Aus Kritik wird Lob

Wie die Wikipedia-Seite des Grazer ÖVP-Bürgermeisters immer »schöner« wurde

In 11 Tagen wählt Graz. Bereits ein Jahr vor der Wahl startete eine intensive Änderungsserie der Wikipedia-Seite des Grazer ÖVP-Bürgermeisters Siegfried Nagl. Kritikpunkte wurden gelöscht. 

Wien/Graz, 15. September 2021 | Der Wikipedia-Eintrag des Grazer ÖVP-Bürgermeisters Siegfried Nagl wurde seit Ende September 2020 immer wieder “verschönert”. Kritikpunkte sind nach und nach verschwunden, dafür kamen „positive“ Geschichten über seine Politik hinzu.

Löschung von brisanten Affären

Es begann am 29. September, als die Nutzerin “Kerstin.schreibt” den ersten Absatz auf Siegried Nagls Wikipedia-Seite verschwinden ließ. Der Absatz war unter „3. Kritik“ zu lesen und behandelte die sogenannte „Babel-Affäre“. 2016 waren zwei „langjährige, engste Vertraute Nagls“, wie die „Krone“ damals geschrieben hatte, zu neun Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Von der Telekom sollen 120.000 Euro an Claudia Babel, Nagl-Vertraute, geflossen sein. Nagl hatte vehement bestritten, dass von der Telekom Geld an die Grazer VP geflossen war. Der Bürgermeister war aufgrund der Affäre damals enorm unter Druck gestanden.

Dieser Eintrag ist seit bald einem Jahr gelöscht.

Nur etwa drei Stunden, nachdem der Eintrag über Babel entfernt wurde, ergänzte der Nutzer “SissysWelt” den Eintrag um für Nagl weit angenehmere Details. Einen Tag später ergänzte genau jene Benutzerin, die die „Babel-Affäre“ entfernt hatte, die Seite noch um „weitere Projekte, die während seiner Amtszeit umgesetzt wurden“.

“Kerstin.schreibt” und “SissysWelt” löschten Kritik, ergänzten aber “Nagl-Erfolge”.

Eine Woche später unternahm dieselbe Benutzerin zahlreiche (gut meinende) Änderungen auf Nagls Seite. Die zweite äußerst aktive Userin „Sissys Welt“ löschte dann den nächsten Kritikpunkt. Hier ging es um Nagls Ehefrau und ihre Immobiliengeschäfte, für die auch der Bürgermeister immer wieder in der Kritik gestanden war.

Auch dieser brisante Eintrag ist auf Wikipedia seit fast einem Jahr verschwunden.

Wenig später sollte auch der Eintrag zu Kritik an der Grazer Bewerbung für die Olympischen Spiele gelöscht werden, „da die Spiele in Mailand stattfinden werden“, so die Benutzerin „Kerstin.schreibt“. Dann mischten sich aber andere Nutzer ein und holten den Absatz wieder zurück.

Komplette Kritik gelöscht

Das „Match“ um Nagls Seite fand im Dezember seinen Höhepunkt: Ein neuer User löschte gleich das gesamte Kapitel „Kritik.“ Warum? „Da auch andere namenhafte PolitikerInnen wie z. B. Hermann Schützenhöfer, Sebastian Kurz oder Angela Merkel keine Kritik in ihren Artikeln stehen haben“, schrieb damals  „LinaLechnerwald96“, die zum ersten Mal überhaupt in Nagls Seite eingriff. Aktive User schützen die Seite regelmäßig. Der Absatz zur „SA Immobilien“ blieb allerdings unten.

Alle drei User, die Nagls Wikipedia-Seite fleißig „aktualisiert“ haben, sind mittlerweile gelöscht. Um wen es sich dabei gehandelt hat, etwa ehrenamtliche Bürgermeister-Fans oder doch andere, konnte ZackZack bisher nicht mit Gewissheit feststellen.

AfD-Praxis

Dass die Änderung von Nagls Seite nicht von wohlwollenden ÖVP-Wählern kommen könnte, ist zwar durchaus vorstellbar. Im brisanten türkisen Geheimpapier „Projekt Ballhausplatz“ wird jedoch explizit erwähnt, dass Wikipediaeinträge vorbereitet werden sollen. Dass „verdeckte PR“ auf Wikipedia betrieben wird, ist bereits durch Studien belegt.

Die Tilgung negativer Einträge erinnert an Helfer der „Alternative für Deutschland“ (AfD). So berichtete die „Frankfurter Rundschau“ 2017 über intensive Manipulation von AfD-Wikipedia-Seiten. Diese AfD-Praxis könnte sich bis Graz durchgesprochen haben.

(ot)

Titelbild: APA Picturedesk

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