Skurriles Polen-TV-Duell

Jeder Kandidat allein auf seinem Lieblingssender

Die gestrige TV-Debatte zur polnischen Präsidentschaftswahl zwischen Amtsinhaber Duda und Herausforderer Trzaskowski lief rein virtuell ab, beide waren alleine auf ihrem jeweiligen Lieblings-Kanal zu sehen. Der Grund war nicht Corona.

Wien, 07. Juli 2020 | Die Umfragen zur Stichwahl des polnischen Präsidenten am kommenden Sonntag sind denkbar knapp, beide Kandidaten liegen bei je um die 50 Prozent. Entsprechend hart wird gekämpft, erst recht vor Millionenpublikum.

So kam es zu der wohl skurrilsten Szene in der Geschichte des polnischen Fernsehens: beide Kandidaten traten jeweils alleine im für sie genehmen TV-Sender auf. Das Rednerpult daneben war leer.

Staatsfernsehen im Verdacht, Duda zu unterstützen

Andrzej Duda für die rechtsnationale PiS und Rafal Trzaskowksi für die bürgerlich-liberale PO konnten sich nicht auf ein gemeinsames Duell einigen. Der oppositionelle Trzaskowski, derzeit noch Warschaus Bürgermeister, hatte im Vorfeld angekündigt, dass er nicht an einer im Fernsehen übertragenen Wahldebatte mit seinem Rivalen teilnehmen werde.

Tweet von Stanley Bill, Polen-Experte an der Universität Cambridge und Autor beim Portal “Notes from Poland”.

Amtsinhaber Duda bei TVP – ohne Gegner. Quelle: Leserfoto.

Herausforderer Trzaskowski bei TVN – ohne Gegner. Quelle: Leserfoto.

Der Grund: das polnische Staatsfernsehen TVP, das in der Vergangenheit durch die rechtsnationale PiS-Regierung massiv umgebaut worden war, würde laut Herausforderer die Kampagne des Präsidenten unterstützen. Trzaskowski warf dem Sender vor, dem Präsidenten bei Fototerminen Fragen im Vorhinein zu schicken und ihm in vergangenen Debatten mehr Redezeit gegeben zu haben. Amtsinhaber Duda hingegen führte ein ähnliches Argument ins Feld, um nicht beim Privatsender TVN antreten zu müssen.

ZackZack hatte schon bei der ersten Runde der Wahlen berichtet, dass der Staatssender TVP seine eigene Twitter-Umfrage, bei der Trzaskowski meilenweit vorne lag, in Zweifel zog – wegen vermeintlicher Bots, die das Bild verzerren würden. 600 sollen es gewesen sein, bei einer großen Teilnehmerschaft von über 35.000!

Die TVP-Umfrage, von der der Sender im Nachhinein nichts mehr wissen wollte – sie aber nicht löschte, um sich gegen etwaige Anschuldigungen zu immunisieren. Screenshot: Twitter.

So sprachen gestern Abend beide quasi mit sich selbst und attackierten den jeweils anderen rein virtuell.

Beobachterin: „Nur noch absurd“

Die im westpolnischen Breslau lebende Polin Ania T. (Name auf Wunsch von der Redaktion geändert, Anm.) empfand die TV-Debatte als absurd und kann mittlerweile nur noch den Kopf schütteln. Das Land sei tief gespalten, beide Seiten würden immer weniger miteinander als vielmehr übereinander reden. Bizarr war aber offenbar nicht nur die Tatsache, dass es parallel zwei Veranstaltungen mit jeweils einem Kandidaten gab; denn auch in den sozialen Netzwerken brach der Kampf um Deutungshoheit der jeweiligen Lager aus.

Ania T. ließ uns dieses Bild zukommen, dass heute in den polnischen Medien heiß diskutiert wird. Sie sagt: „Ich gehe davon aus, dass das wirklich die PiS-Politikerin ist. Unfassbar, im Publikum sitzen Kandidaten, die dem Parteifreund Fragen stellen.“

 

Im Bild zu sehen: die PiS-Stadtrats-Kandidatin Katarzyna Serek, die im eigentlich unparteiischen Publikum bei TVP saß. Die polnische Tageszeitung Gazeta titelte: „Großer Ausrutscher von Duda“. Screenshot: Facebook.

 

Gerade das sogenannte „Townhall-Format“, bei welchem ein Querschnitt an Bürgern im Publikum sitzt und Fragen stellt, sollte genau solche “Zufälle” vermeiden.

Alles in allem, so auch der Eindruck bei Ania S., ist die Polarisierung des Landes bis in den letzten Winkel der Gesellschaft fortgeschritten. Auch die Redaktionsstuben der großen TV-Sender scheinen davor nicht Halt zu machen. Der Warschauer Bürgermeister und PO-Kandidat Trzaskowski hatte im Zuge des Wahlkampfes immer wieder auf die parteipolitischen Umfärbungsaktionen der PiS-Regierung, vor allem in Justiz und Medien, hingewiesen.

Amitsinhaber Duda wirft er vor, als Präsident Gesetze, die gegen die Verfassung und Menschenrechte verstoßen würden, unterzeichnet und nicht verhindert zu haben. Trzaskowski droht, im Falle eines Sieges des Öfteren vom Vetorecht des in Polen relativ mächtigen Präsidenten Gebrauch zu machen. Er wolle aber auch auf die Gegenseite zugehen, und wo sinnvoll, auch für Gesetze stimmen und mit der Regierung zusammenzuarbeiten.

Der Sieger der Wahl am Sonntag steht jedenfalls vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe: ein tief gespaltenes Land zu einen.

(wb)

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

AKTUELLES

AKTUELLES

Link zu: InlandLink zu: Meinung
Link zu: AuslandLink zu: Leben