Not a Bot – Faorschung in der Pandemie

Jeden Samstag kommentiert Schriftsteller Daniel Wisser an dieser Stelle das politische Geschehen. Dabei kann es durchaus menscheln – it’s a feature, not a bug!

 

Daniel Wisser

Es ist schwierig geworden, die Schildbürgerstreiche in diesem Land alle im Auge zu behalten. Und doch müssen wir es tun. Es ist unsere Pflicht, weil wir unser Land lieben und die Zerstörung dieses Landes verhindern müssen, wenn wir es lieben.

Der Oberschildbürger unseres Landes ist ein Umetikettierer. Zuerst hat er seine eigene Partei umetikettiert. Ihre schwarze Farbe hat er türkis überpinselt. Vor ihren Namen hat er ein großes NEU geklebt, aber selbst dieser Aufkleber war schon zwanzig Jahre alt, als er ihn angebracht hat. Dann hat der Umetikettierer ein ebenfalls zwanzig Jahre altes Plakat seines geistigen Vaters Jörg Haider mit dem Slogan Einer, der unsere Sprache spricht genommen und darunter seinen Namen geschrieben: Sebastian Kurz.

Impfstoff aus Österreich

Dieser Sebastian Kurz hat Ideen. Unlängst hatte Sebastian Kurz die Idee, einen österreichischen Covid-19-Impfstoff zu entwickeln. Das war NEU von einem Mann, der bisher für Forschung nichts übrighatte und nur Faorschung betrieben hat. Er sei froh, nicht auf Experten gehört zu haben, sagte Sebastian Kurz immer wieder und führte Österreich mit sicherer Hand beim Impffortschritt auf Platz 34 im weltweiten Ranking (Stand 3. März).

Umetikettiert und überpinselt wird dieses traurige Abschneiden durch massive Anfütterung von Medien durch Werbeaufträge und Medienkooperationen der Regierung. Diese Form der Korruption verbessert zwar nicht die Bekämpfung der Pandemie in Österreich, verhindert aber zumindest die faktentreue Berichterstattung darüber. Zudem helfen österreichische Tageszeitungen dem Kanzler, seine Feinde anzugreifen. Zurzeit ist das besonders die Justiz. Ihr Fehler: Sie macht ihre Arbeit. Gerade diese Arbeit, die Aufdeckung von Verbrechen, stört den Umetikettierer sehr. Denn erstens vergisst die Justiz, zwischen normalen Staatsbürgern und ÖVP-Mitgliedern zu unterscheiden. Und zweitens behindert sie die Faorschung in der Pandemie.

Erinnerungslücken und Falschaussagen

Der Umetikettierer vertraut Experten nicht. Dafür vertraut er seinen Vertrauten. Einer von ihnen, Stefan Steiner, sollte jüngst im Ibiza-Untersuchungsausschuss über die hohen Wahlkampfkostenüberschreitungen der ÖVP aussagen, konnte sich aber an nichts erinnern. Solche Gedächtnislücken sind in Österreich wohl bekannt. Auch Finanzminister Blümel hatte sie im selben Ausschuss: Er konnte sich nicht daran erinnern, einen Laptop zu haben. Erst vor einer Hausdurchsuchung ist ihm das schlagartig wieder eingefallen. Die Falschaussage eines Ministers in einem Untersuchungsausschuss ist damit protokolliert (Juristen sagen mir, dass damit laut § 288 StGB der Strafbestand der falschen Beweisaussage erfüllt ist; falsche Aussage in einem Untersuchungsausschuss des Nationalrates wird dort unter (3) expressis verbis eingeschlossen).

Eine verzwickte Verwandtschaft

Die Schwägerin von Stefan Steiner, dem Vertrauten des Umetikettierers, ist Verteidigungsministerin Klaudia Tanner. Die Gattin von Innenminister Nehammer, Katharina Nehammer, war früher Sprecherin im Verteidigungsministerium von Frau Tanner. Dann allerdings wechselte Frau Nehammer dorthin, wo alle Talente der ÖVP irgendwann einmal landen: in die Privatwirtschaft. Genauer gesagt wechselte sie, wie die Zeitung Die Presse berichtete, in das PR-Unternehmen des früheren ÖVP-Pressesprechers Gregor Schütze, der auch ORF-Stiftungsrat ist. Die Firma Schütze betreut die Hygiene Austria, die wiederum eine Tochter der Lenzing AG und der Palmers Textil AG ist. Der Geschäftsführer von Hygiene Austria heißt Tino Wieser und ist der Schwager von Lisa Wiener. Tino Wieser, Matvei Hutman und Luca Wieser – Ehemann von Lisa Wieser – sind laut Homepage von Palmers die Vorstände der Palmers Textil AG. Lisa Wieser ist laut Homepage des Bundeskanzleramts Büroleiterin des Kabinetts von Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Dass man bei solchen Verhältnissen schon einmal vergessen kann, wer man selbst ist, berichtet Hugo Wiener in Eine verzwickte Verwandtschaft:

