Mehr Krebs-Tote durch Corona-Krise?

Zunehmend treten die Folgeschäden der Coronakrise ans Tageslicht, darunter vor allem gesundheitliche. Zackzack hat einen Blick auf die Auswirkungen der Krise auf Krebskranke geworfen.

von Larissa Breitenegger

Wien, 25. Juli 2020 | Während des Lockdowns war die medizinische Versorgung in Österreich auf ein Minimum reduziert: es erfolgten keine Vorsorgeuntersuchungen, Patienten mieden den Gang zum Arzt aus Angst vor Ansteckung, zahlreiche Praxen waren geschlossen und in Krankenhäusern wurden nur als dringlich eingestufte Operationen und Behandlungen vorgenommen. Werden dadurch mehr Menschen an Krebs sterben?

Die Zahlen aus dem Ausland schaffen ein eher beunruhigendes Bild für Krebskranke in Corona-Zeiten: In Deutschland sollen 50.000 Krebs-Operationen verschoben worden sein, in Großbritannien schätzen Experten die Zahl an zusätzlichen Krebstoten durch die Corona-Maßnahmen auf bis zu 35.000. Doch wie sieht die Situation in Österreich für die jährlich rund 40.000 diagnostizierten Krebserkrankten aus? Zackzack hat sich bei Experten umgehört: Anders als in Deutschland dürften hierzulande nicht die verschobenen Operationen das Problem sein.

Krebssterblichkeit in Österreich erhöht?

Der Präsident der Krebshilfe Österreich, Paul Sevelda, sieht im Gespräch mit zackzack „keine massiven Verschlechterungen“ in Österreich hinsichtlich der Behandlung und Diagnose von Krebserkrankungen.

Dringende Operationen seien trotz Lockdown durchgeführt worden, jene im Zuge von Früherkennungen hätten im Lockdown allerdings nicht stattgefunden. Die dadurch entstandene Zeitverzögerung würde zwei bis vier Monate betragen und sei „nicht klinisch relevant“. Angesprochen auf die erschreckenden Prognosen von zusätzlichen Krebstoten in Großbritannien meint der Krebshilfe-Präsident, konkrete Zahlen zur Krebs-Mortalität würde es erst in zwei Jahren geben. Doch:

Ich würde nicht erwarten, dass die Krebssterblichkeit sich durch die Situation massiv verschlechtert hätte.“

Auch Alexander de Vries, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Radioonkologie, bestätigt, dass dringende Krebsoperationen durchgehend stattgefunden hätten. Hinsichtlich Mortalität ist de Vries vorsichtiger:

Erst in ein bis zwei Jahren wird man sehen, ob die Sterberaten sich in der langfristigen Statistik verändert haben. Wenn die Anzahl groß genug ist, tauchen sie als Peak auf.“

Es sei schwer, zu sagen, ob es durch die Maßnahmen deutlich mehr Krebstote gebe – definitiv gebe es aber Patienten, die verzögert mit ihrer Therapie begonnen haben. Ein Sachverhalt, der auch dem Präsidenten der deutschen Krebshilfe, Gerd Nettekoven, Sorgen macht:

„Was wir wissen ist, dass wir jetzt eine große Bugwelle von verschobenen therapeutischen und diagnostischen Maßnahmen vor uns herschieben. Das kann irgendwann zu lebensbedrohlichen Situationen für Krebspatienten führen”, 

sagt er im Interview mit der “Augsburger Allgemeinen”. Insbesondere verschobene Nachsorgeuntersuchungen könnten „fatale Folgen“ haben – auch hierzulande, wie sich herausstellt.

Späte Diagnostik, schlechtere Prognosen

Während es bei der Strahlentherapie “wahrscheinlich keine gravierenden Einbrüche, speziell in der Primärtherapie” gegeben habe, sei es zu starken Einbrüchen in der Nachsorge und Diagnostik gekommen. Als problematisch bezeichnet Alexander de Vries daher die Situation von Patienten mit Tumoren:

„Gerade im Tumorbereich haben die Maßnahmen zu Konsequenzen geführt. Patienten sind später zur Diagnostik gegangen und kommen daher in späteren Tumorstadien zur Therapie, wobei das spätere Tumorstadium die Prognose negativ beeinflusst.”

Zahlreiche Patienten seien aus Angst vor Ansteckung nicht zum Arzt gegangen – mit fatalen Folgen:

„Wenn eine Frau drei Mal Blutungen hat, oder ein 65-Jähriger tastbare Lymphknoten am Hals, sollte das rasch abgeklärt werden. Wegen der genannten Gründe wurde aber oft sechs bis acht Wochen gewartet, bevor ein Arzt konsultiert wurde – in der Zeit kann aus einem leicht behandelbaren Tumor ein deutlich schwer behandelbarer Tumor geworden sein.”

