Samstag, Juli 27, 2024

Niemand mehr da

Der kapitalistische Neo-Liberalismus, der 1979 begann, hat Wohlstand und Demokratie versprochen und das Gegenteil gebracht.

In der Straße, in der ich wohne, gibt es einen Diskontsupermarkt. Dort, wo früher, wenn sich eine Schlange bildete, »Zweite Kassa, bitte!« gerufen wurde, ertönt heute der Ruf: »Erste Kassa, bitte!« Eine einzige Frau arbeitet in diesem Supermarkt, sie kassiert, räumt Regale ein und erklärt mir, bei dem kurzen Gespräch, das wir an der Kassa führen können, dass sie so wenig wie möglich am Tag trinkt, weil sie während der Arbeit nicht aufs Klo gehen kann – sonst wäre der Supermarkt ohne Personal.

Der Hort schickt den Eltern die Bitte, sie mögen ihre Kinder nicht in Betreuung geben, da es kein Personal gäbe, und schließe jetzt zwei Stunden früher als üblich. Chirurginnen müssen also, wenn sie alleinerziehende Mütter sind oder einfach niemand anderen zur Abholung und weiteren Betreuung ihres Kindes schicken können, um 15:00 Uhr das Skalpell fallen lassen oder Patienten bitten, sie mögen sich bitte nicht operieren lassen.

Ist da jemand?

Die Frage Ist da jemand? – als Slogan aus dem caritativen Bereich bekannt – könnte heute auf die Wirtschaft ausgedehnt werden. Und man müsste antworten: »Nein, es ist niemand mehr da.« Der Aberwitz des Kapitalismus ist, dass er mit seiner Expansion nun alle jene Einschränkungen bringt, die er einmal bekämpft, ja verhöhnt und geschmäht hat.

Als ich 1989 nach Wien kam, wurde ich ausgelacht, weil ich der Meinung war, dass Supermärkte wie die Kreisler auf dem Land an Donnerstagen nachmittags geschlossen haben. Heute ist der Rückfall hinter die Errungenschaften der Vergangenheit evident: Ortschaften, die nur mehr jeden zweiten Tag Post bekommen; Ortschaften, in denen es keine Bankomaten gibt; Postämter, die zu Mittag zusperren; Medikamente, die nicht vorhanden oder »schwer zu bekommen« sind. Am Höhepunkt von Covid-, Erkältungs- und Grippeerkrankungen schützt man weder sich noch die anderen, kann nicht testen, erhält keine Impfungen. Reisen müssen monatelang im Voraus gebucht werden, ja sogar das Abendessen in einem Restaurant, in das man früher einfach reinspaziert ist.

Unangenehme Fragen

Unlängst habe ich online in einem Restaurant zwei Plätze gebucht. Wegen angeblich hoher Auslastung wurde ich einen Tag davor gebeten, meine Buchung ein zweites Mal zu bestätigen. Ich bestätigte also ein zweites Mal, nur um an diesem Abend in einem Lokal mit etwa dreißig Tischen, vier davon besetzt vorzufinden.

Ich weiß nicht, ob mich die wachsende Unfreiheit mehr stört als das Gefühl, dass ich einfach nicht willkommen bin. Ich glaube, es ist etwas anderes, viel Fundamentaleres: Das Scheitern einer Gesellschaft. Die Gesellschaft scheitert daran, sich die unangenehmen Fragen zu stellen, die sie sich stellen muss. Sie scheitert an den unangenehmen Veränderungen, die sie selbst als notwendig erachtet, aber nicht vornehmen will. Der Ausweg aus dieser Zwickmühle ist der Trotz. Er äußert sich darin, dass man entweder darauf beharrt, das alles so bleiben muss »wie es immer war« (das sind die Reaktionäre), dass man gegen alles ist (das sind die sogenannten Protestwähler) oder dass man fordert, man möge »zurückkehren« zu einem freilich im Rückblick idealisierten Zustand (das sind die Rechten).

Kein Umdenken

Die Regierungspolitik ist reine Propaganda geworden, die Probleme übertüncht und Scheinlösungen vorgibt. Diese Propaganda kostet immer mehr Geld, die man auch für Kinderbetreuung ausgeben könnte. Könnte! Aber jahrezehntelange Rationalisierungen, Einsparungen und Auslagerungen haben unsere gesamte Gesellschaft träge und abhängig gemacht. Die kapitalistische Politik der letzten vierzig Jahre steht an ihrem Endpunkt. Sie ist dem Irrtum aufgesessen, dass sie ohne staatliche Regulierung noch größeren Wohlstand bringen werde. In Wahrheit hat sie nur damals, als sie noch reguliert wurde, Prosperität gebracht.

Es gibt selbstverständlich die Möglichkeit, das Personal in allen Sozialbereichen über die nächsten zwei Jahrzehnte zu verdoppeln und die Gehälter so anzupassen, dass Familien mit einem Verdienenden ihr Auskommen finden. Es gibt auch das Kapital dafür. Nur haben die Wählerinnen und Wähler beschlossen, Parteien zu küren, die dieses Kapital an Großkonzerne und Reiche verteilen, die dann ohne weitere Folgen Milliardenkonkurse verursachen können.

Kein Zurück

Anstatt sich aber die unangenehmen Fragen zu stellen, ist die Gesellschaft mehrheitlich einem Scheinmanöver auf den Leim gegangen, nämlich dem Benennen von Schuldigen. Schuld an der Misere der westlichen Demokratien haben angeblich die vielen »Fremden«, die in diese Gesellschaft einwandern wollen. Gerade diese Einwanderer waren es und sind es, die über Jahrzehnte die Forderung nach ständigem Wirtschaftswachstum durch ihre Arbeitsleistung eingelöst haben. Schuld an der Misere der westlichen Demokratie haben angeblich Parteien und politische Modelle, die einen starken Staat fordern, also eine Stärkung des Gemeinschaftsbesitzes und der gemeinschaftlichen Regulierung. Gerade diese Modelle sind es, die Prosperität und gerechtere Umverteilung möglich machen.

Gerade die progressiven Modelle sind es, die auf der Höhe der Zeit argumentieren und politisch nicht mit einem Zurück zu Diesem-und-Jenem arbeiten. Wohin sollen uns Bewegungen führen, die uns ein Zurück in eine gloriose Vergangenheit versprechen, die nie glorios war?

Keine Philosophie

Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Kapitalismus in den nächsten Jahrzehnten verschwindet. Es ist aber wohl möglich, dass politische Bewegungen, auch wenn sie nicht über eine Mehrheit verfügen, ihn zumindest bremsen und zügeln. Damit haben viele soziale Bewegungen einem System, das notwendigerweise auf Selbstzerstörung hinausläuft, in der Vergangenheit das Leben gerettet.

Der Kapitalismus ist keine Philosophie, kein kohärentes System, weder durchdacht noch schlüssig, sondern immer nur die Ansammlung jener Ziele, die die Wohlhabendsten einer Gesellschaft im Moment verfolgen. Heute sind sich Kapitalisten gar nicht mehr einig, ob sie für Demokratie sind (immer mehr sind offen für autokratische Staatssysteme) und ob sie für einen freien Markt sind (immer mehr sprechen sich gegen wirtschaftlichen Wettbewerb aus). Und so fühlt der Kapitalismus sich auch nicht zuständig für die gegenwärtige Situation, in der heute Wirklichkeit ist, was für Kapitalisten in den 80er-Jahren noch als Schreckgespenst galt: eine Mangelwirtschaft mit galoppierender Inflation, die die Mehrheit der Menschen in die Armut treibt.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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