Krisenmodus: Welt ohne Weltpolizei

In der Redaktion von ZackZack ist immer etwas los. Den wöchentlichen Einblick gibt Benjamin Weiser.

 

Wien, 21. August 2021 | Afghanistan lässt niemanden kalt. Vergangene Woche dominierte das Thema die Berichterstattung von ZackZack, das sich sonst eher auf die Niederungen der österreichischen Innenpolitik konzentriert. Die abgebrühte Redaktion musste schlucken.

Schreckliche Szenen aus dem Land, das an die Taliban-Islamisten fiel, laufen seit Tagen rauf und runter. Ein Soldat, auf einer Mauer mit Zaun stehend, nimmt ein Baby von einem verzweifelten Mann entgegen. Das Schicksal des kleinen Menschen liegt jetzt nicht mehr in der Hand des mutmaßlichen Vaters. Derweil suchen militante Islamisten nach Journalisten, Aktivisten und Ortskräften, die den westlichen Ländern über die vergangenen Jahre geholfen haben. Rette sich, wer kann.

Wer nur auf Waffen setzt, wird Waffen ernten

Es sind Bilder, die sich einbrennen werden. Ähnlich denen vom 11. September, als ein Flugzeug in die World Trade Center gekracht war. Vergangene Woche war für uns das zweite 9/11. Es markiert das Scheitern der Reaktion auf das erste 9/11 und wird weit über die nächsten Wochen hinaus nachwirken. Der War on Terror von George W. Bush war das Rachemotiv der USA, um in Afghanistan einen langen Krieg zu beginnen. Die USA, die „State-building“ in Afghanistan betreiben wollten, sind mitsamt ihrer Koalition 20 Jahre nach Einmarsch in das zentralasiatische Land gescheitert.

Fachlich lässt sich freilich diskutieren, ob und wie ein solches „State-building“ funktionieren kann. Wenn aber nicht einmal eine Hülse von Staatswesen existiert, ist es unmöglich. Zumal die gewählten Instrumente dem Trend der Ver-Sicherheitlichung der internationalen Politik entsprachen. Heißt: Militärische Ausrüstung vor Schulen, funktionsfähige Polizei vor korruptionsfreier Wirtschaft. Das kann nicht funktionieren. Es ist selbstverständlich kein Entweder-Oder-Mechanismus, der irgendwann zu einer demokratischen Gesellschaft ohne Steinzeit-Terroristen führen könnte. Wer aber nur auf Waffen setzt, wird Waffen ernten.

Anarchische Welt

Was wir erleben, ist der von Experten seit Jahren vorausgesagte Umbruch in der Weltpolitik. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der kurzen Phase amerikanischer Alleinherrschaft, folgt jetzt eine nicht-polare Welt. Der US-Spezialist Ian Bremmer hat den Begriff geprägt. Er stellt sich damit gegen Kollegen, die ein Umfeld mit mehreren Machtpolen (multi-polar) voraussagen. Das wird’s erstmal nicht spielen, zumindest nicht in den kommenden Jahren. China wartet ab und kauft Afrika sowie Teile Osteuropas auf. Man geduldet sich, bevor man sich Taiwan holt (in ihrer Sprache: „zurückholen“). Militärisch ist China den USA noch immer unterlegen, doch wirtschaftlich hat es quasi aufgeschlossen. Bei Russland ist es andersrum: es ist zwar wirtschaftlich am Boden, militärisch aber immer noch gut ausgerüstet. Putin versteht es bestens, sich größer zu machen als er ist.

Und Europa? Eine Karikatur ihrer selbst. Tiefpunkt ist wieder mal Österreich um Innenminister Karl Nehammer, der wirkt, als wäre die Wahlkampf-Schablone von 2017 die einzige Richtschnur seines politischen Handelns. Gewissenlos und doch ein Abbild des Zustandes europäischer Politik. Die Gefahr von Terrorismus wird steigen. Wie wir darauf vorbereitet sind, hat man am 2. November in Wien gesehen.

In dieser Welt ohne Weltpolizei, auf die wir berechtigt schimpfen konnten, ist nichts besser als zuvor. Die Unsicherheit steigt, aber auch die Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun. Vor allem nachhaltig. Es sind gerade die Hardliner in der Flüchtlingspolitik, die am wenigsten von allen irgendein Konzept haben. Es darf unterstellt werden, dass sie das auch gar nicht wollen. Eine Polit-Polizei, die keine Kriminellen mehr hat, macht sich schließlich überflüssig.

Titelbild: APA Picturedesk

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