Die Gattin meines Vaters hatte auch bald einen Sohn,

Der ist ganz klar mein Enkelkind, na ja, soweit versteh ich’s schon.

Doch da mein Mann der Vater ist von meiner Stiefmama,

Da bin ich jetzt verheiratet mit meinem Großpapa.

Und weil mein Mann mein Großpapa, bin ich sein Enkelkind,

Doch was daran das ärgste ist, ich sag’s auch noch geschwind:

Als Frau von meinem Großpapa – der Fall war noch nicht da,

Da bin ich jetzt natürlich meine eig’ne Großmama!

Besuch des Kanzlers

Hygiene Austria wird laut Kronen Zeitung vorgeworfen, aus China importierte FFP2-Masken umgepackt und in Made in Austria umetikettiert zu haben. Hinzu kommt der Verdacht organisierter Schwarzarbeit. Inzwischen wurde vom Unternehmen zugegeben, dass Teile der Masken aus China stammen. Der Vorwurf der Schwarzarbeit wird zurückgewiesen, während Mitarbeiter allerdings von miserablen Arbeitsbedingungen berichten.

In der Welt des Sebastian Kurz gibt es weder Kompetenz noch Qualifikation, sondern nur Parteizugehörigkeit und Verwandtschaft. Nepotismus und Provinzialismus sind seine Markenzeichen. Egal ob es um das Kaufhaus Österreich, Corona-Hilfspakete oder medizinische Versorgung geht: Stets profitieren Firmen im Umfeld von Parteifreunden, Parteispendern und deren Familien, und er selbst tritt dort gerne als Besucher und Patenonkel auf. So hat er Hygiene Austria laut der Webseite der Lenzing AG am 19. Mai 2020 besucht.

Im Namen der Republik

Seine Lobesworte für die Firma klingen wie die Sonntagsreden eines Bezirkspolitikers bei der Einweihung eines neuen Feuerwehrschlauches: »Es war schwierig als Bundeskanzler erleben zu müssen, wie angewiesen wir auf das Ausland waren, wie schwierig es war, Schutzausrüstung und Schutzmasken zu bekommen und wie abhängig wir da auf einmal waren. Danke, dass ihr angepackt habt, Mut bewiesen habt, schnell wart, und sicherstellt, dass jetzt eine Produktion Made in Austria möglich ist. Ich bin zutiefst dankbar, stolz auf diesen Unternehmergeist und froh über das Verantwortungsbewusstsein in diesen beiden Traditionsunternehmen. Vielen Dank im Namen der Republik.«

Dass es nun in dieser Idylle möglicherweise Profit aus illegaler Migration und dem Schlepperwesen gibt, passt wohl zum Balkanroutenschließerimage des Umetikettierers. Staatsanwaltschaft und Gerichte werden zu klären haben, ob das so ist. Es gilt die Unmutsverschuldung. Made in Austria ist jedenfalls einmal vom Tisch. Dass der Hygiene Austria ein Wettbewerbsvorteil daraus erwächst, dass Luca Wieser die zukünftige Auftragslage, die von den Corona-Maßnahmen (wie der Maskenpflicht) der Bundesregierung abhängt, direkt und bereits vorab von seiner Gattin erfahren kann und konnte, liegt auf der Hand. Wie profil berichtet, war die Hygiene Austria nicht nur über das sogenannte Projekt 65+ informiert, sondern war schon vor der Entscheidung im Ministerrat eingebunden. Fairer Wettbewerb ist das jedenfalls nicht.

Ist Sebastian Kurz seine eigene Großmutter?

