Runder Tisch: Pressefreiheit, na und?

Thomas Bauer (Professor für Kommunikationswissenschaft), Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen) und Susanne Scholl (Ex-Journalistin) an einem Tisch: Was soll “Pressefreiheit” eigentlich heißen?

Wien, 06. Mai 2021 | Während (Möchtegern-)Autokraten die Medien kontrollieren und gleichschalten, verliert ein Teil der Bevölkerung das Vertrauen in den Journalismus. Das liegt vielleicht am Journalismus selbst. Wie der vom “Eitelkeits-” zum “Dienstleistungsberuf” werden kann und warum das auch die Menschen außerhalb der Branche betrifft, dieskutierten Thomas Bauer, Rubina Möhring und Susanne Scholl zu Gast bei Thomas Walach am (virtuellen) Runden Tisch.

(Das ganze Gespräch als Video gibt’s im Club).

Thomas Walach: Francis Fukuyama sah bis zur Finanzkrise 2007 die Demokratie weltweit auf dem Vormarsch. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Was bedeutet das für die Freiheit der Presse weltweit?

Susanne Scholl: Wo bitte war die Demokratie wirklich im Vormarsch? Ich kann das nicht sehen. Es wurde viel darüber geredet. Aber de facto sind viele Länder des ehemaligen Ostblocks keine Demokratien. Das sind autoritäre Staaten mit leichtem demokratischem Zuckerguss drüber. Und was das für die Pressefreiheit bedeutet ist ganz klar: In dem Moment, wo man einen angeblich demokratischen, aber eigentlich autoritären Staat hat, versucht man die Pressefreiheit so gut wie möglich einzugrenzen.

Die Mittel unterscheiden sich: Geld, direkter Einfluss, manche machen es ein Bisserl eleganter – aber insgesamt ist die Pressefreiheit in großer Gefahr, Demokratien hin oder her.

Rubina Möhring: Da möchte ich gleich anknüpfen! Wir erstellen bei „Reporter ohne Grenzen“ ja das Pressefreiheits-Ranking. Weil das allgemeine Niveau so gesunken ist, hat sich Österreich um einen Platz verbessert. Aber die Punkte haben sich verschlechtert. Ich habe ein gewisses Verständnis für die früheren Mitgliedsstaaten der Sowjetunion. Denken wir an Deutschland und Österreich in der Zwischenkriegszeit zurück! Da war es ganz ähnlich: Da wurde auch versucht, Demokratie zu leben und herausgekommen sind Diktaturen.

Was mir Sorge macht, ist, dass auch in sogenannten liberalen Demokratien des Westens zunehmend Politiker ans Ruder kommen, die zu autoritärem Verhalten neigen. Es wird wieder Mode, auf Medien Einfluss zu nehmen. Das ist vor allem bei kleineren europäischen Staaten so, weil da jeder jeden kennt. „Orbanisierung“ steht für eine Gleichschaltung der Medien. Da es hierzulande Politiker gibt, die Orban oder den slowenischen Premier Janša gut finden und mit ihm befreundet sind, kann man eigentlich nur Angst bekommen.

SuS: Ich habe den Eindruck, diese Bewunderung für Machos wie Orban oder Putin bei heimischen Politikern hängt damit zusammen, dass sie selbst gerne autoritäre Führer wären. Das lässt nur eben unser System noch nicht zu.

RM: Oder der Herr Trump! Wir wissen, es gibt Politiker, die Trump verehrt haben und glücklich waren, wenn sie von ihm empfangen wurden. Die haben dann auch Teile der Medienstrategie Trumps, vor allem die Message Control übernommen. Das nähert sich immer mehr einer Gleichschaltung der Information durch die Regierenden.

Thomas Bauer: Darf ich mich da einmischen? Wenn wir über Medienfreiheit reden, dann denken wir sehr stark in den Organisationsstrukturen der Medien – die Presse, das Fernsehen etc. Ich höre vor allem von Journalistinnen und Journalisten, die für ihre Freiheit kämpfen, weil sie ihrem Auftrag nachkommen wollen, einen kritischen und kontrollierenden Blick auf die Welt zu werfen, und das brauchen wir natürlich.

