Wer ist Martin Kocher?

Parteilos, aber nicht politikfern

Der Wechsel im Arbeitsministerium ist vollzogen. IHS-Chef Martin Kocher folgt der über die Plagiatsaffäre gestolperten Christine Aschbacher. Doch wer ist der neue Arbeitsminister?

 

Wien, 11. Jänner 2021 | Innerhalb von nur 24 Stunden wurde nach dem Rücktritt von Christine Aschbacher bereits ein neuer Arbeitsminister gefunden. Martin Kocher ist Leiter des Instituts für höhere Studien (IHS), Leiter des Fiskalrates und lehrt zudem an der Universität Wien Verhaltensökonomie. Nun übernimmt er die Agenden des Arbeitsministeriums, die Bereiche des Familienministeriums wandern zu Frauenministerin Susanne Raab ins Bundeskanzleramt über.

Vorschusslorbeeren

Der 1973 in Salzburg geborene Kocher wurde am Sonntag bereits mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Sowohl Opposition als auch Wirtschaftskammer begrüßten die Bestellung des 47-Jährigen aufgrund seiner Expertise in der Volkswirtschaftslehre. In der Tat kann Kocher bereits auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken. Nach dem Volkswirtschaftsstudium an der Universität Innsbruck zog es ihn für zwei Jahre nach Amsterdam und ab 2012 nach Norwich an die University of East Anglia. Kocher hält es dabei meist nicht lange an einem Ort, kurz darauf zog es ihn nämlich an die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, und zwar für eine Professorenstelle für Verhaltensökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung. Nebenbei lehrte er auch als Gastprofessor in Göteborg und in Brisbane. 2016 verschlug es Kocher nach Wien ans IHS. 2017 kam zudem eine Stelle an der Universität Wien hinzu.

Parteilos, aber nicht politikfern

Kocher gilt als parteilos. Auf den ersten Blick ist das eine ungewöhnliche Besetzung für einen ÖVP-Ministerposten unter Sebastian Kurz. In der Vergangenheit holte Kurz zum Großteil jahrelange Parteifreunde aus JVP-Zeiten in die Ministerämter. Darunter etwa Gernot Blümel, Susanne Raab und auch Kochers Vorgängerin Christine Aschbacher. Aschbacher wurde jedoch kurz nach ihrem Rücktritt von ZIB1-Chefredakteur Hans Bürger dem steirischen Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zugeschoben, „das Land habe Druck gemacht“.

Diese These widerlegten allerdings mehrere Journalisten: Kurz und Aschbacher kannten sich bereits aus vergangenen Zeiten durch die Schülerunion und die Junge ÖVP.

Kocher hat zwar kein Parteibuch, politikfern ist er trotzdem nicht. Als Chef des IHS arbeitete er in der Vergangenheit eng mit der Politik zusammen. Die Regierung beriet er in der Coronakrise insbesondere rund um Konjunkturpakete. Laut Ö1-Morgenjournal vom 11.1.2021 sollen Kurz und Kocher bei der Art der Maßnahmen über weite Strecken einig gewesen sein.  Von Gernot Blümel wurde er Juni 2020 zum Präsidenten des Fiskalrates bestellt.

Koalitionsintern könnte Kochers Einstellung zur Flüchtlingspolitik der ÖVP interessant sein. 2018 sagte er gegenüber der Wiener Zeitung über die Pläne der türkis-blauen Regierung: „Ein Flüchtling ist kein Homo oeconomicus. Erst muss man überlegen, wie kann ich die Integration für jene mit Aufenthaltstitel bewerkstelligen. Und erst dann kann ich mir Gedanken über Pullfaktoren der Maßnahmen machen, die empirisch nicht so leicht nachzuweisen sind. Die Regierung aber zäumt das Pferd von hinten auf. Integration kostet zwar, aber das sind Investitionen, die wir auf alle Fälle brauchen und der entscheidende Punkt, wenn man den Sozialstaat nicht belasten will.“

„Herminator“ war zu stark für Kocher

Abseits des Arbeitslebens gilt Kocher als Sportenthusiast. Neben Marathonlauf (Bestzeit 3 Stunden 1 Minute) verfolgte er in seiner Jugend den Skisport, die Konkurrenz war allerdings groß, Hermann Maier ging eine Schulklasse über ihm, Michael Walchhofer zwei Klassen unter ihm, wie er den „Salzburger Nachrichten“ mitteilte. Die Konkurrenz auf der Ministerbank dürfte kleiner sein.

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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