»Im Krieg mit dem Virus«

115.000 Pflegekräfte an Corona gestorben

Mindestens 115.000 Pflegekräfte sind nach einer Schätzung der WHO in Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion weltweit ums Leben gekommen.

Wien, 25. Mai 2021 | Am Montag sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus zum Auftakt der WHO-Jahrestagung, es gebe zwar nur spärliche Berichte, “aber wir schätzen, dass mindestens 115.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheits- und Pflegedienste mit dem Leben für ihren Dienst an anderen bezahlt haben.“

Applaus statt Schweigeminute

Der WHO-Chef werde nicht um eine Schweigeminute bitten. Stattdessen rief er die wenigen Dutzend Anwesenden im Tagungsraum sowie alle online aus den Hauptstädten Zugeschalteten zu einer Dankesaktion für die Millionen Pflegekräfte weltweit auf. Er ermunterte Zuschauerinnen, viel Krach zu machen, etwa zu applaudieren, zu rufen oder mit den Füßen zu stampfen. Er selbst stimmte in anhaltenden Applaus mit ein.

Zu Beginn der Pandemie hatte es in zahlreichen Ländern zu einer bestimmten Tageszeit öffentliche Applausaktionen gegeben, um Pflegekräften für ihren Einsatz zu danken.

“Wir sind im Krieg mit einem Virus”

Der UNO-Generalsekretär Antonio Guterres rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, der Covid-Pandemie mit derselben Strategie wie in einem Krieg zu begegnen. „Wir sind im Krieg mit einem Virus“, sagte Guterres am Montag. Die Welt brauche „die Logik und die Dringlichkeit einer Kriegswirtschaft“, um dafür zu sorgen, dass alle Länder gleichen Zugang zu den „Waffen“ im Kampf gegen die Pandemie erhalten.

Die Pandemie habe einen “Tsunami des Leidens” ausgelöst, klagte Guterres. Seit ihrem Beginn Ende 2019 seien mehr als 3,4 Millionen Menschen gestorben, rund eine halbe Milliarde Menschen habe ihre Arbeit verloren. “Die Schwächsten leiden am meisten, und ich fürchte, das ist noch lange nicht vorbei”, sagte Guterres.

Corona-Schere zwischen Arm und Reich

Er warnte vor den anhaltenden Gefahren einer “globalen Reaktion der zwei Geschwindigkeiten”. Wenn jetzt nicht gehandelt werde, sei die Mehrheit der Bevölkerung in der reichen Ländern bald geimpft und die Wirtschaft könne sich erholen, während das Virus in den armen Staaten weiter wüte und mutiere, und “für tiefes Leid sorgt”. Dies könnte zum Tod von weiteren hunderttausenden Menschen führen und die weltweite wirtschaftliche Erholung verlangsamen.

WHO-Chef Ghebreyesus kritisierte vor allem die reichen Länder, die den Großteil der verfügbaren Corona-Impfdosen aufgekauft hätten. 75 Prozent der Impfdosen seien in nur zehn Ländern. In vielen anderen Ländern müssten deshalb Millionen Mitarbeiterinnen des Gesundheitswesens auf die wichtige Impfung warten. Er appellierte an diese Länder, Impfdosen abzugeben. Er rief die Welt ebenso dazu auf, dafür zu sorgen, dass bis September mindestens zehn Prozent der Menschen und bis Ende des Jahres 30 Prozent weltweit geimpft werden können.

Merkel für Pandemievertrag

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel warnte bei der Tagung vor neuen Pandemiegefahren. Sie rief die Weltgemeinschaft auf, bessere Vorbereitungen zu treffen.

“Diese Pandemie ist noch nicht bewältigt; und sie wird auch nicht die letzte sein”,

sagte Merkel in einer Videobotschaft, die am Montag bei der virtuellen Tagung der 194 WHO-Mitgliedsländer eingespielt wurde.

Merkel warb für einen internationalen Pandemievertrag, der Länder zu besserer Kooperation anleiten soll. Die Hoffnung sei, dadurch früher warnen und schneller handeln zu können, um eine neue globale Pandemie im Keim zu ersticken. “Nach der Pandemie ist vor der Pandemie”, sagte Merkel.

“Auf die nächste sollten wir möglichst gut vorbereitet sein. Das ist das Signal, das ich mir von dieser Weltgesundheitsversammlung erhoffe.”

Mehr als die Hälfte wollen Beruf wechseln oder beenden

In Österreich arbeiten derzeit rund 127.000 Personen im akutstationären Bereich oder im Bereich der Langzeitpflege und Betreuung. Aktuelle Zahlen darüber, wie viele Pflegekräfte hierzulande an Covid verstorben sind oder mit Covid infiziert wurden, liegen noch nicht vor.

Die prikären Arbeitsverhältnisse von Pflegeberufen sind bekannt. In einem Bericht des “SORA Institutes” wurden die aktuellen Rahmenbedingungen und die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten in der Kranken- und Altenpflege sowie Behindertenbetreuung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl körperliche als auch psychische Belastungen in der Arbeit dazu führen, dass 65 Prozent aller Pflegebeschäftigten in Österreich ihren Beruf entweder wechseln möchten oder nicht bis zur Pension ausüben werden können.

Ausschlaggebend sind hohe psychische und körperliche Belastung, extralange Arbeitszeiten, ein erhötes Gesundheitsrisiko und letztendlich ein für viele nicht angemessenes Einkommen.

(jz/Agenturen)

Titelbild: APA Picturedesk

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