Dienstag, Juni 25, 2024

Wiener Schulmagazin will Jugend-Sprachrohr werden

14- bis 19-Jährige gesucht

Schulsprecher Mati Randow und Journalist Michael Haider wollen Jugendlichen einen Platz in Österreichs Medienlandschaft verschaffen. ZackZack hat sie zum Interview getroffen. 

Wien, 1. September 2022 | Michael Haider (29) und Mati Randow (18) haben viel vor: Mit dem “schulmagazin.wien” wollen sie das Konzept Schülerzeitung auf das nächste Level heben und die „erste wienweite Schüler:innen-Medienplattform“ aufziehen. Der Anspruch: “Schreib, was ist.” Generation Z soll durch eine kostenlose journalistische Grundausbildung in Form einer Lehrredaktion das Werkzeug in die Hand bekommen, um ihren eigenen Journalismus auf einer eigenen Plattform zu machen. Wien soll nur der Anfang sein.

Dafür sucht das “schulmagazin.wien” ab heute, Donnerstag, 50 14- bis 19-Jährige, die sich für Journalismus interessieren und ihrer Generation mehr Gehör verschaffen wollen. Ab 16 Uhr ist das Bewerbungsfenster auf der Website offen.

Die Projektidee ist von Michael Haider, er war Online-Journalist beim Wiener Bezirksblatt und setzt die neue Jugendplattform nun für die live relations PR und Networking GmbH um. Als Koordinator hat sich der frischgebackene Projektleiter Mati Randow an Bord geholt. Er ist durch den Einsatz für die Anliegen seiner Altersgruppe als Schulsprecher der AHS Rahlgasse medial bekannt geworden. ZackZack hat die beiden zum Interview getroffen.

“Wir Schüler:innen werden selten gehört oder ernstgenommen.” – Mati Randow

ZackZack: Gerade in Corona-Zeiten ist wieder deutlich geworden, dass Jugendliche kaum Gehör in der Öffentlichkeit finden. Wie kann eine neue Medienplattform helfen?

Mati Randow: Wir Schüler:innen werden selten gehört oder ernstgenommen. Wir wollen mit dem schulmagazin.wien einen Prozess anstoßen, um das zu ändern. Es ist ein anderer Zugang, als als Schulsprecher zu versuchen, in den Medien Aufmerksamkeit für Schüler:innen-Anliegen zu bekommen. Wie soll man Erwachsene überzeugen zuzuhören, wenn nicht, indem wir selbst das Heft in die Hand nehmen?

Wir wollen einen Platz im öffentlichen Diskurs haben. Es ist eben so, dass wir Jugendlichen – schon rein demographisch am kürzeren Hebel sitzen, und das kann sich nur ändern, wenn wir Überzeugungsarbeit leisten. Die 50 Leute, die bei uns mitmachen, sind 50 mehr, die eine Möglichkeit haben, sich selbst öffentlich zu vertreten – abseits der überschulischen Schüler:innenvertretung, die von parteipolitischen Organisationen dominiert wird.

“Wenn man sich diesen Platz erkämpft, dann hat man als Jugendliche:r auch einen anderen Ort, um sich zu informieren.” – Mati Randow

Ist das Hauptanliegen des Projekts, Jugendlichen einen Platz in der Öffentlichkeit zu erkämpfen oder sich in der Altersgruppe gegenseitig zu informieren?

Randow: Beides geht Hand in Hand. Wenn man sich diesen Platz erkämpft, dann hat man als Jugendliche:r auch einen anderen Ort, um sich zu informieren. Wenn man zum Beispiel weiß, dieser Inhalt ist jetzt nicht von einem fragwürdigen Boomer mit hunderttausenden Twitter-Followern, auf den man sich aber sonst verlassen müsste, weil es niemand anderen gibt.

