Mittwoch, April 24, 2024

Oh du Fröhliche!

Wie jedes Jahr sind die Weihnachtszeit und die Feiertage für mich eine Zeit des Rückblicks, aber auch des verstärkten Wahrnehmens von Armut.

Während für uns die Weihnachtszeit inzwischen eine ist, die wir als Familie genießen können, gibt es noch immer viel zu viele Menschen, denen Weihnachten Sorgen bereitet. Denn bei einigen weicht das behagliche Weihnachtsglück der Entbehrung und Beschämung.

Doch dazu später mehr. Denn zunächst will ich von der ereignisreichen Zeit vor Weihnachten erzählen.

Der eigenen Vorurteile bewusst werden

Da gabs zum einen eine Lesung in einer Schule, die erste dieser Art und ja, ich war extrem nervös. Wie würden Schüler*innen mit so einem schwermütigen Thema wie Armut umgehen? Wie lange würden sie aufmerksam zuhören? Doch es hat mir gezeigt, wie tief auch meine eigenen Vorurteile noch sitzen, denn sie haben nicht nur die gesamte Zeit zugehört, sondern sogar unglaublich interessante Fragen gestellt.

Soviel zum Thema, die Jugend sei oberflächlich. Genau das Gegenteil war der Fall. Es hat mir gezeigt, dass Sensibilisierung über Armut und Beschämung wirklich bereits in den Schulen passieren sollte, damit es in Zukunft einfach komplett normal ist, darüber zu sprechen. Zu sagen “Ich bin arm” sollte so einfach über die Lippen kommen wie „Ich geh heute zum Friseur”. Ja, bestimmt ein langer Weg, aber die Hoffnung ist da.

Bei einer anderen Veranstaltung kam danach ein Pädagoge zu mir. Weil ihm erst jetzt bewusst wurde, weshalb Schüler*innen seiner Klasse merkwürdig reagierten, als er gegen Monatsende meinte, sie bräuchten bis zum nächsten Tag neue Hefte. Es war ihm nie bewusst, wie schwierig selbst 3 Euro sein können und wie stark das sogar die Kinder belastet. Weil diese wissen, wie viel Stress es für die Eltern bedeutet, wieder extra Geld auszugeben, wenn sie nicht damit gerechnet hatten. Er wird in Zukunft solche Anschaffungen immer mehrere Tage vorher bekannt geben und vor allem eher zu Beginn des Monats.

Es sind diese kleinen Dinge, die oft einen großen Unterschied machen. Und es berührt mich jedes Mal wieder, wenn manchen dies bewusst wird.

Außerdem gabs eine Weiterbildung mit Elementarpädagog*innen, bei der nicht nur über die Entstehung von Armut, über die strukturellen Ursachen und die Folgen davon gesprochen wurde, sondern auch über ganz konkrete Alltagssituationen und wie diese mit kleinen Hebeln beschämungsfrei zu lösen wären. Sodass es nicht mehr an den Pädagog*innen hängen bleibt, immer wieder Eltern nachtelefonieren zu müssen, weil zum Beispiel noch Geld fehlt. Es gibt sie, diese kleinen Schritte, und sie werden mehr und mehr umgesetzt. Zum Beispiel die Kleiderecke, in der Gebrauchtes abgegeben werden kann. Die aber nicht unter dem Deckmantel des „nicht leistbar” läuft, sondern unter “Nachhaltigkeit”. Dadurch fällt die Scham weg und sie wird wesentlich besser genutzt. Es funktioniert. Wenn man sensibilisiert.

Der Unterschied zu früher: Perspektiven!

Intensiv wird auch das Neue Jahr, mit einigen Lehrveranstaltungen an Hochschulen, mit einem großen Projekt zur Sensibilisierung und mit zahlreichen kleineren, aber umso wichtigeren Veranstaltungen. Mein Jahr ist voll und ich kann in Ruhe vorausschauen. Habe Perspektiven. Und mache das, was mir am meisten am Herz liegt: aufklären über die Folgen von Armut und Beschämung.

Wenn ich jetzt ein paar Jahre zurück denke, so war diese Zeit vor Weihnachten mit die schlimmste im ganzen Jahr. Der Stress, der Druck, alles so gut wie möglich zu schaffen, die Wichtelgeschenke für die Schule zu beschaffen, mit den Kindern sämtliche Veranstaltungen zu besuchen und immer noch ein paar Euro in der Tasche zu haben, um nicht jedes einzelne Mal nein sagen zu müssen, wenn‘s einen Kakao oder Kekse gab. Der Druck mit den Weihnachtsgeschenken, auch wenn die Kinder aufgehört hatten, sich etwas zu wünschen (alle Kinder haben Wünsche, doch jene aus armutsbetroffenen Familien hören auf, sie zu benennen, weil sie wissen, was es für die Eltern bedeutet).

All das liegt nun zurück. Und doch auch nicht. Denn selbst wenn es uns nun besser geht, ist mein Postfach voll mit Nachrichten von Menschen, die auch heute noch in dieser Situation sind und die Weihnachten am liebsten abschaffen würden. Ich kann und werde nie vergessen, woher ich komme, so wie manche, die dann kommentieren „Aber ich hab´s doch auch geschafft”.

