Zitterpartie um Amerika

Die US-Wahl ist vorbei, aber noch nicht entschieden. Während Demokrat Joe Biden zur Geduld bei der Auszählung der Stimmen mahnt, reklamiert Republikaner Donald Trump den Sieg bereits für sich. Gleichzeitig kündigt der Präsident massive Interventionen an, sollte Biden gewinnen.

 

Wien, 04. November 2020 | Was für ein Herzschlagfinale der US-Wahlen: die Auszählung wird zum Krimi. Von 270 nötigen Wahlmännern für eine Mehrheit hat Joe Biden 224, Donald Trump kann 213 für sich verbuchen (Stand 15:10 Uhr MEZ laut CNN). In den Bundesstaaten Michigan, Pennsylvania und Wisconsin wird noch ausgezählt, doch US-Präsident Donald Trump reklamiert den Wahlsieg bereits für sich.

Enges Rennen in entscheidenden Bundesstaaten

In Wisconsin hat sich Joe Biden Stand Mittwochnachmittag vor Donald Trump geschoben. In Michigan schmilzt der Vorsprung von Trump.

Laut Edison Research kommt der Demokrat in Wisconsin, nach Auszählung von 97 Prozent der Wählerstimmen, auf 49,5 Prozent und Trump auf 48,8 Prozent. In Michigan liegt Trump nach Auszählung von 86 Prozent der Wählerstimmen nunmehr bei 49,4 Prozent, auf Biden entfallen demnach 48,9 Prozent.

Trump will Auszählung stoppen

Die aufgrund der ungewöhnlich vielen Wahlkarten andauernde Auszählung hält der rechtspopulistische Amtsinhaber für einen „großen Betrug am amerikanischen Volk“. Er kündigte bei einem möglichen Wahlsieg seines Kontrahenten an, vor den Obersten Gerichtshof zu ziehen, um die Auszählung der Stimmen in den drei genannten Staaten zu stoppen.

Die Verantwortliche für die Durchführung der Wahl im womöglich entscheidenden US-Bundesstaat Michigan hat unterdessen von den Kandidaten angesichts der laufenden Auszählung Geduld gefordert. Es seien nun “Vorsicht” und “Geduld” geboten, um “den Willen der Wähler zu respektieren”, sagte die demokratische Staatssekretärin Jocelyn Benson am Mittwoch im Gespräch mit dem Nachrichtensender CNN.

Es stünden vor allem aus den größeren Städten noch “Hunderttausende” Stimmen aus. Sie rechne im Laufe des Tages mit deutlich mehr Klarheit, sagte Benson. US-Präsident Donald Trump, der sich bereits zum Sieger ausgerufen hat, nannte Benson dabei nicht namentlich.

Deutscher US-Experte sieht US-Demokratie erodiert

Eine vernichtende Beschreibung des derzeitigen US-Staatssystems hat heute, Mittwoch, der Politikwissenschafter, USA-Experte und Leiter des Amerika-Programms bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Josef Braml, gegenüber der ausländischen Presse in Berlin abgegeben. “Das ist keine Legitimationskrise, das ist bereits eine Legitimationserosion”, sagte er. “Amerika ist schon seit längerem eine defekte Demokratie.”

Donald Trump sei “nicht vom Himmel gefallen”, sondern aufgrund solcher Defekte in sein Amt gekommen. Das System sei schon lange delegitimiert, es sei zu viel Geld im Spiel, seit Jahrzehnten arbeite im Hintergrund eine Maschinerie: “Da sind Strippenzieher, die viel Geld haben”, in deren Interesse es sei, den Staat klein wie ein Baby zu machen, um “das Baby leicht ertränken zu können”, sagte Braml. “Der Staat ist handlungsunfähig und nicht das Amerika, wie wir es sehen wollen.”

ZackZack wird umfassend berichten, sobald es fixe Resultate gibt.

(apa/red)

Titelbild: APA Picturedesk

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