Wir müssen aber die Pressefreiheit stärker mit den Lebenswelten der Betroffenen kontextualisieren, sonst wird das zu einem Eliteprojekt der Journalisten. Dann fühlen sich möglicherweise, diejenigen, in deren Namen Journalisten ihre Freiheit verteidigen, gar nicht betroffen, weil sie unter anderen Lebensbedingungen zu überleben versuchen.

Wenn wir über Medienfreiheit sprechen, sollten wir nicht die Medien im Blick haben, sondern die Kommunikation, die Medialität der Gesellschaft: Wie verständigen wir uns miteinander? Wie bauen wir Beziehungen zueinander auf?

Thomas Bauer ist emeritierter Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Bild: Türkisch-Österreichische Zusammenarbeit.

TW: Pressefreiheit ist ein Elitendiskurs. Über Pressefreiheit reden vor allem Journalisten gerne. Einen guten Weg, das Thema aus der Blase zu holen, kenne ich nicht. Wie soll man das angehen?

TB: Es ist nicht wirklich ein Thema der Bürger, weil wir es nicht zu einem Projekt des alltäglichen Lebens gemacht haben. Was ist der Sitz im Leben für die Freiheit der Kommunikation? Den haben wir noch nicht gefunden. Das Recht der Journalistinnen und Journalisten ist zu einem neuen Elitismus geworden. Der journalistische Milieudiskurs ist eben ein anderer als der von Arbeitern oder Krankenpflegern oder Studierenden. Wir müssen neben der faktischen Wahrheit auch die Relevanzwahrheit beachten: Was für mich wichtig ist, das ist für mich wahr.

Wir brauchen deshalb nicht nur Forderungen, die es durchzusetzen gilt, sondern viel stärker den Dialog, das Gespräch über Für und Wider, um aus dieser Sackgasse rauszukommen.

RM: Ich halte es für sehr wichtig, statt von Pressefreiheit lieber von Informationsfreiheit zu sprechen. Bei „Pressefreiheit“ denkt man vielleicht: „Journalistinnen und Journalisten, das ist ein eitles Volk, da gibt es viel Selbstdarstellung“ und schon deshalb misstraut man ihnen.

Informationsfreiheit ist dazu bestimmt, dass jeder Bürger und jede Bürgerin das Recht hat, sich zu informieren, und zwar aus verschiedenen Quellen. Wer gewährleistet den Zugang zur Information? Das sind die Journalistinnen und Journalisten. Das ist ein Dienstleistungsberuf und kein Eitelkeitsberuf. Es geht um einen Dienst der journalistischen Branche an der Gesellschaft. Das müssen wir akzentuieren, um in der Gesellschaft die Bereitschaft, Medien auch zu glauben, zu fördern.

SuS: In all diesen Diskussionen kommt mir der Wildwuchs in den Sozialen Medien zu kurz, die sich auch als Informationskanäle verstehen, oder jedenfalls von den Konsumenten so gesehen werden. Die Grundsätze und Regeln, an die wir alte Journalisten gewöhnt waren, gelten dort nicht. Das ist ein Riesenproblem, weil so Falschinformationen verbreitet werden, aus denen sich zum Beispiel das Denken der Querdenker speist.

TB: In den Sozialen Medien bricht sich ein neues Kommunikationsmodell die Bahn, für das wir noch keine klare Ordnung haben. Wir bewerten, was wir da sehen, sehr stark mit einem ehemaligen Ordnungsmodell der Medien. Bei der Kommunikation geht es um die soziale Praxis. Die oszilliert zwischen dem Vertrauensmodell, über das wir gerade sprechen und einem Täuschungsvertrag, der lautet: „Ich spiele dir einen guten Politiker vor.“ Wir sind sogar enttäuscht, wenn Politiker das nicht einhalten, weil sie zu authentisch sind und gar nicht so wie wir es von einem Politiker gewohnt sind. Ein Politiker wird daran gemessen, ob er den Erwartungshaltungen entsprechen kann und andererseits daran ob sie durchbrechen kann, sodass wir sehen: „Aha! Politik kann doch komplexer sein, als wir dachten.“

