Die Entschleunigungslüge

Ist Homeoffice Arbeit?

Jene Arbeit, die es gerade noch gibt, wird von daheim ausgeführt – demgegenüber stehen fast 200.000 Arbeitslose in nur zwei Wochen. Was bedeutet es für die Arbeit grundsätzlich, wenn das soziale Leben abgedreht ist und hat das, was gerade passiert, wirklich irgendetwas mit „Entschleunigung“ zu tun?

Wien, 28. März 2020 / Seitdem Arbeitskraft eine Ware wurde, die man zu verkaufen hat, seitdem Leibeigenschaft und Sklaverei beendet wurde, und der moderne Arbeiter “entstand”, war Arbeit von der restlichen Lebenszeit strikt getrennt. Freizeit entwickelte sich. Das Virus hat diese Trennung nun aber aufgehoben. Es ist die erste Form der kapitalistischen Arbeit, die sich im „Home-Office“ erledigt hat.

Freizeit und Arbeit nicht mehr getrennt

Aus der Trennung von Arbeit und Freizeit folgen zwei verschiedene räumliche Ebenen. Der Raum der Arbeit schafft eine Erweiterung des sozialen Raumes bzw. des sozialen Feldes. Man begegnet Menschen, die außerhalb enger Beziehungen stehen, lebt aktiv in der Gesellschaft. Diese räumliche Ebene bricht mit „Home-Office“ weg. Indem dieser soziale Raum verloren geht, verabschiedet sich das soziale Werk der Arbeit.

Dass sich Arbeit, oder das was darunter verstanden wird, über ein gemeinschaftliches Produkt bestimmt, war schon lange vor dem Kapitalismus so. Ein Denkbild drängt sich auf, Notre-Dame kommt in den Sinn: Die Kathedrale, galt als das Werk schlechthin in der Ära des Mittelalters. Über Generationen hindurch wurde gemeinschaftlich an einem Projekt gearbeitet, das die Frühromantiker Jahrhunderte später repräsentativ für ihr Konzept des „Gesamtkunstwerks“ verstanden.

Die Zerstörung des gemeinsamen Werks

Seit der Zeit des Kathedralen-Baus differenzierte sich Arbeit immer mehr, spezialisierte sich stetig, ein kollektives Werk einer einzelnen Kommune gibt es nicht mehr – in der globalisierten Welt ist das Wirtschaftssystem selbst, die mehr oder minder reibungslosen Abläufe der verschiedenen Ketten von Produktion und Konsum, das kollektive Werk.

Doch es wurde bis zum Virus zumindest an einem gemeinsamen Ort gearbeitet. Auch wenn durch die Spezialisierung selten ein Büro an einer gemeinsamen Arbeit werkte, durch die räumliche Verbindung war zumindest eine soziale Verbindung gesichert. Das gemeinsame Werk war jedoch schon lange nicht mehrso konkret wie eine Kathedrale. Der Brand von Notre-Dame drückt eben das aus, was „Home-Office“ zerstört hat: Das gemeinsame Werk.

Während die Teilnahme am öffentlichen Arbeitsleben integrierend wirkt und es historisch gesehen sogar geschafft hat, ein kollektives Bewusstsein, ein Klassenbewusstsein hervorzubringen, wirkt „Home-Office“ exkludierend. Die Gefahr besteht, sich zurückgeworfen auf sich selbst wiederzufinden, der soziale Horizont ist nur noch in digitalisierten „Video-Konferenzen“ zu finden – und dieser ist dann nichts weiter als ein plumpes Spiegelbild ohne Substanz. Arbeit ist jetzt nur mehr im digitalisierten Raum zu finden.

Die Welt hat sich beschleunigt

Verkauft wird das von allerlei Menschen als neue, entschleunigte Realität. Ohnehin hätten sich viele Menschen das schon länger gewünscht, so wird erzählt: Weniger Autoverkehr, weniger Flugverkehr, weniger sinnlose Business-Meetings, weniger naturzerstörerischer Tourismus, weniger sinnloser Konsum. Endlich wären wir gezwungen, „einen Gang runterzuschalten“, unser Leben wäre ja ohnehin viel zu hektisch gewesen. Jetzt – zuhause in der Isolation – ist endlich Zeit für Yoga und Atemübungen.

Reden von „Entschleunigung“ ist nichts weiter als ein abstoßender Zynismus der Oberschicht und ein Kaschieren dessen, was wirklich gerade vor sich geht: Nämlich ein Umverteilungskampf, ein Klassenkampf. Die Wirtschaftskrise, die kommt, ist historisch einmalig – denn Kapitalisten und Arbeiter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, gehen beide gemeinsam pleite. Aber Leute reden von „Entschleunigung“.

Es ist ein Diskurs, den Personen aus dem „Home-Office“ in die digitale Welt blasen, während Österreich in zwei Wochen fast 200.000 Arbeitslose mehr bekommen hat – viele Unternehmer, viele Künstler, Selbständige, die keine Ahnung haben, wie die Miete bezahlt wird.

Mitten in einer sozialen Krise

Für den Großteil der Menschen hat die angeblich entschleunigte Welt keinen „Gang zurückgeschalten“. Sie hat sie stattdessen völlig auf sie selbst zurückgeworfen, konfrontiert mit existenziellen Problemen. Auch wenn die Spirale – das berühmte Hamsterrad zusammengesetzt aus Essen, Schlafen, Arbeiten – zusammengebrochen ist, hat das nichts mit Entschleunigung zu tun. Gerade weil es zum Zusammenbruch kam, hat sich die Welt für viele Menschen beschleunigt. Tage, Wochen sind es, bis ihnen die Pleite droht.

Mit der klassischen Arbeit verschwand auch die klassische Wirklichkeit. Denn die Arbeit strukturierte unsere Realität. Sie trennte Öffentlichkeit von Privatheit, Produktivität von Entspannung, Disziplin von Laissez-faire. Diese klassische Bestimmung der Arbeit gab der Gesellschaft Struktur und Klarheit.

Jene, die von Entschleunigung reden, müssen keine Video-Konferenz schalten, um zu wissen, dass sie in ihren Gärten oder ihrer Dachterrasse sitzen und das Ausmaß der sozialen Krise in keiner Weise begreifen. Arbeit wird in dieser Zeit neu gedacht. Wie sie danach verstanden wird, wird auch entscheiden, ob wir in einer solidarischeren Welt aufwachen werden oder unser Leben nun zu einer Tech-Dystopie mutiert.

Thomas Oysmüller

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Titelbild: APA Picturedesk

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