Sexismus: Heute attackiert Standard

Dichand will anonyme Postings verbieten

Aufregung im Blätterwald: Das Gratis-Blatt “Heute” attackiert den „Standard“. Sexistische Kommentare seien tagelange nicht gelöscht worden. Eva Dichand nützt die Attacke, um gegen anonyme Poster zu wettern. Josef Geisler war der “Heute”-Herausgeberin dafür kein Kommentar wert.

Wien, 16. Juni 2020 | Rosenkrieg im österreichischen Blätterwald – oder doch ein feministischer Aufstand der “Heute” gegen toxische “Standard”-Leser? Als „Der Standard“ jedenfalls am Freitag über den neuen Job von Laura Rudas, ehemals SPÖ-Bundesgeschäftsführerin, berichtete, dachte man wohl nicht, dass dieser Artikel am Montag zur „Heute“-Titelstory werden würde.

Rechtsboulevard gegen „Qualitätspresse“

Eben das geschah gestern. Im Artikel mit dem Titel „Laura Rudas im „Standard“-Forum als „Unkraut“ beleidigt“, empört sich das Gratisblatt „Heute“ über die Moderation im „Standard“-Forum. Denn offen sexistische Kommentare unter der Gürtellinie wurden tagelang nicht gelöscht:

„Der “Standard”, der auf Medien wie “Heute” gern verächtlich herabblickt, löschte die üblen Postings nicht“,

schreibt die “Heute” in ihrem Artikel. Boulevard gegen Qualitätspresse – das ist brutaler als Kapfenberg gegen Simmering.

Denn nun sprang auch das zweite Gratis-Boulevardblatt auf den Zug auf. Die Fellner-Plattform „oe24“, die regelmäßig vom Presserat wegen unethischer Berichterstattung gerügt wird, schreibt heute: „Hass im Netz gegen Ex-SPÖ-Politikerin Laura Rudas“. Auch „Oe24“ attackiert den „Standard“:

„Und just in dem Blatt, in dem auch dem “Kampf gegen Hass im Netz” viel Raum gegeben wird, wurde die 39-jährige Top-Managerin wüst beschimpft.“

Bei Geisler war „Heute“ zurückhaltend

Die Postings, die auf „Der Standard“ zu finden waren, waren wirklich skandalös. Dass aber gerade der Rechtsboulevard als Sittenwächter ausrückt, verwundert. Beispiel: Weder „oe24“, noch „Heute“ positionierten sich klar gegen die unentschuldbare Entgleisung des Tiroler Vize-Landeshauptmanns Josef Geisler. „Heute“ berichtete mit nur zwei Artikeln gegen die irrsinnige Sexismus-Attacke von Geisler gegen eine WWF-Aktivisten. Letzter Artikel am 9. Juni: „Luder-Sager: Geisler gelobt Besserung.“

Das macht die Kommentare gegen Rudas keineswegs besser, aber es stellt sich die Frage nach den Prioritäten. Während Geisler in der „Heute“ der Persilschein ausgestellt wird, kritisiert man anonyme Forennutzer. Aber was soll man erwarten, wenn ein Vize-Landeshauptmann eine Frau als „widerwärtiges Luder“ bezeichnen kann und damit ohne Konsequenzen davon kommt? Diese Frage stellen sich wohl nicht nur die Nutzer.

Anonyme Postings weg, aber sexistischer Vize-Landeshauptmann bleibt?

Eva Dichand, “Heute”-Herausgeberin, empört sich seit gestern offen gegen den „Standard“. Sie empört sich sogar an der Presseförderung, die der “Standard“ kassiert.

Auf Twitter entgleiste der Rosenkrieg völlig.

Ganze sieben Tweets setzte Eva Dichand in ihrer Empörung ab. Wie viele Tweets schrieb sie rund um den Sexismus-Skandal von Josef Geisler? Null! Trotzdem hat Eva Dichand die Lösung: „Anonyme Postings weg!“

 

Unter Türkis-Blau wollte dies bereits der damalige Kulturminister Gernot Blümel umsetzen, wegen Ibiza und des Koalitionsbruchs scheiterte das Unterfangen. Josef Geisler hat erst bewiesen: Auch ohne Anonymität kommt man in Österreich mit skandalösen Sexismus-Attacken davon.

(ot)

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Titelbild: APA Picturedesk/Twitter Screenshot/ ZackZack-Grafik

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