Dienstag, Juli 23, 2024

Rechte, Frauen, Frauenrechte

In Vorarlberg geht der letzte Arzt, der Abtreibungen durchführt bald in den Ruhestand. Inmitten erzkonservativer Agitationen gegen Schwangerschaftsabbrüche findet sich bislang kein Nachfolger.

Wo man als Frau landet, wenn man darauf vertraut, dass Staat und Kirche getrennte Bereiche sind und keine osmotisch kommunizierenden Gefäße: in Vorarlberg derzeit vor der Tatsache, dass kirchlicher Protest und jener von selbsternannten Lebensschützern dazu geführt hat, dass die Nachfolge für jenen siebzigjährigen Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt und gleichzeitig letzter Mohikaner und gallisches Dorf im Ländle ist (und der auch Morddrohungen erhielt), wieder ungeklärt ist.

„Lebensschützer“ potenzielle Todesengel


Eine Lösung gab es ja schon. Eine Variante: Privatordination neben Spital. Eine andere: private Ärzte im Spital. Aber nach anfänglicher Absegnung des ersten Projektes musste die zuständige Landesrätin wieder zurückrudern und die Angelegenheit wurde schnell wieder bereinigt.  Insofern herrscht nun tabula rasa: das Projekt ist vom Tisch und der Tisch wieder rein. Spitäler seien in erster Linie dazu da, Leben zu retten und Gesundheit zu fördern, sagt ihre Parteikollegin Barbara Schöbi-Fink. Es scheint leider an ihr vorübergegangen zu sein, dass in Polen mehrere Frauen gestorben sind, weil sie keinen Schwangerschaftsabbruch erhalten durften.
Das Krankenhaus sei eben ein Lebensort, sagen selbsternannte Lebensschützer. Es soll also lieber die Illegalität einer Engelmacherin ein möglicher Todesort für betroffene Frauen werden. Mitten im Europa des Jahres 2023 müssen wir erneut durchdiskutieren, warum fehlende Abtreibungsmöglichkeiten für Frauen lebensgefährlich sind.

Ins Hinüber gehen

Wohin diese Diskussion führt, kann man dort sehen, wo die politischen Entscheidungen auf religiöser Basis bereits einigen Frauen das Leben kosteten. Der Frauenkörper war immer schon Schlachtfeld politischer und religiöser Begehrlichkeiten, schon Eva hat der Menschheit die Erbsünde eingebrockt und jetzt wollen die Weiber auch noch entscheiden, was mit ihren Körpern nicht oder doch geschieht. Doch zurück zum Ursprung: Der einzige Arzt, der in Vorarlberg Schwangerschaftsabbrüche durchführt, will mit 71 Jahren verdient in Pension gehen, er wird sogar bei Aufschieben dieses Pensionsantritts nicht ewig ordinieren (können). Die Nachfolgenden sind noch nicht angetreten, man wüsste auch noch gar nicht, wohin genau. Und die Vorarlberger Frauen? Wenn sie keine Behandlung erhalten können, sollen sie eben in die Schweiz gehen. Ist ja auch schön, die Schweiz! Da bekommt die politisch sattsam bekannte Aufforderung “Geh doch rüber!” eine völlig neue Bedeutung.

Titelbild: Miriam Moné / ZackZack

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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