Montag, Juli 15, 2024

Und ich frage mich …

Aus der Ferne betrachtet werden die Vorgänge in Österreich nicht verständlicher. Ganz im Gegenteil: Sie werfen noch mehr Fragen auf.

Ich sitze hier am Meer, weit entfernt von Österreich, und ich frage mich nach einer Woche: Regen mich Nachrichten aus Österreich noch auf? Ich gebe zu, dass die Entfernung vom politischen Geschehen guttut. Und gleichzeitig darf sie kein Dauerzustand werden. Denn wir wissen: Die Gleichgültigen, die Unpolitischen, die Nicht-Wähler sind die, die durch stetes Anwachsen höchst gefährliche demokratische Entwicklungen nur verstärken. Sie sind die Gruppe, um die sich die Politik als Allererstes bemühen sollte. Stattdessen beobachtet sie ausschließlich die Wähler der Rechtspopulisten.

Ich lese, dass die Bundes-ÖVP sich von Herbert Kickl und der FPÖ abgrenzt. Und ich frage mich: Hat sie das auch Karl Mahrer mitgeteilt? Was sagen Johanna Mikl-Leitner und Wilfried Haslauer zu dem, was Karl Nehammer da von sich gibt?

Bis zum Schluss verbrennen

Ich lese, dass Grünen-Klubchefin Sigrid Maurer die Koalition mit der ÖVP im Bund »bis zum Schluss fortsetzen« will und dass die Grünen den »Klimaschutz vorangebracht« hätten. Und ich frage mich: Hat die Dame gehört, dass Karl Nehammer in seiner unberühmten Rede »Zur Zukunft der Nation – Österreichs 2030« das »Festhalten am Verbrenner« zur Maxime erklärt hat?

Ich lese, dass die Inflation in Österreich bei 8 Prozent liegt und damit deutlich über dem Durchschnitt im Euro-Raum liegt. Und ich frage mich: Wäre nicht noch vor zwanzig Jahre eine Regierung in einer solchen Situation aus dem Amt gejagt worden? Wenn man einen kurzen Blick auf die Entwicklung der Löhne wirft, wird sofort klar: Hier handelt es sich um einen steten Verlust der Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung.

Wo bleibt der Aufstand?

Gestern hat mir mein Verlag das Imprimatur meines Romans »0 1 2« zugeschickt, der am 13. September erscheinen wird. Hin und wieder trudeln hier Lesungsanfragen ein. Ich habe einmal versucht, einem Veranstalter zu erklären, dass ich eigentlich – wie alle anderen – den Preis für eine Lesung inflationsbedingt nach oben setzen müsste. Ich bekomme nur die Antwort, dass man nicht mehr zahlen könne als früher. Und ich bin leider ein viel zu schlechter Verhandler, um das nicht zu akzeptieren. Damit werde ich von Monat zu Monat ärmer. Ich habe Lesungen sogar günstiger gemacht, da ich seit 2023 als Inhaber eines Klimatickets keine Fahrtkosten in Österreich verrechne. All das schadet mir eigentlich. Und ich frage mich: Wo bleibt der Aufstand?

Wo bleibt der Aufstand, wenn man die Arbeitenden immer weiter ärmer machen kann? Wo bleibt der Aufstand, wenn ich hier ein Schild lese, dass das Oben-Ohne-Baden für Frauen nicht gestattet ist? Wo bleibt der Aufstand, wenn der Rassist und Fake-News-Verbreiter Karl Mahrer von der ÖVP sein Unwesen treibt und Karl Nehammer sich von Herbert Kickl abgrenzt, weil er ein Rassist ist und Fake-News verbreitet?

Abhängig von Oligarchen

Ich lese seit fast anderthalb Tagen Nachrichten aus der Ukraine und ich frage mich: Wann werden die westeuropäischen Staaten und wann wird Österreich endlich beginnen, Gespräche zwischen beiden Staaten in die Wege zu leiten. Ich kann mich noch gut an das Treffen zwischen Leonid Breschnew und Jimmy Carter 1979 in Wien erinnern – ein mehr als symbolisches Treffen, das Österreich in den Fokus der Weltpresse rückte. Und ich frage mich: Gehören solche Treffen der Vergangenheit und der zähen Erinnerung älter-werdender Menschen an?

Ein armseliger Oligarch

Dann aber lese ich auch, wie Reiche und Großkonzerne in Österreich und damit auch Medien und drei von den im Nationalrat vertretenen Parteien vom Geld putin-freundlicher Oligarchen wie Deripaska und Firtasch abhängig sind. Und darum frage ich mich nicht mehr, warum Österreich diesem Krieg gegenüber so bigott und scheinheilig handelt. In Wahrheit braucht das heutige Österreich das Geld aus Russland und kann sich eine neutrale Position zum Krieg gar nicht leisten. (Und dann denke ich: Wahrscheinlich brauche ich auch einen Oligarchen. Aber will ein Oligarch der Oligarch eines Schriftstellers sein? Das wäre wohl ein liebenswerter, kleiner, bescheidener Oligarch, der von den anderen Oligarchen ob seiner Armseligkeit gemobbt würde.)

Ein Leser meines letzten Artikels schrieb mir kürzlich, es bedürfe des Widerstands, um diese Verfehlungen aufzuzeigen. Das sehe ich nicht so: Es bedarf der Darstellung der Wirklichkeit in den Medien, um diese Verfehlungen aufzuzeigen. Und ich frage mich: Wer von denen, die im Glashaus sitzen, wird den ersten Stein werfen?

Voll daneben

Ich frage mich, wo sind die Aufdecker geblieben, die Medien, die früher Skandalen und Korruption nachgegangen sind, wo ist Bereitschaft geblieben, schonungslos und ohne Rücksicht auf Interessen zu berichten, wo ist der Geist geblieben, für die Freiheit zu kämpfen und unliebsamen Wahrheiten ins Auge zu sehen?

Ich sitze hier am Meer, weit entfernt von Österreich, und wahrscheinlich ist so ein Urlaub voll daneben: Flugreise, Hitze, Meer. Und dann erinnere ich mich an Kreiskys berühmten Satz, als man ihn fragte, warum er auf Mallorca Urlaub mache und nicht in Österreich: »Des kann i ma ned leisten.«

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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