»Lockdowns bringen nicht mehr viel«

Infektiologe für Öffnungen im Mai

„Die Maßnahme ist stumpf geworden“, mit dieser Aussage über Lockdowns ließ der Innsbrucker Infektiologe Günter Weiss am Donnerstag aufhorchen. Die harten Maßnahmen, die vor allem im Osten des Landes seit Ostern gelten seien „nicht mehr zielführend“.

 

Innsbruck, 15. April 2021 | Auf- oder Zusperren? Eine Frage, die das Land immer mehr spaltet. Während sich Wien und Niederösterreich dazu entschieden haben, den harten Lockdown nochmal bis 2. Mai zu verlängern, geht das Burgenland nun seinen eigenen Weg und öffnet ab Montag wieder Handel und Schulen.

„Die Maßnahme ist stumpf geworden“

Während viele Gesundheitsexperten vor Öffnungsschritten warnen, plädiert Günter Weiss, Infektiologe und Direktor der Uni-Klinik in Innsbruck, für ein Ende der Lockdowns als Maßnahme zur Eindämmung des Virus.

“Die Effizienz dieser Lockdowns hat sich abgenutzt. Die Maßnahme ist stumpf geworden, Lockdowns bringen nicht mehr viel hinsichtlich der Kontrolle des Infektionsgeschehens”,

so Weiss gegenüber der APA.

Der Lockdown habe zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr noch gut funktioniert, weil damals in der Bevölkerung eine “Schockstarre” vorgeherrscht habe. Auch beim zweiten Lockdown im November habe er noch eine Wirkung gezeigt. Beim dritten Lockdown nach Weihnachten sei die Wirkung dann schon bescheiden gewesen: “Da hat sich beim Infektionsgeschehen schon nicht mehr viel bewegt, sondern ist fast gleich geblieben”.

Die letzten Wochen hat sich eine deutliche Lockdown-Müdigkeit unter den Menschen gezeigt, so wie hier in Wien am Donaukanal. (Bild: APA)

„Verhalten der Menschen hat sich geändert“

Mitterweile habe sich das Verhalten der Menschen geändert. Der Wille, die Lockdowns einzuhalten sei nicht mehr da, das würden auch die Bewegungsdaten zeigen. Daher werde auch die weitere Verlängerung des Lockdowns in Wien und Niederösterreich “leider nicht mehr viel bringen”, so der Mediziner, der auch dem Beraterstab des Gesundheitsministeriums angehört. Dies würden auch die Inzidenzzahlen zeigen, aus denen keine großen Unterschiede zwischen Bundesländern mit und ohne Lockdown ersichtlich seien. Er plädiert daher für Öffnungsschritte im Mai, schrittweise und kontrolliert, vor allem in Bundesländern wo man es sich von den Spitalskapazitäten her leisten kann.

Es gelte, jetzt auch im Osten aus der „Abwärtsspirale“ herauszukommen. Man müsse den Menschen wieder Perspektive geben, gleichzeitig aber zur Vorsicht mahnen:

“Wir müssen es schaffen, dass man die Menschen überzeugt, dass sie durch ihr Verhalten Teil der Lösung sind und nicht Teil des Problems.”

Öffnungen statt Verbote

Ein großer Teil der Bevölkerung kritisiert die Schließungen vor allem deshalb, weil sich so das soziale Leben zunehmend in den privaten Bereich verlagert, wo die Sicherheit vor einer Ansteckung weniger gegeben sei. Auch Weiss sieht das so. Mit “kontrollierten Öffnungen mit eingebauten Sicherheitsnetzen” im öffentlichen Raum könne wahrscheinlich einen positiverer Beitrag zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geleistet werden, als wenn man “dauernd auf Verbote setzt”, die letztendlich wenig bringen. Denn derzeit passiere es doch andauernd, dass es private Treffen gebe, sich Cluster bilden, betonte der Infektiologe. Auch Öffnungen in den Innenräumen von Lokalen könne er sich durchaus vorstellen – schrittweise und mit Vorsicht – so wie im Mai vergangenen Jahres.

Überraschend sei für ihn die viel höhere Auslastung der Spitäler und Intensivstationen im Osten Österreichs – obwohl die Neuinzidenzen im Vergleich mit dem Westen nicht großartig abweichen. “In Tirol liegen wir bei der Krankenhausauslastung ungefähr bei einem Drittel von dem, was Ende November der Fall war”, erklärte Weiss.

Man beobachte, dass sich unter den Neuaufnahmen im Krankenhaus “ganz viel weniger ältere Patienten” befinden. Eine Erklärung könne darin liegen, dass in den westlichen Bundesländern bei späterem Ankommen der britischen Mutation bereits mehr ältere Personen geimpft waren.

Günter Weiss bei einer Pressekonferenz im Februar 2020 (Bild: APA)

Gute Aussicht auf den Sommer

Weiss glaubt auch, dass zumindest über den Sommer alle Risikogruppen geschützt und alle, die sich impfen lassen wollen, geimpft sind. Dann könne man „der Pandemie Herr werden“. Die Pandemie werde hoffentlich gehen, das Virus hingegen bleiben. Es werde wohl “jährliche Adaptionen des Impfstoffes geben – wie bei der Grippe”. Wesentlich werde sein, eine gute Impfstrategie für den Herbst auf die Füße zu stellen. Er halte es für “durchaus realistisch”, dass Masken – bei entsprechender Planung – im Herbst nur mehr in gewissen vulnerablen Bereichen vorgeschrieben werden müssen, aber nicht mehr etwa für Schüler oder beim Lokalbesuch.

In Sachen Einsatz des Sputnik-Impfstoffes plädierte der Experte, auf eine Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) “hinzuwirken”. Das Gremium verfüge über die entsprechende Erfahrung, Probleme könnten sich besser verfolgen lassen: “Ich glaube, es braucht hieb- und stichfeste Safety-Daten”.

„Impfung ist Schlüssel zur Normalität“

Generell drängte Weiss aber zur Impf-Eile: “Jede Woche, die wir verschenken, ist ein Problem für unsere Bevölkerung, für die psychische und physische Gesundheit”. Das wesentlich schnellere Impftempo anderswo zeige, dass zu viel Bürokratie in Europa offensichtlich ein “Hemmschuh” ist. “Offenbar geht es einfacher, wenn man allein ist. Eine Institution wie die EU sollte es eigentlich schaffen, ähnlich flexibel zu agieren wie Israel, Großbritannien oder die USA. Denn das ist der Schlüssel zur Normalität”.

(apa/mst)

Titelbild: APA Picturedesk

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