Wichtig ist auch, dass die Schüler:innen journalistisches Wissen vermittelt bekommen, dafür organisieren wir vier Module mit Workshops und Vorträgen von Journalist:innen. Dann kann man sich nämlich auch darauf verlassen, dass das, was man da bei Gleichaltrigen gelesen hat, Hand und Fuß hat.

Mati Randow hat vor dem Sommer an der AHS Rahlgasse in Wien maturiert. Bis erneut gewählt wird, ist er noch Schulsprecher. Foto: ZackZack/Christopher Glanzl

Sie wollen jungen Menschen die Möglichkeit geben, über Dinge zu schreiben, die sie interessieren. Wird eingegriffen werden, um Themenvielfalt sicherzustellen?

Randow:  Wenn es Themen gibt, für die sich wirklich niemand interessiert, dann werden wir nicht sagen, dass das aber in eine Zeitung gehört. In der Schreibwerkstatt wollen wir aber auch Grundwissen vermitteln, warum bestimmte Themen relevant sein können. Es wird jedenfalls keine Chefredaktion geben. Große Hierarchien aufzuziehen, wäre hier nicht zeitgemäß und es würde dem Anspruch nicht gerecht werden, wenn die 40-Jährigen, oder der 29-Jährige (deutet auf Haider, der nickt) aus der Chefredaktion sagen, was geht oder nicht. Gleichzeitig würde es auch nicht funktionieren, 50 14- bis 19- Jährigen nach einer Woche zu sagen: Ihr kümmert euch jetzt allein darum. Deshalb sind wir da.

“Es ist ein journalistisches Versuchslabor, in dem Gen Z herausfinden kann, wie sie Journalismus lebt. Sie sollen es so machen, wie sie wollen.” – Michael Haider

Michael Haider: Das ist auch das Spannende an dem Projekt: Es ist ein journalistisches Versuchslabor, in dem Gen Z (Generation, die in etwa zwischen 1997 bis 2012 geboren ist, Anm.) herausfinden kann, wie sie Journalismus lebt. Sie sollen es so machen, wie sie wollen.

Für das Ende des Schuljahres 2022/23 ist die erste Print-Ausgabe des „schulmagazin.wien“ geplant. Wieso setzt man in Zeiten von TikTok und Videojournalismus noch auf Print?

Haider: Ja, das habe ich mich auch gefragt (lacht). Nein, also wir setzen natürlich auch auf Social Media und die Online-Plattform, aber Journalismus wurzelt im Print. In der Schreibwerkstatt lernt man alle Textsorten kennen, man lernt sich kurz und prägnant auszudrücken, mit Titeln umzugehen. Und diese erste Ausgabe ist ein haptischer Erfolg. Etwas, das wir gemeinsam gemacht haben und am Ende in der Hand halten.

Worum wird es in der „Akademie für junge Schreibtalente“, also der von euch angebotenen Ausbildung, gehen?

Randow: Es geht zum Beispiel um verschiedene Textsorten und Recherche, es kann aber auch um Podcast oder Video gehen. In den anderen Modulen neben der Schreibwerkstatt werden aber auch etwa die Medienlandschaft in Österreich und deren Eigentumsverhältnisse Thema sein. Sie sollen erkennen, wie man politische Tricks und Framing durchschaut, und was das für die journalistische Arbeit bedeutet.

Haider: Ich sehe das gesamte Schulmagazin als zweiseitiges Lernen. Klar, die Schüler:innen lernen von Expert:innen. Die Alteingesessenen sollen auch etwas von den Jungen lernen. Es kann eine Bereicherung sein, wenn die Jungen zum Beispiel sagen: Es ist zwar nett, dass ihr Texte 50 Jahre so geschrieben habt, aber ganz ehrlich: Probiert es moderner!

Michael Haider und Mati Randow im Interview mit ZackZack. Foto: ZackZack/Christopher Glanzl.

Das Konzept Schülerzeitung ist nicht neu. Was macht das „schulmagazin.wien“ anders?

