Längster Lockdown der Welt – Kein Ende in Sicht für Melbourne

Die australische 5-Millionen-Metropole behält seine Bewohner seit heute länger in der Ausgangssperre als das Corona Epizentrum Wuhan – ein Ende ist nicht in Sicht. Der Lockdown gilt somit als der strengste der Welt.

 

Wien, 17. September 2020 | Melbourne, die Stadt, die in den letzten Jahren neben Wien wiederholt als die „lebenswerteste der Welt“ bezeichnet wurde, ist bereits seit dem 9. Juli geschlossen. Vor einer Woche erklärte der Premierminister des Staates Victoria, Daniel Andrews, dass die Ausgangssperre für die gesamte Stadt erst am 26. Oktober aufgehoben werden könne – und das nur, wenn das Coronavirus fast beseitigt sei.

Darüber hinaus geht die Polizei mit strengsten Sanktionen gegen Bewohner vor, die versuchen gegen die Ausgangsbeschränkungen zu protestieren.

Sogar vor Wuhan: Härtester Lockdown der Welt

Melbournes Sperrung hat die ursprüngliche Länge von Wuhan überschritten, da ein Großteil der Vororte im Norden und Westen der Stadt den 78. Tag der Isolation markiert. Die 10 Hotspot-Postleitzahlen der Stadt, welche 36 Vororte umfassen, wurden vor etwa zweieinhalb Monaten gesperrt. Dadurch war deren Isolationszeit länger als die 77-Tage-Sperrfrist der chinesischen Metropole zwischen Jänner und April. Der Rest von Melbourne wird voraussichtlich nächste Woche Wuhans Sperrfrist überschreiten. Das berichtete heute der australische Nachrichtensender „9News“.

Zum Vergleich: Wuhan ist bekannt als das Epizentrum des Coronavirus, rund 70.000 Coronavirus-Fälle sind dort offiziell aufgetreten. Victoria hat nach heutigem Stand insgesamt nur 19.970 Infektionen. Melbournes strenger Fahrplan zeigt, dass die Stadt mindestens bis zum 23. November Einschränkungen haben wird, selbst wenn der Lockdown davor aufgehoben werden sollte.

“Wuhan war zweieinhalb Monate lang gesperrt. Ob Sie es glauben oder nicht, Melbourne wird dreieinhalb Monate lang gesperrt sein”,

sagte der Gesundheitsminister Greg Hunt Anfang dieses Monats gegenüber „9News“.

Der Corona-Fahrplan: Keine Öffnung in Sicht, jede Hoffnung geht verloren

Auf den Seiten der Regierung wird seit dem 13. September von „Lockerungen“ der Maßnahmen gesprochen – diese bestehen jedoch lediglich aus einer Verlängerung der Ausgangssperre von 20 auf 21 Uhr. Ebenfalls dürfen sich Alleinlebende oder Alleinerziehende seit dem 13. September einen sogenannten „Bubble Buddy“ aussuchen: das ist jemand, mit dem sich die Alleinlebende außerhalb des eigenen Wohnortes („Single Social Bubble“) treffen darf. Dieses Treffen darf nicht länger als zwei Stunden gehen.

Darüber hinaus darf der Radius von 5 Kilometer um den eigenen Wohnort herum nicht verlassen werden. So schreibt es der Lockdown-Fahrplan der Regierung in Melbourne vor, welcher laut Bewohnern Melbournes mehr als fragwürdig ist:

„Es macht alles überhaupt keinen Sinn. Laut Fahrplan muss die Stadt in den nächsten 14 Tagen unter 30-50 Neuinfektionen kommen. Dann erst geht es zum nächsten Schritt, der voraussetzt, bis zum 26. Oktober unter fünf Neuinfektionen zu kommen innerhalb von 14 Tagen. Es ist offensichtlich, dass wir noch eine sehr, sehr lange Zeit eingesperrt bleiben“,

so der in Melbourne lebende Andrew Riley* gegenüber ZackZack.

„Seit dem zweiten Lockdown vermisse jeder seine Grundfreiheiten, wie einfach nur andere Menschen zu treffen. Für die meisten fühlt es sich wie eine Gefängnisstrafe an“,

fährt Riley fort.

Warum nur Victoria?

Die Menschen, die in Melbourne leben, verstehen nicht, warum gerade nur Victoria in den strengen Lockdown geschickt wurde und nicht das ganze Land:

„Während der ersten Sperre waren wir in Australien alle wirklich „zusammen“. Das ist jetzt nur noch in Melbourne der Fall. Die Kommentare aus dem Rest des Landes geben uns das Gefühl, dass wir hier etwas falsch gemacht haben, obwohl ich nicht glaube, dass Melbournianer selbstgefälliger waren als andere Teile des Landes.“

so Kissairis Muñoz aus Melbourne gegnüber der “New York Times”.

Victoria verzeichnet aktuell 3.137 Fälle pro Millionen Einwohner, hingegen sind es in New South Wales mi der 5,2 Millionenstadt Sidney nur 555 Fälle pro Millionen Einwohner. Dennoch gibt es in New South Wales aktuell 1.139 aktive Fälle, in Victoria sind es 989 (Stand 17. September).

Polizei verfolgt Facebook-Veranstalter von Protesten

Die Demonstranten in Melbourne tragen Masken und halten Abstand. Sie wollen weiterhin auf die Straße gehen können, um gehört zu werden in einer Stadt, die seine Einwohner seit Monaten einsperrt. Die Ausschreitungen zwischen den Demonstranten und der Polzei nimmt jedoch Überhand an. Wie ZackZack bereits berichtete, schreitet die Polizei mit drastischen und gewaltsamen Maßnahmen gegen die Protestanten ein:

Riley teilte ZackZack mit, dass die Polizei sogar Facebook-Veranstaltungen auf Protest-Hinweise durchsuche, um die Veranstalter ausfindig zu machen und vor Protest-Beginn zur Rechenschaft zu ziehen.

Letzten Samstag wurden 14 Menschen verhaftet, mindestens 50 Menschen müssen mit hohen Geldtrafen rechnen. Die Demonstranten hatten sich zuvor versucht, geheim über Facebook zusammenzuschließen, um Demonstration über mehrere Standorte verteilt zu planen. Die Polizei habe die Demonstranten durch Facebook ausfindig gemacht, berichtet der internationale „The Guardian“.

Kritiker bezeichnen Andrews laut “Washington Post” als “Diktator Dan”. Unterstützer solidarisieren sich mit ihm in den sozialen Medien durch den Hashtag #IStandWithAndrews.

„Nirgendwo in dieser oft undurchsichtigen Demokratie gibt es ein weniger transparentes Gerichtssystem, Bürokratie, Polizei oder Regierung als in Victoria“,

schreibt Politik-Journalist, Chris Uhlmann, in der Tageszeitung “Sidney Morning Herald”.

Ein Leben in einer abgeschotteten Blase

Wie ZackZack bereits berichtete, war es den Menschen schon ab Juli immer schwerer gefallen, positiv zu bleiben. Die in Melbourne lebende Lydia K.* beklagt:

„Es fühlt sich an, als ob wir in einer kleinen Blase leben, abgeschottet vom Rest der Welt, und das ist ehrlich gesagt ziemlich beängstigend.“

(jz)

Titelbild: APA Picturedesk

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