Montag, Juli 22, 2024

Notfall „Spital“

Vor dem Zusammenbruch:

Durchhalteparolen und Einschüchterungsversuche nützen nichts mehr: Die Spitäler sind auch in Wien jetzt selbst die Notfälle.

 

Sonntag, 18. Dezember 2022  Einige Direktoren der Gesundheitsverwaltung versuchen die Abteilungen der Wiener Spitäler immer noch stummzuschalten. Aber es wird jeden Tag schlimmer. Das System ist am Ende. Bald geht nichts mehr.

Ganze Pflegestationen sind gesperrt, weil das Personal fehlt. Operationen werden abgesagt, weil OP-Tische wegen Pflegemangels kurzfristig gesperrt sind. Krebspatienten, die mit Infusionen auf ihre OP vorbereitet wurden, werden mit Tumor und zerschlagener Hoffnung nach Hause geschickt.

Manche von ihnen schreien, die meisten wollen hilflos und voller Angst wissen, was jetzt mit ihnen geschieht. Die Ärzte können sie nur auf einen „Slot“ in ein paar Monaten vertrösten. Einige probieren es mit Geld und halten dem Arzt, der ihnen gerade die Hiobsbotschaft überbracht hat, den 200 Euro-Schein, den sie zur Sicherheit dabei haben, hin. Dann erklärt der Arzt dem Patienten, der ein Leben lang Sozialversicherungsbeiträge bezahlt und sich auf das System verlassen hat, dass er sich das, was ihm zusteht, nicht einmal mehr kaufen kann.

Tische gesperrt

Andere OP-Tische sind schon auf Dauer gesperrt. Oft fehlen die Hälfte der Betten und zwei Drittel der OP-Tische. OP-Teams erfahren 40 Minuten vor dem Eingriff, dass ihr Tisch wegen Pflegemangels gesperrt ist.

Manche Tumore wachsen langsam genug. Andere, für die Abteilungen wie die Neurochirurgie zuständig sind, können nicht mehr als zehn Tage warten. Acht Wochen sind für diese Patienten wie ein Todesurteil.

Wenn Patienten nach der OP aufwachen, haben sie keine Ahnung, auf welcher „Fremdstation“  sie als „Außenlieger“ gelandet sind. Das Personal dort kommt aus anderen Fächern und weiß oft nicht, worauf es ankommt. Wenn es dann zum „Zwischenfall“ kommt, muss die Stammabteilung zur Rettung ausrücken.

Visiten werden zu Wandertagen quer durch Stockwerke, Pavillons und Bettentürme. Am Ende überprüfen die Ärzte, ob sie alle gefunden haben.

Wenn alle Betten voll sind, verhängt das Krankenhaus „Rettungssperre“. Die Rettung darf dann nicht mehr anfahren. Aber wenn alle Betten in allen Häusern voll sind, geht nichts mehr. Dann fällt auch die Rettungssperre.

Jungärztinnen werden zu Bettensucherinnen. Bis zu vier Stunden telefonieren sie quer durch die Stationen ihres Hauses mit der Bitte um ein Bett. Im OP-Saal wird ohne sie operiert, weil das schneller geht. Für Ausbildung fehlt an immer mehr Uni-Kliniken die Zeit. Jungärzte kündigen, weil sie die Abteilung nicht ohne Ausbildung in ihrem Fach verlassen wollen.

Die nächste Stufe

Auf den Tischen der Gesundheitsbürokratie stapeln sich die Gefährdungsmeldungen der Spitälern. Noch halten sich die Spitzen des kranken Systems die Ohren zu. Aber demnächst schwemmt sie die Krise in die nächste Stufe. Dann sind sie „überrascht“ über die Not an den Spitälern. Sie werden Entschlossenheit demonstrieren und erste Ergebnisse präsentieren: eine Expertengruppe; einen Plan, der zu einem Plan führen soll; „Gespräche“. Und sie werden vor „Panikmache“ und „Verunsicherung“ warnen.

Nur eines werden sie nicht sagen: dass sie jahrelang zugesehen haben. Seit mehr als zwanzig Jahren braut sich etwas in der Spitalspflege zusammen. Unzumutbare Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung bestimmen das explosive Gemisch. COVID war die brennende Lunte. Jetzt werden unvorbereitete Pfleger und Pflegerinnen mit ihren neuen Diplomen in den Überlebenskampf der Stationen gestoßen. Immer mehr von ihnen ergreifen nach den ersten Wochen die Flucht.

Entscheidung in Wien

Wie ein Rad im Leerlauf wird das politische Spiel noch ein paar Wochen weitergehen. Der Bund wird Wien und dann Wien dem Bund Bälle, die es längst nicht mehr gibt, zuspielen. Aber in Niederösterreich, in der Steiermark und in den anderen Bundesländern ist es nicht anders. Das Ende des „besten öffentlichen Gesundheitssystems der Welt“ zeichnet sich ab.

Damit wird eine große Entscheidung vorbereitet: die Rettung und Modernisierung des öffentlichen Gesundheitssystems oder der Umstieg in ein anderes System. Eine Zeitlang haben FPÖ und ÖVP offen die Zerschlagung des öffentlichen Gesundheitssystems betrieben. Intensivbetten wurden reduziert, Pflegestationen vernachlässigt und Patientenmilliarden vergeudet.

Von Washington bis London zeigt sich, dass mit schlechter privater Versorgung besonders gute private Geschäfte gemacht werden können. Jetzt ist Österreich an der Reihe.

Für Wien geht es dabei um besonders viel. Jahrzehntelang hat die SPÖ-Regierung vom Gemeindebau bis zum Spitalswesen die Schätze des alten Roten Wiens gehütet. Ihre letzten Wahlen hat sie als die Partei, die in einer Welt des Sozialabbaus eine Insel der Sicherheit verteidigt, gewonnen. All das steht jetzt in den Spitälern am Spiel.

p.s.: Ergänzung um 8.50 Uhr:

Der wunderbare englische Fußballer Gary Lineker schreibt: „Nurses are incredible people. They´ve cared for us in our moments of need. Here´s hoping we care for them in their moment of need.”

Jetzt, wo sie auf ihren Stationen alleingelassen werden, ist genau der Zeitpunkt, wo wir einmal für unsere Krankenschwestern und Ärzte da sein müssen.

Titelbild: APA Picturedesk

Autor

  • Peter Pilz

    Peter Pilz ist Herausgeber von ZackZack.

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