Haider: Schülerinnen und Schüler haben wie gesagt keine öffentlichkeitswirksame mediale Plattform. Es gibt zwar die Echo-Kammerl auf Social Media, aber es ist eben eine Bubble, aus der man schwer ausbrechen kann. Schüler:innenzeitungen sind auch immer davon abhängig, wie motiviert die nächste Generation ist. Das kann sich jedes Jahr ändern. Wir können als Verlag im Hintergrund Kontinuität anbieten. Auch unser Lern- und Lehraspekt hebt sich von anderen Projekten ab.

Randow: Was auch neu ist, ist dass es ein wienweites Magazin ist. In der 5. Klasse, bevor ich Schulsprecher geworden bin, habe ich an meiner Schule eine Schüler:innenzeitung gemacht. Es gab da den Versuch von einigen, eine Zeitung an mehrere Schulen zu bringen. Es gibt aber oft keine Ressourcen dafür.

Wie finanziert sich ist das „schulmagazin.wien“ neben der Medienförderung der Stadt?

Haider: Wir sind im Gespräch mit Pat:innen und Sponsor:innen. Dabei, wer als Sponsor in Frage kommt, ist bei Schüler:innen natürlich doppelt und dreifach aufzupassen. Es ist klar, dass Glücksspielkonzerne und Parteien sowie parteinahe Institutionen hier ausgeschlossen sind. Ja, es ist ein Medium, das wirtschaftlich tragbar sein muss, anders ist es ja leider nicht möglich, aber redaktionell sollen wir unabhängig bleiben. Wenn das Unternehmen XY eine Werbefläche übernimmt, werden die Sujets mit der Redaktion abgeklärt, sie kann auch Einwände erheben.

Foto: ZackZack/ Christopher Glanzl

Es gab schon einmal ein schulübergreifendes Zeitungsprojekt, das in den 1960ern von den Fellner-Brüdern gegründet wurde. Inwiefern ist das neue Projekt anders?

Haider: Wir erhoffen uns natürlich ähnlichen Erfolg wie der Rennbahn-Express (lacht). Der Unterschied wird bei uns der Lehr- und Lernaspekt des Projekts sein. Wie sich das „schulmagazin.wien“ inhaltlich unterscheiden wird, wird an den Schüler:innen und deren Interessen liegen. Außerdem soll die Redaktion auch in weiterer Folge von Schüler:innen bestellt werden.

“Und wir wollen ihnen zeigen, worauf sie achten müssen, damit sie sagen können: Wir lassen uns nicht ausbeuten, wir machen unser eigenes Ding!” – Michael Haider

Wenn man als junge Person in den Journalismus will, ist man unweigerlich mit Ausbeutung am Arbeitsplatz konfrontiert. Wie geht das „schulmagazin.wien“ damit um?

Haider: Wir tüfteln gerade an einer Lösung im Sinne von “Fair Pay”. Bei uns kann man ab 14 Jahren mitmachen und 14-Jährige dürfen nicht bezahlt werden. Möglicherweise können wir das mit Gutscheinen lösen. Journalismus soll und muss auf jeden Fall entlohnt werden. Da läuft in der Branche viel schief: Ausbildungen sind teuer, man macht diese schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika und man hackelt als Freier in einer “Working Poor”-Struktur. Wir wollen den Schüler:innen in der Ausbildung mitgeben: Lasst euch alles zahlen! Und wir wollen ihnen zeigen, worauf sie achten müssen, damit sie sagen können: Wir lassen uns nicht ausbeuten, wir machen unser eigenes Ding!

Das Interview führte Stefanie Marek.

Titelbild: ZackZack/ Christopher Glanzl

Autor

  • Stefanie Marek

    Redakteurin für Chronik und Leben. Kulturaffin und geschichtenverliebt. Spricht für ZackZack mit spannenden Menschen und berichtet am liebsten aus Gerichtssälen.

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