Vielleicht sehen wir ja zu schwarz. Oder zu türkis. Vielleicht aber wird nicht nur Schwaz bald aufatmen können, wenn es mit Austrovac wieder gastronomie- und skilifttauglich gespritzt wurde. Und ob es sich dann beim Impfstoff wirklich um das Ergebnis österreichischer Forschung oder nur um Faorschung der Österreicher durch ein von einem Mitarbeiter eines Ehemannes einer Sekretärin der Volkspartei aufgeklebtes Etikett handelt, wird egal sein, wenn wir nur mit dem Impfen weiterkommen.

Ansonsten wird die Balkanroute bald wieder geöffnet werden müssen. Denn aus Serbien hört man, dass die Fortschritte bei der Corona-Impfung dort bedeutend größer sind als in Österreich. Ob wir mit Serbien gleichziehen können, werden wir in den nächsten beiden Wochen, die entscheidend sein werden, erfahren. Ob Sebastian Kurz seine eigene Großmutter ist, wird auch ein Untersuchungsausschuss nie vollständig klären können.

Der Kommentar spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider. Mehr vom Autor finden Sie hier.

Titelbild: APA Picturedesk

Lesen Sie auch

21 Kommentare
Inline Feedbacks
Zeige alle Kommentare
Geschobelt
7. 03. 2021 17:32

Der Zauberlehrling der Schwarzen
Und sie Impfen! Dosis um Dosis.
Geimpft im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Geimpfe!
Herr und Meister! hör mich rufen!
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß, denn er droht!
Die ich rief, auch die Experten
Werd ich nun nicht los.

Geschobelt
7. 03. 2021 17:15

Wenn das Versprechen der „Durchimpfung“ von Kurz eingehalten werden soll, müßten ab Montag täglich mindestens 50000 bis 100000 Menschen, je nach dem, wie man 1. und 2. Impfung anlegt, geimpft werden. Wir werden sehen, wie Kurz und tatkräftig „Der Zauberlehring der Schwarzen“ seine Hemdsärmel aufkrempeln wird.

Anonymous
7. 03. 2021 20:18
Antworte auf  Geschobelt

Im Rechnen sind die Türkisen nicht so stark, dafür im Sammeln.

Geschobelt
7. 03. 2021 14:35

Die Begriffe Experten und Forschung sind im letzten Jahr tatsächlich zu einer Faorschung verkommen. Nachdem man auch im ORF vor lauter Expertentum die deutsche Sprache nicht mehr beherrscht und ständig vom „Lockdown“ faselt frage ich mich wann kommt diese „Lockerung“ endlich.

plot_in
7. 03. 2021 13:08

Die Faorschung 🙂 Schönes Wort!

Mit 50 Millionen € kann man bestenfalls Anwälte bezahlen oder Marketing betreiben. Mit 500 Millionen € kann man Produktionslinien auf die Beine stellen und die Bestandteile einkaufen, die für die Produktion notwendig sind. Mit 1 Milliarde € kann man die Forschung angehen.

Die 50 Millionen € sollen eine Stiftung speisen. Eine Stiftung? Eine Stiftung, so gemeinnützig, ist ein Steuerschonmodell. Eine Stiftung ist auch hermetisch. Sobald Geld in die Stiftung einfließt, gibt es kaum mehr Kontrolle über dieses Geld.

Also soll hier Steuergeld aus drei Ländern in eine Stiftung gezaubert werden, um was genau damit zu tun? Für Forschung ist die Stiftung zu gering dotiert. Für Faorschung reicht es. Aber zu wessen Zweck?

Ruth66
6. 03. 2021 19:02

ein Sprachbeherrscher. Danke

CrisesWhatcrisis
6. 03. 2021 18:17

Wisser at his best! Unvergleichlich. Vielen Dank!

hagerhard
6. 03. 2021 17:31

eigentlich ist die övp ein fall für § 278a strafgesetzbuch.

https://youtu.be/Qi9IxKndo1Y

Samui
6. 03. 2021 16:09

Ich sehe gerade auf Puls24 geifernde FPÖ Politiker( Schnedlitz) bei der Demo in Wien.
Bitte liebe Österreicher lässt Euch nicht von den Nazis verführen. Gleich spricht der grösste Komplexler der Braunen. Ex Reiter Kickl.

amour
7. 03. 2021 11:33
Antworte auf  Samui

Ich bin im Grunde ein gutmütiger, friedlicher Mensch – aber….