Ja, hast du. Als eine der wenigen, denn sozialer Aufstieg ist und bleibt ein Mythos und solange sich die Strukturen nicht ändern und Menschen in prekären Jobs festhängen oder durch Erkrankungen in Armut leben, genauso lange gilt dieses “selbst geschafft” nicht. Denn es braucht immer auch Glück dazu. Ich hatte es. Zu viele leider nicht. Zu viele, die keine Perspektiven haben oder sie gar nicht mehr sehen. Und ihnen widme ich in dieser Zeit meine Gedanken.

Und meine Hoffnung, dass Armut endlich nichts mehr ist, weswegen sie beschämt werden.

Titelbild: Christopher Glanzl

Daniela Brodesser
Daniela Brodesser
Daniela Brodesser macht als Autorin den Teufelskreis der Armut sichtbar und engagiert sich persönlich gegen armutsbedingte Ausgrenzung und Verzweiflung.
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6 Kommentare

  1. Leider ist es für mich bei Pilz am Sonntag nicht mehr möglich zu posten.
    Aber meiner Meinung nach passt das auch ganz gut hier her, vor allem mit der Überschrift “Oh du Fröhliche”!
    (Dazu möchte ich, wie schon öfter bei diesen Themen angemerkt, mich für diesen Beitrag bedanken, welcher den aktuellen Nagel, wieder auch in der gelebten Praxis vorstellend, auf den Kopf getroffen hat.
    In den politischen Progagandamedien kann man von diesen Zuständen leider noch immer nichts lesen. Bei der aus meiner Sicht “Heuchel- und Zudeckersendung Licht ins Dunkel” erfährt man auch sehr wenig bis gar nichts und suggeriert noch, dass wenn es vielleicht eben solche Fälle geben würde, diesen dann eben von Licht ins Dunkel abgedeckt würden… – die politische Wiedergutmachungssendung für die Zwangssteuer?)

    https://orf.at/stories/3343949/
    So sorgt sich die Frau Endstadler wieder einmal sehr um die potentiellen Täter in diesem Land und will nun eine sofortige Justizreform in diesem Lande nach diesem Verfassungsgerichtsurteil.
    Die Opfer scheinen ihr weiter egal zu sein und das Informationsfreiheitsgesetz wo wir dessen Qualtiät vor allem in der gelebten Praxis noch gar nicht kennen, hatte sie schon seit Jahren verschoben und kürzlich nun auch noch bis Ende 2025 – WELCH WIEDERSPRUCH!

  2. Bei einer anderen Veranstaltung kam danach ein Pädagoge zu mir. Weil ihm erst jetzt bewusst wurde, weshalb Schüler*innen seiner Klasse merkwürdig reagierten, als er gegen Monatsende meinte, sie bräuchten bis zum nächsten Tag neue Hefte. Es war ihm nie bewusst, wie schwierig selbst 3 Euro sein können und wie stark das sogar die Kinder belastet. Weil diese wissen, wie viel Stress es für die Eltern bedeutet, wieder extra Geld auszugeben, wenn sie nicht damit gerechnet hatten.

    ZZ hat doch Rauch den “Gesundheits und Sozialminister” gefragt was er zur steigenden Kinderarmut sagt, die anfrage wurde einfach ignoriert….nicht weil Rauch in erster Linie keine ZZ anfragen beantwortet möchte sondern weils ihm schleicht weg egal ist…grüne halt….

  3. Alle jene die gerne über Sozialschmarotzer herziehen und ihnen die berühmte Hängematte entziehen wollen, fabulieren dann immer gleich drüber dass es Eifer, Fleiß und Disziplin benötigt um nach oben zu kommen. Davon abgesehen dass sie solches gar als patriotische Pflicht erachten um nicht zum Volksschädling zu mutieren, gefallen sie sich darin den berühmten Opa zu bemühen, der schon von früh auf die Ärmel hochgekrempelt hat, derweil viele Andere noch dabei waren ein scheinbar unabänderliches Schicksal zu beweinen oder gar die Stirn hatten von sozialer Ungerechtigkeit zu sprechen. Bei solchen Moralisten handelt es sich in erster Linie um Gestalten von denen keine Rede sein kann von hart erarbeiteten Aufstieg. Viel mehr sind dies charakterliche Ungustl’n die befürchten dass ihnen mal was streitig gemacht werden könnte, im Bewusstsein (bzw. Unterbewusstsein) dass ihnen viele innehabenden Privilegien gar nicht wirklich zustehen, ginge es nach ihren Prinzipien. Warum fallen mir dazu gleich etliche VP Politiker ein?

  4. Nachdem mittlerweile immer mehr Eltern entdecken, dass ihr Kind im späteren Leben nicht unbedingt glücklicher wird, wenn sie es zum “Konsumkrüppel” erziehen, wird auch die Stigmatisierung von Kinder aus armen Familien in der Schule weniger. Eine gute Sache, wie ich finde. Jetzt müsste nur mehr die Schule dahingehend mitziehen, dass bei schulischen Aktivitäten keiner aus finanziellen Gründen zurückgelassen werden muss. Elitäre Sportarten wie Skifahren und die Klassenfahrt ins Ausland sind dazu wohl weniger geeignet.

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