Das ist aber nur dann attraktiv, wenn wir ein Kommunikationsmodell haben, das an Unterschieden interessiert ist: „Ich bin froh, dass ich mit dir gesprochen habe, denn du sagst mir etwas, das ich vorher nicht gedacht habe.“ Gerade weil wir unterschiedlich sind, brauchen wir einander, um die Welt zu bestimmen. Und je mehr wir Kommunikation gleichschalten, desto mehr rutschen wir in totalitäre Muster. Wir sind zu sehr an Vereinbarungen statt an Vermehrbarungen interessiert.

TW: Wenn also in den klassischen und in den sozialen Medien die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten abnimmt, begünstigt das totalitäre Tendenzen?

TB: Ja, richtig.

SuS: Wir müssen den Kindern von klein auf beibringen, alles, was in den neuen, aber auch in den alten Medien – im Fernsehen, im Radio – produziert wird, kritisch zu hinterfragen. Und dazu gehört, nicht nur eine Informationsquelle zu nehmen, sondern mehrere.

TB: Wir sind in einem Umbruch von einer hierarchischen Medienwelt in eine heterarchische, wo wir erwarten müssen, dass einer, der vielleicht nichts von einer Sache versteht, trotzdem sagen möchte, was er davon hält. Diese Vermehrung des Einbringens konfrontiert uns auf ziemlich harte Art und Weise damit, dass die Welt, um es mit Wittgenstein zu sagen, alles sein kann, was der Fall ist. Die Strukturen in denen wir versucht haben, die Welt zu verstehen, dienen langsam aus, verlieren an Vertrauen.

Dass wir über die Medien von Produzenten und Konsumenten reden – das ist ein Industriemodell, kein menschliches Modell. Wir können uns selbst nur begreifen, indem wir auch dem anderen unterstellen, dass er ist, und zwar so, wie er sich selbst versteht. Diese Vorstellung relativer Freiheit satt absoluter Freiheit müssen wir ins alltägliche Leben einbringen.

RM: Ja dann mach mal! (lacht) Eine Sache, die ich sehr wichtig finde, ist, keine Fremdworte zu verwenden. Das war in der Zeit, als ich bei der ZIB war, eine Grundregel. Fremdworte sind eine elitäre Angelegenheit.

Rubin Möhring war Journalistin bei “Presse”, ORF und 3sat. Sie ist Präsidentin von “Reporter ohne Grenzen” Österreich. Hund Alma war mit runden Tisch, sagte aber nichts. Bild: Valerie Voithofer

SuS: Ich will schnell eine Lanze für den Journalismus brechen. Journalismus als Beruf, mit all seinen Regulativen, mit den Checks und Doublechecks – wir brauchen das, damit die Aluhüte nicht überhandnehmen.

TW: Wir können uns bestimmt darauf einigen zu sagen: Es gibt in unserer medialen Welt mehr Möglichkeiten öffentlicher Teilhabe als vor wenigen Jahrezehnten. In der Fülle der öffentlichen Akteure gibt es aber einige, die sich auf eine bestimmte Form der Kommunikation spezialisieren, die bestimmten Regeln folgt.

TB: Genau.

TW: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kristallisierte sich Neutralität als journalistischer Königsweg heraus. Einzelne Journalistinnen und Journalisten haben stets andere Wege gesucht – von Egon Erwin Kisch bis zu Hunter S. Thompson und der New Journalism-Bewegung. Aber im Mainstream hat sich die Neutralität als journalistische Tugend durchgesetzt. Die Wissenschaft hat deren Nutzen schon seit Jahrzehnten hinterfragt, weil Forscher der Ansicht sind, dass journalistische Scheinneutralität stets den Herrschenden dient. In den USA sind die Medien spätestens mit Donald Trump auch in der Praxis vom Ideal der Neutralität abgekommen. Der Konsens ist jetzt: Journalismus soll faktengetreu sein, nicht neutral.

