Orban will größte regierungs-kritische Nachrichtenseite abdrehen

Die größte regierungskritische Nachrichtenseite Ungarns, “Index.hu”, sieht sich durch “Umstrukturierungspläne” Viktor Orbans in ihrer Existenz bedroht. „Der Druck von außen sei zu groß“ sagt der Chefredakteur in einem offenen Brief.

Wien, 22. Juni 2020 | “Wir wollen eine Nachrichtenseite, auf der nicht Politiker und Abgesandte der Regierung oder wirtschaftliche Akteure über Inhalte entscheiden können”, schrieb Dull, der die “kommenden Tage” als entscheidend für das “Schicksal von Index” bezeichnete. Den offenen Brief unterzeichneten auch Dutzende weitere bekannte Journalisten.

Pressefreiheit in Gefahr

“Index.hu” ist mit 1,5 Millionen Lesern täglich die meistbesuchte Nachrichten-Website in Ungarn und eine der letzten unabhängigen Stimmen in der ungarischen Medienlandschaft. Unter dem rechtsnationalen Ministerpräsidenten und Kurz-Freund Viktor Orban wurden zahlreiche Medien von Orban-Freunden übernommen. Ungarns Pressefreiheit sank in den vergangenen Jahren drastisch. Momentan steht Ungarn in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RoG/RSF) nur noch auf Platz 89 von 180.

Das Internationale Presse Institut (IPI) reagierte am Montag besorgt auf die Entwicklungen.

“Index ist eine besonders wichtige Stimme für unabhängige Nachrichten in Ungarn. Das Untergraben seiner Unabhängigkeit würde den Resten der Pressefreiheit (in Ungarn, Anm.) einen großen Schlag versetzen und den Weg zur weiteren Dominanz und Kontrolle der ungarischen Regierung über öffentliche Nachrichten und Informationen ebnen”,

wurde IPI-Vizedirektor Scott Griffen in einer Aussendung zitiert.

Umstrukturierungspläne

Die ebenfalls unabhängige Nachrichtenplattform “24.hu” hatte am Sonntag aus Umstrukturierungsplänen bei “Index.hu” zitiert. Demnach könnte der Verlag einen Großteil der inhaltlichen Produktion auslagern. Vielen Mitarbeitern könnte daher die Kündigung drohen, zudem würde die innere Struktur der Redaktion gleichsam “gesprengt”. Die Leitung habe dies mit einem Rückgang der Werbeeinnahmen durch die Coronakrise begründet. Im März hatte der Orban-Unterstützer und einflussreiche Geschäftsmann Miklos Vaszily 50 Prozent der Anteile der Agentur Indamedia gekauft, die “Index.hu” mit Werbeeinnahmen versorgt. Vaszily ist auch der Vorsitzende des regierungsnahen TV-Senders TV2. Diese Strategie wird vielfach als ein wesentlicher Bestandteil der sogenannten “Orbanisierung” gesehen: dabei werden kritische Medien von regierungsnahen Geschäftsleuten aufgekauft und “auf Linie” gebracht – oder durch Einsparungen ausgeblutet.

Der Warnung der Index-Redaktion widersprach der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung MFA, der Eigentümerin von “Index.hu”, Laszlo Bodolai. Es gebe “keinen Grund zur Panik”, sagte er am Sonntagabend dem Fachportal “Media 1”. Bei den Outsourcingplänen habe es sich lediglich um Vorschläge eines Beraters gehandelt, diese seien jedoch von der Direktion von Index bereits abgelehnt worden. Das Konkurrenzmedium “24.hu” habe die Redaktion “irregeführt”, so Bodolai. “Media 1” wollte auch Chefredakteur Dull zu Bodolais Aussagen befragen, dieser verwies jedoch lediglich auf die Mitteilung der Redaktion.

Unabhängigkeit nur mehr „mittel“

2018 hatte “Index.hu” unter der Adresse https://szabadindex.eu/ (“Freies Index”) eine Anzeige installiert, die die aktuelle Unabhängigkeit der Redaktion anzeigen soll. Diese kennt drei Stufen: grün für “unabhängig”, gelb für “in Gefahr” und rot für “nicht unabhängig”. Nun wurde die Anzeige erstmals auf die Stufe gelb gestellt.

(apa/bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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