Coronavirus:

Pandemische Entwicklung

Das Coronavirus hat neue Epizentren: In Italien stiegen die Fälle sprunghaft an, im Iran könnte das Virus weiter verbreitet sein als gemeldet, auch Südkorea sieht sich bedroht. Die neuartige Krankheit entwickelt sich mit flottem Tempo zur Pandemie.

Wien, 24. Februar 2020 / Ausnahmezustand in Italien, Epidemie im Iran, zunehmende Verbreitung in Japan, Südkorea und Hong Kong – das neuartige Coronavirus hält die Welt in Atem. Zugleich wirkt die Politik überfordert. Um die Weltwirtschaft nicht zu gefährden, werden umfassende rigorose Maßnahmen kaum diskutiert. Stattdessen fragen sich Entscheidungsträger in Österreich und der Schweiz, ob an der Grenze zu Italien Fiebermessungen durchgeführt werden sollten.

Politischer Aktionismus

Das wäre aber reiner Aktionismus. Obwohl man noch nicht allzu viel über SARS-CoV2 weiß, ist klar, dass die Krankheit eine lange Inkubationszeit hat. Chinesische Forscher bezweifelten vor rund 10 Tagen sogar die verlautbarte Periode von 14 Tagen. Eine Forschung, angeführt vom führenden chinesischen Virologen, kam zum Schluss, dass die Inkubationszeit in manchen Fällen bis zu 24 Tage betragen könnte.

Italien wurde jedenfalls zum ersten europäischen Epizentrum des Ausbruchs – obwohl Italien das erste Land Europas war, das Direktflüge zwischen Italien und China völlig aussetzte. Das Politbüro um Xi reagierte daraufhin empört.

Ein 38-jähriger Hobbysportler liegt aktuell auf der Intensivstation, er soll das Virus ordentlich verbreitet haben. Doch bei wem er sich angesteckt hat, ist nicht eruiert. Mittlerweile geht man davon aus, dass es mehrere Personen gab, die das Virus anfänglich verbreiteten.

Norditalien verunsichert

Das ist gut möglich: In ganz Italien leben viele chinesische Wanderarbeiter. Auch in Norditalien schuften sie in Strickereien und Nähereien oder verkaufen ihre Produkte in touristischen Hotspots. Das Virus aufzuhalten, dürfte also enorm schwer werden. Wie leicht sich Corona verbreiten könnte, macht ein Twitter-Nutzer anschaulich, indem er auf die Realität mancher chinesischer Migranten hinweist.

Italien versucht es mit Zwangsmaßnahmen: der Venediger Karneval ist abgesagt, Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Serie-A-Fußballspiele ebenso (genauso wie Südkorea, das den Saisonstart der Fußball-Topliga verschoben hat), 50.000 Menschen wurden unter Quarantäne gesetzt. Sie dürfen aus ihren Dörfern nicht hinaus und niemand darf hinein. Notfalls will der Ministerpräsident Conte die Maßnahmen mit dem Militär durchsetzen.

In Mailand bereiten sich die Menschen auf ähnliche Maßnahmen vor, die Supermärkte sind teilweise leergeräumt.

Iran

Als weiterer Brandherd gilt seit den letzten Tagen der Iran. Das von Sanktionen und Misswirtschaft gebeutelte Land, blickt offenbar ebenfalls einem ernsten Ausbruch entgegen. Obwohl die offizielle Datenbank der Johns Hopkins Universität noch 43 Fälle und 8 Tote führt, berichten Presseagenturen von 50 Toten alleine in der Stadt Ghom. Die Todesfälle sollen bis zum 13. Februar zurückreichen, offiziell berichtete der Iran am 19. Februar vom ersten Opfer.

Gerüchte, dass der Ausbruch des Virus vom Regime vertuscht werden sollte, werden dadurch weiter genährt. Offenbar wachsen auch die Spannungen zwischen Regimegegner und der Khamenei-Führung erneut an.