In Österreich sehe ich ZackZack in einer Sondersituation. Meiner Wahrnehmung sind wir die einzigen, die offen sagen: Wir berichten Fakten, wir sind den Tatsachen verpflichtet, aber wir sind dabei nicht neutral. Ist das in der österreichischen Medienlandschaft ein zukunftsfähiges Modell?

RM: Ich finde das ein sehr spannendes Experiment – gerade in Österreich. Es ist nicht möglich, dass Medien wirklich neutral sind. Wir wissen ja, dass es in Österreich – und da haben wir noch nicht über die ökonomischen und politischen Abhängigkeiten gesprochen – diese Tradition der Autoritätshörigkeit gibt. Wir haben in Österreich eine Konzentration bei den Medieneigentümern. Nicht, dass einem Eigentümer alle Medien gehören, sondern, dass die meisten Medien in der Hand konservativer Eigentümer sind und entsprechend auch konservative Standpunkte vertreten.

Ich glaube, Österreich hat es nötig, einen kritischen Boulevard zu entwickeln, einfach um eine Gegenmeinung zu haben. Ich finde es fantastisch, dass ZackZack das macht. Ich lese es täglich, weil man hier Informationen bekommt, die es in anderen Medien nicht gibt, sei es aus Rücksichtl oder Vorsichtl… so geht das nicht weiter!

TB: Das ist eine äußerst interessante Frage, die hätten wir vielleicht am Anfang haben müssen. Ich sehe dahinter aber ein paar Fragezeichen. Wenn du sagt „Fakten“, dann meinst du, nehme ich an, den Menschen das zu vermitteln, was wahr ist, weil es passiert ist. Das ist aber nur ein faktisches Modell von Wahrheit.

TW: Selbstverständlich. Es geht darum, eine Sichtweise auf die Welt zu liefern, die Falsifikation standgehalten hat, die plausibel und intersubjektiv vermittelbar ist.

TB: Genau. Popper, schau oba! Aber in der Kommunikation ist nur nicht das wahrheitsfähig, was faktisch ist, sondern, was relevant ist. Daher glaube ich, dass Neutralität tatsächlich kein intrinsischer Wert von Kommunikation ist. Wenn es uns darum ginge, uns am Ende auf einen Punkt zu verständigen, den wir beide akzeptieren können, dann ist das eine Vereinbarung, aber keine Verständigung.

Ich glaube, wir müssen wirklich unterscheiden zwischen Wahrheitsinhalt und Wahrheitsgeschehen. Der Wahrheitsinhalt ist meinetwegen das Faktische. Das Wahrheitsgeschehen ist die Art und Weise, wie wir darüber reden. Und da ist es wichtig, diese nicht eingehaltene Neutralität ganz bewusst zu deklarieren. Wenn du sagst: „Ich schreibe das aus diesem oder jenem Interesse oder in Bezug auf diese oder jene Erfahrung,“ ist das toll, weil dann bist du nachvollziehbar, und um das geht’s.

Wenn ich das kann, dann kann ich mich auch selbst aus einer anderen Position betrachten. Dieser Transrollenaustausch sollte das Hintergrundmodell dafür sein, was ZackZack gerne möchte.

SuS: Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung als Journalistin nur sagen, dass ich nie neutral war. Ich hatte immer eine klare Position, die ich auch ganz offengelegt habe. Das hat mich nicht daran gehindert, beide Seiten darzustellen. Ich glaube, das ist das Modell, das wir brauchen. Ich finde das Projekt ZackZack wirklich gut, weil es versucht, genau diese Art von Journalismus weiterzuführen. Das kann, denke ich mir, auch ein Zukunftsmodell sein.

Susanne Scholl ist die Grande Dame der ORF-Auslandskorrespondenten. In der Pension ist sie außerdem “Oma gegen Rechts”. Bild: APA-Picturedesk

Titelbild: ZackZack

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