Sie sind schon ein selten boshaftes, verbohrtes, sturaggressives, gemeines, verunglimpfendes Sonderexemplar von realitätsverweigerendem Österreicher – und ich hab jetzt nicht alle „Nettigkeiten“ niedergeschrieben die mir bei Ihren Kommentaren so einfallen..

Samui
7. 03. 2021 12:02
Antworte auf  amour

Ich mag Menschen mit Emotionen. Ich hoffe Sie haben sich jetzt etwas abreagiert. Ist gut für Ihre Psyche. 👍😀

Schlimmdasganze
6. 03. 2021 20:06
Antworte auf  Samui

Nazis? Braunen? ich würd an Ihrer Stelle vorsichtig sein.

Anonymous
6. 03. 2021 18:15
Antworte auf  Samui

Nein. Toll ist das sicher nicht.
Aber wir müssen uns trotzdem was einfallen lassen, wie wir unsere Kritik auch außerhalb dieses Forum zum Ausdruck bringen können.

Demos sind wichtig. Man muss friedlich seinen Widerstand ausdrücken können.

Samui
6. 03. 2021 18:34
Antworte auf  Anonymous

Es kann mM nur mit einer Abgrenzung zu rechts funktionieren. Wer dann echt mitläuft kann man sowieso nicht kontrollieren. Aber wer auf der Bühne spricht…. da kann man ansetzen .
Gilt übrigends für Links Radikal genau so

Nordicman
6. 03. 2021 15:56

Faorschung…my new favorite word.
Erste Sahne Satire. Versteht sich natürlich.

Zuletzt bearbeitet 1 Jahr zuvor von Nordicman
Merlot46
6. 03. 2021 15:27

Auf den Punkt gebracht. Real-Satire nacherzählt.

Strongsafety
6. 03. 2021 14:52

Begriffserklärung Faorschung: Wenn der Dumbo nach Israel fliegt und dem rechtsradikalen Nohotao dort 50 Mio. für die Forschung gibt. Reinste Faorschung.

Harryson
6. 03. 2021 12:50

Thx, Hr Wisser 👍👍👍

Anonymous
6. 03. 2021 12:45

Auf den Punkt gebracht. Danke.

Eine Anmerkung:
Hisollten Menschen, die sich an gar nichts erinnern können, nicht unter Kuratel gestellt werden können und ihnen jede Geschäftstätigkeit entzogen werden?

EmergencyMedicalHologram
6. 03. 2021 12:14

Ich liebe “not a bot”. “Faorschung” wird in den offiziellen Sprachschatz der II. Republik eingehen. Mittlerweile erinnern die Verlautbarungen dieser Trickbetrüger-Regierung an Propagandablasen aus dem Ostblock; nur hat’s damals eh keiner geglaubt. Kurz+Blümel sind die fidele Enkeltrickversion von Cheech & Chong, nur dass sie nicht auf der Suche nach Stoff, sondern nach Spenden sind. Die hätten Schauspieler werden und Buddy-Movies drehen sollen.

Samui
6. 03. 2021 11:07

Faorschung…… das Wort der Woche.
Eigentlich die Bezeichnung der NVP Strategie.
Wie lange noch?

Folge einem manuell hinzugefügten Link
Link zu: Politik

Nach Strache-Rap: FPÖ-Svazek macht jetzt Schlager

Musikalische Einlagen war man von der FPÖ sonst nur in Person von Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache gewohnt. Jetzt versucht sich die Chefin der Salzburger Freiheitlichen, Marlene Svazek, als Schlager-Star.

Link zu: MeinungLink zu: Leben

Held der Terrornacht darf nicht Österreicher werden

Weil er einem Polizisten das Leben rettete, ist Osama Abu El Hosna vielen noch als “Held der Terrornacht” vom November 2020 bekannt. Jetzt wurde sein Antrag auf Staatsbürgerschaft abgelehnt.

Held der Terrornacht darf nicht Österreicher werden

Weil er einem Polizisten das Leben rettete, ist Osama Abu El Hosna vielen noch als “Held der Terrornacht” vom November 2020 bekannt. Jetzt wurde sein Antrag auf Staatsbürgerschaft abgelehnt.

Neue Klima-Kleber müssen zuerst Seminar besuchen

Die “Letzte Generation” kündigte bereits die nächste Aktionswoche an. Immer mehr schließen sich den Aktivisten an, doch bevor man auch kleben darf, muss man erst durch ein Seminar.