!“ Doch: „Solange du denkst, dass ich nur Arsch abwische und Sälbchen schmiere, Bettchen machen und dem Arzt assistiere, werde ich das nicht können! Ich werde Fehler machen und Dinge übersehen, werde Medikamente vertauschen aus Versehen, und vor allem werd ich gegen mein Gewissen handeln müssen. Jede Pflegekraft, die geht, reißt das Loch nur noch größer.“

Pflegenotstand – auch in Österreich

Die Leier um den Pflegenotstand ist bekannt, das Problem verschlechtert sich zusehends: Pflegekräfte funktionieren insbesondere seit der Corona-Pandemie nur mehr am Limit, es gibt Kündigungen und lange Krankenstände, in den Spitälern sorgen Engpässe und gravierende Personalmängel – auch in der Ärzteschaft – für gesperrte Betten und massenhaft abgesagte OPs – ZackZack berichtete kürzlich exklusiv über Missstände im Wiener AKH.

Was treibt Leah Weigand an, ihre Erfahrungen aus der Pflege in Gedichten zu verarbeiten? „Ich fand es so schmerzhaft zu sehen, dass man einen Beruf erlernt hat, den man so eigentlich gar nicht ausüben kann, weil die Bedingungen dafür gar nicht gegeben sind. Es ist sehr unbefriedigend, dass man gute Pflege gar nicht leisten kann“, sagte die Künstlerin, die sich selbst auch „Hobbypoetin“ nennt, unlängst der „hessenschau“. „Aber ich habe nicht den Größenwahnsinn, dass ich glaube, ich kann mit meinen Texten die Welt verändern.”

“Pflegen ist nicht sexy”

So endet der Poetry Slam „Ungepflegt“, der bald die 10.000-Likes-Marke knackt und unter dem zahlreiche Berufskollegen und -kolleginnen jubelnd ihre Dankbarkeit ausdrücken: „Pflegen ist nicht sexy und pflegen ist nicht weiblich. Pflege passiert nicht nur für Nächstenliebe, denn davon kann ich meine Miete nicht bezahlen…. Du sagst, du könntest das ja nicht? Ich sage: Wir auch nicht. Nicht so.“

(am)

Titelbild: Screenshot/Poetry Slam TV

Autor

  • Anja Melzer

    Hält sich für die österreichischste Piefke der Welt, redet gerne, sehr viel und vor allem sehr schnell, hegt eine Vorliebe für Mord(s)themen. Stellvertretende Chefredakteurin. Sie twittert unter @mauerfallkind.

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