Finanzielle Nöte von Krebspatienten massiv verschlechtert

Die gesundheitlichen Folgen sind nur ein Aspekt der Krise. Doris Kiefhaber, Geschäftsführerin der Krebshilfe Österreich, bringt noch einen anderen Aspekt hinsichtlich Krebs und Corona zur Sprache: Der Bedarf an finanzieller Unterstützung sei unter Krebspatienten um 30 Prozent gestiegen, weil ihre finanzielle Lage sich durch die Pandemie massiv verschlechtert habe. Sie nennt ein Beispiel:

„Die alleinerziehende Billa-Kassiererin, die nebenbei kellnert, erkrankt an Krebs. Die Kellnerei ist vorbei, der Zusatzverdienst weg, und das verminderte Einkommen reicht nicht aus, um die Selbstbehaltskosten im Spital zu zahlen.“

Für die einen Krebskranken sind Arbeitslosigkeit und finanzielle Nöte eine Belastung, die die Corona-Krise mit sich bringe – die anderen, die keine Aussicht auf Heilung haben, fühlen sich durch die Maßnahmen in ihrer Lebensgenuss-Zeit bestohlen. Auch das sei für einige nach wie vor schwierig, so Kiefhaber, und deutet damit die psychosozialen Folgen der Krise an.

Krebs ist „nur die Speerspitze“

Die Problematiken, mit denen Krebspatienten derzeit konfrontiert sind, zeigen sich auch in zahlreichen anderen Lebens- und Gesundheitsbereichen. Piero Lercher, Sport-, Umwelt- und Präventivmediziner an der MedUni Wien, spannt den Bogen zum großen Ganzen:

„Krebs ist ja nur die Speerspitze. Es hat drei Monate lang keine Krebsnachsorge gegeben. Dabei geht es jetzt nicht um konkrete Zahlen – es geht ums Prinzip, dass man wegen einer Erkrankung auf alles andere vergisst. Das darf nicht sein – auch für alle anderen chronischen und akuten Krankheiten müssen niederschwellige Lösungswege angeboten werden.“

Denn: Es wurde nebst Corona zu viel ausgeblendet, Lercher bezeichnet die medizinische Strategie der Regierung als „einäugig“.

„Jetzt überleben die Leute Corona, danach haben sie entgleiste Blutzucker- und Fettstoffwechsel-Werte.“

Umstände, die zu Tausenden zusätzlichen Toten führen könnten, wie zackzack bereits berichtete. Die Hygiene-Maßnahmen hätten sich sehen lassen können, doch Lifestyle-Maßnahmen hätten gefehlt: Piero Lercher kritisiert das Fehlen von konkreten Unterstützungsangeboten, etwa wie man trotz Lockdown mittels Ernährung und Bewegung gesund durch die Krise kommt. Und nicht zuletzt spricht Lercher einen oft vernachlässigten Aspekt an:

„Nicht zu vernachlässigen sind auch die psychischen Aspekte in der Krise: Häusliche Gewalt steigt, die Nerven liegen blank. Da wird es viel zum Aufarbeiten geben, auch im Mental Health-Bereich.“

Lehren ziehen: Wie können wir Versorgung sicherstellen?

In einem sind sich die Experten einig: So, wie es gelaufen ist, darf es nicht noch einmal passieren. Auf zu vieles und auf zu viele wurde vergessen. In Anbetracht dessen, so de Vries, müsse man sich gezielt auf den Fall einer „zweiten Welle“ vorbereiten, und aus der “Lernkurve” Konsequenzen ziehen: Wie kann man das Gesundheitssystem so organisieren, dass eine Versorgung für alle, die es brauchen – darunter eben auch Tumorpatienten – gewährleistet ist? „Das Ausmaß an Auswirkungen des Virus und damit verbundener Maßnahmen ist viel größer, als wir bisher abschätzen können“, ist de Vries überzeugt.

Piero Lercher verweist schließlich auf einen weiteren Aspekt von Gesundheit: Im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten bleibt Gesundheit immer auch zu einem guten Teil Eigenverantwortung, zum Beispiel wenn es darum geht, die Medikamente, die man einnimmt, auch während des Lockdowns nicht einfach abzusetzen.

„Selbstverantwortlich zu handeln gehört auch zu einer gesunden Lebensweise“,

so Piero Lercher.

Titelbild: APA Picturedesk

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