Sonntag, Juli 14, 2024

Der Golfstrom schwächelt

Was bedeutet das für das Klima in Europa?

Eine Simulation des Instituts für Meeres- und Atmosphärenforschung in Utrecht zeigt, dass es um die Stärke des Golfstroms nicht gut bestellt ist. Zwar scheint der völlige Stillstand der europäischen Wärmepumpe in absehbarer Zeit recht unwahrscheinlich zu sein. Ein deutlich schwächerer Golfstrom könnte aber ein sehr realistisches Zukunftsszenario sein – mit gravierenden Folgen.

Wien 05. Jänner 2020 / Der Golfstrom ist so etwas, wie die Zentralheizung Europas, vor allem für den Westen und Norden. Würde zum Beispiel Irland im Südatlantik auf derselben geografischen Breite liegen, so wäre das Klima um einiges rauer – und vor allem kühler. Die Falkland Inseln liegen im Südatlantik auf derselben geografischen Breite wie Irland im Nordatlantik. Das Klima auf den Falkland Inseln ist bekanntlich mäßig einladend, im Gegensatz zu Irland, das für seine üppige Flora und sein mildes Klima berühmt ist. Der Golfstrom sorgt in Irland und nicht nur dort für ein angenehmes Klima.

Die große transatlantische Pumpe

Der Golfstrom pumpt ständig warmes Wasser aus der Karibik in den Nordatlantik und sorgt damit für gemäßigte Temperaturen bis in den hohen Norden. Das warme Wasser aus der Karibik kühlt im Nordatlantik ab und sinkt auf Grund seines hohen Salzgehaltes drei Kilometer in die Tiefe ab, um dort in den Südatlantik zurückzufließen. Das absinkende Wasser zieht dabei neues Wasser aus der Karibik nach. Der Kreislauf ist geschlossen.

Salzgehalt entscheidender Faktor

Nun zeigen mehrere Studien, dass sich durch das Schmelzwasser der Arktis und der Gletscher in Grönland der Salzgehalt verringert. Weniger salzreiches Wasser ist leichter und sinkt deshalb weniger gut und schnell ab. Die Pumpe stockt. In der Periode zwischen 2008 und 2018 war die Stärke des Golfstromes nur bei einem Fünftel der Periode von 2004 bis 2008. Ende 2009 kam der Golfstrom deshalb sogar kurzzeitig fast zum Erliegen.

Schwacher Golfstrom als wahrscheinliche Zukunft

Eine neue Studie des Instituts für Meeres- und Atmosphärenforschung in Utrecht, die auf einer umfassenden Simulation beruht, zeigt nun, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Golfstrom in den nächsten 100 Jahren teilweise komplett versiegt, relativ gering ist. Dass er aber schwächer wird, das scheint mit hoher Wahrscheinlichkeit einzutreten. Damit deckt sich die Simulation mit vielen weiteren Studien, die bisher ebenfalls darauf hindeuten, dass der Golfstrom sich stark verändern könnte.

Schon 2017 hat eine Studie des Instituts für Klimaforschung Potsdam gezeigt, dass nicht nur der Salzgehalt im Oberflächenwasser abnimmt, sondern dass am Ende des Kreislaufs im Südatlantik sehr salziges Wasser in den Kreislauf eindringt und damit die Pumpwirkung noch einmal hemmt. Ursache dafür sind stärker Westwinde in dieser Gegend. Eine Vorhersage dieser Studie ist, dass die Temperaturen bis um drei Grad in Europa sinken würden, wenn der Golfstrom zum Stehen käme. Besonders betroffen wären Frankreich, Irland, Großbritannien und Skandinavien. Damals meinten die Autoren, dass es aber schwer abzuschätzen ist, ob und wann das der Fall sein könnte. Die neue Studie aus Utrecht schließt diese Lücke.

Wie ernst ist die Lage?

Das Szenario des völligen Stillstandes des Golfstroms scheint derzeit zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich zu sein. Ein starkes Schwächeln dürfte durchaus in den nächsten Jahrzehnten eintreten. Wie immer sind die Forscher sehr vorsichtig mit ihren Schlüssen. Schließlich ist eine Simulation kein Beweis.

Tappen wir in die Klimawandel-Falle?

Der Klimawandel, der zuerst ebenfalls auf Grundlage von Modellrechnungen vorausgesagt wurde, macht uns heute deutlich, dass zu viel Vorsicht zu wenig oder gar keiner Bewusstseinsbildung führt. Die hohen Temperaturen, die derzeit zu den vielen Buschfeuern in Australien führen, waren in den Klimamodellen durchaus enthalten, aber offenbar hat das niemand wirklich ernst genommen. Die Folgen sind derzeit, angesichts der riesigen Feuer, sehr dramatisch. Etliche Menschen und 500 Millionen Tiere mussten ihr Leben im australischen Feuer lassen.

Ein schwacher Golfstrom könnte für Europa ebenfalls drastische Folgen haben. Der Mechanismus, der dazu führt, ist bekannt und mittlerweile gut erforscht. Das Abschmelzen der Arktis ist eindeutig ein entscheidender Treiber für dieses Szenario. Der Prozess schreitet derzeit ungebremst voran. Die Folgen könnten für Europa einschneidend sein.

(sm)

Titelbild: NASA

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