Die Türkei hatte bereits am Sonntag ihre Grenzübergänge zum Iran geschlossen. Zudem dürften ab 20.00 Uhr Ortszeit keine Flüge aus dem Iran mehr in der Türkei landen. Auch Afghanistan schloss die Grenze. Dort wurde der erste Fall mittlerweile bestätigt.

Südkorea

Südkorea sieht eine entscheidene Phase im Kampf gegen eine Epidemie. Bei 833 bestätigten Fällen ist Südkorea der Spitzenreiter an Corona-Fällen außerhalb Chinas. Dort werden die Menschen aufgerufen, von zu Hause aus zu arbeiten. Seoul, die ansonsten lebendige Hauptstadt, erinnert an die leeren Straßen von Wuhan.

Das Epizentrum liegt rund 250 Meilen von Seoul entfernt in Daegu. Die Regierung befürchtet, dass sich das Virus weiter im ganzen Land ausbreiten wird, wenn der Ausbruch in Daegu nicht bald eingedämmt werden kann. Deshalb rief man am Sonntag die höchste Warnstufe aus. Nicht nur die Fußball-Liga, auch der Schulbeginn wurde verschoben.

Obwohl größere Menschenansammlungen aufgrund des Virus verboten sind, protestierten am Samstag einige Tausend Menschen in Seoul. Sie fordern ihre Regierung auf, die Grenze zu China zu schließen.

China

Die chinesische Regierung schwört die Bevölkerung weiter auf den “Krieg gegen das Virus” auf. Der jährliche Parteitag wurde abgesagt, aus Wuhan sind hauptsächlich Propaganda-Bilder zu finden. Freie Reporter und Journalisten werden verschleppt. Der bekannte Reporter Chen Qiushi ist seit 18 Tagen spurlos verschwunden. Er berichtete direkt aus Wuhan.

Zudem forderte der chinesische Kulturminister chinesische Touristen heute auf, nicht in die USA zu reisen. Die USA würde aufgrund der Epidemie überreagieren, und die Chinesen unfair behandeln. Laut offiziellen Stellen bleiben die massiven Sicherheitsvorkehrungen weiter aufrecht, ebenso wurde über einen Ausbruch in zumindest einem Gefängnis berichtet. Dennoch wurden einige Fabriken aufgrund des wirtschaftlichen Drucks wieder geöffnet.

Als eine Konsequenz der Coronavirus-Epidemie im Land hat China den Handel mit Wildtieren sowie deren Verzehr komplett verboten. Ein entsprechender Vorschlag wurde am Montag vom Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses getroffen, wie das chinesische Staatsfernsehen berichtete.

Das Verbot solle die “schlechte Gewohnheit des übermäßigen Konsums von Wildtieren” beenden und “Leben und Gesundheit der Menschen wirksam schützen”. Das Verbot tritt demnach sofort in Kraft.

Kein Höhepunkt des Ausbruchs in Sicht

Klar ist: Der Ausbruch ist noch lange nicht an seinem Höhepunkt. Schweizer Gesundheits-Experten gehen mit Sicherheit davon aus, dass das Virus sich aus Italien in die Schweiz ausbreitet. Unwahrscheinlich ist daher, dass es Österreich verschont.

Auch die Spezialisten für Infektionskrankheiten, SPÖ-Chefin Rendi-Wagner, geht in die Offensive. “Es ist jetzt höchste Zeit für eine Informationsoffensive und umfassende Aufklärung für die Bevölkerung. Die Lage ist ernst. Die Menschen sind verunsichert, sie wissen nicht, wie sie sich selbst am besten schützen sollen”, sagte Rendi-Wagner am Montag.

Es brauche leicht zugängliche Informationen, wie man sich vor einer Ansteckung schützen kann, wie die Symptome aussehen, wie die Behandlung verläuft, wer die Risikogruppen sind und Verhaltensregeln. Heute stellen sich Innenminister Nehammer, Gesundheitsminister Anschober und Bundeskanzler Kurz erneut der Presse.

Update (15:32): Teheran dementiert die Meldung, nachdem die Anzahl an Todesfällen viermal höher ist, als offiziell angegeben.

(ot/apa)

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Titelbild: APA Picturedesk

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