Kaufhaus Österreich

Das Schramböck-Desaster

Amazon den “Kampf ansagen” – das war das Ziel der Online-Handelsplattform Kaufhaus Österreich von Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck und WKO-Chef Harald Mahrer (beide ÖVP). Der Start der 700.000 Euro teuren Plattform war allerdings eine Total-Katastrophe.

 

Wien, 01. Dezember 2020 | „Ich verkauf’ regional – das geht auch digital“, lächeln Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) und Multi-Präsident Harald Mahrer (ebenfalls ÖVP, u.a. WKO-Präsident) von der Homepage des „Kaufhaus Österreichs“. Die neue österreichische elektronische Handelsplattform war von den beiden Türkisen medial groß angekündigt worden. Die Website sollte eine österreichische Alternative zum Versandriesen Amazon werden.

Zahlreiche Probleme

Webshops von heimischen Händlern sollen so für Suchende einfach zu finden sein. Direkt einkaufen kann man auf der Seite hingegen nicht. Die Ausführung des 700.000 Euro teuren Projekts ist laut einstimmigen Usererfahrungen mehr als mangelhaft.

Nutzer listeten innerhalb von wenigen Stunden zahlreiche Probleme auf.

Kein Mehrwert

Etwa, dass die Seite nicht dafür gedacht ist, nach Produkten zu suchen. In die Suchleiste soll man Shop, Ort oder Produktkategorie eingeben – eine eher untypische Suchmethode. Der Mehrwert der Seite erschloss sich in den Reaktionen vieler Nutzer am Montag noch nicht. Wer etwa den Shop bereits kenne, brauche diesen schließlich nicht auf Kaufhaus Österreich suchen, sondern könne diesen einfach googeln.

Nicht einmal Schuhe findet man schnell

Zweites großes Problem: die Ergebnisse der Suche. Schramböck hatte in einem Interview zum Start der Plattform noch in Aussicht gestellt, dass wenn jemand nach Schuhen aus Österreich suche, auch Schuhe aus Österreich finde. Eine einfache Suche nach “Schuhe” führt allerdings als ersten Treffer ein Architekturbüro an. Wer nach “Mountainbike” sucht, erhält (Stand gestern) erst gar keine Treffer der Seite.

Auch die maximalen Distanzeinstellungen sorgten für Verwirrung: Wer gestern etwa nur in einem 50-Kilometer-Umkreis von Wien nach einem Handy suchte, erhielt als Antwort drei Shops: einen 190 Kilometer entfernten Tennisshop in Friesenegg, einen Elektroshop in Klagenfurt und einen Handyshop in St. Johann in Tirol.

Wer nach Schuhen im 50 km-Umkreis von Wien sucht, hat Pech gehabt. Screenshot: www.kaufhaus-oesterreich.at.

Plattform leitet auf Amazon weiter

Besonders kurios: Schramböck hatte bei der Präsentation ebenfalls angekündigt, dass die Plattform sich an heimische Betriebe richte, “die nicht mit Amazon zusammenarbeiten wollen oder können”. Wer allerdings nach „Kinderdirndl“ suchte, landete gestern mit einem Klick direkt auf der Amazon-Homepage. Am Montagabend war “Kaufhaus Österreich” dann für kurze Zeit wegen Wartungsarbeiten nicht verfügbar. Mittlerweile ist die Seite in gewohnter Qualität aufrufbar.

NEOS kündigen Anfrage an

Die NEOS kündigten indes eine parlamentarische Anfrage an die Wirtschaftsministerin an. NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn ließ in einer Aussendung wissen:

„Wir wollen zum Beispiel wissen, wie es zu der Idee gekommen ist, wie viel Geld bis zum Start der Plattform investiert worden ist und welches Budget für die Vermarktung der Seite vorgesehen ist. Das ´Kaufhaus Österreich´ ist außerdem eine Kooperation zwischen der Wirtschaftskammer und dem Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort. Hier wird also offenbar auch Kammergeld für nichts anderes als eine patscherte Erweiterung des ´Firmen-ABC´ ausgegeben. Zusätzlich stellen wir auch ganz direkt die Frage, inwiefern die Plattform jenen helfen soll, die keinen Webshop besitzen.“

(bf)

Titelbild: APA Picturedesk

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