Montag, Juli 22, 2024

Die Legende vom heiligen Alkolenker

Angesichts des Todes ist Pietät zu wahren, heißt es. Das sollte für alle Menschen gelten – auch für Christian Pilnacek. Der Erste, der sich daran nicht gehalten hat, heißt Sebastian Kurz.

Es gibt Dinge, die sich nur Reiche leisten können. Reich-Sein heißt nicht immer viel Geld zu haben. Es kann auch bedeuten, dass über einen gemutmaßt, berichtet und geschrieben wird. Es bedeutet auch, dass man die Tatsachen, die über eine/n Reichen bekannt sind, umformulieren, schönfärben, umdrehen kann und darf.

Man stelle sich vor, ein Geflüchteter, der in Österreich Asyl beantragt hat, würde von der Polizei in alkoholisiertem Zustand als Geisterfahrer angehalten und man entzöge ihm daraufhin seinen Führerschein. Ich überlasse es der Fantasie der Lesenden, was die Boulevardpresse darüber schreiben würde. Ich überlasse es der Fantasie der Lesenden, was in den Postings unter dem Artikel stehen würde. Man stelle sich vor, der Geflüchtete würde kurz nach seinem Führerscheinentzug sterben. Würden Presse und Öffentlichkeit die Pietät des Toten wahren?

Nicht aufregend genug

Täglich sterben Tausende Menschen, die nicht sterben müssten. In sinnlosen Kriegen werden sie hingemetzelt, weil sich der wohlhabende Teil der Welt nicht für die Opfer dieser Kriege interessiert, sondern nur für das Geld, das er mit den Waffenlieferungen an die Kriegsführenden verdient. Unter vermeidbaren Zuständen verlieren sie ihr Leben, weil sich der wohlhabende Teil der Welt nicht für Hunger- und Dürrekatastrophen interessiert. Die Presse berichtet, wenn überhaupt spärlich darüber, denn ein seit Jahren tobender Krieg mit tausenden Toten ist nicht aufregend genug für unsere Timeline.

Auch in Österreich sterben Menschen, die nicht sterben müssten: Kinder und Radfahrer/innen, die von Lkw oder Pkw getötet werden; Soldaten des sinnlosen österreichischen Bundesheers bei dilettantischen Übungen dieses sinnlosen Bundesheers wie zum Beispiel am 16. Oktober 2023 ein vierundzwanzigjähriger Soldat auf dem Truppenübungsplatz in Allentsteig bei einem Panzerunfall; oder bei Hundeattacken wie unlängst in Bruck an der Leitha oder in Sebern.

Legendenbildung

Sie alle sind doppelt arm. Denn erstens ist ihr Tod sinnlos, weil vermeidbar. Und zweitens spielt ihr Tod keine Rolle. Es gibt kein Umdenken in der Verkehrspolitik, wenn es wieder einen Verkehrstoten gibt. Es gibt kein Umdenken beim Bundesheer, wenn ein junger Soldat stirbt. Es gibt kein Umdenken bei der Kontrolle von Besitzern lebensgefährlicher Hunde. Pietät sollte vielleicht auch bedeuten, dass man angesichts des sinnlosen Todes eines Menschen überlegt, wie ein so sinnloser Tod in Zukunft vermieden werden könnte. Diese Überlegungen sind aber nicht wichtig genug für ständig wahlkämpfende Politiker/innen.

Der reiche Mensch aber, wenn er gar zu Lebzeiten zu den Rechtspopulisten, den Lieblingen des Boulevard, gehört hat, kommt nach seinem Tod nicht aus den Schlagzeilen. Hier erfordert es eine offensichtlich andere Pietät, täglich über den reichen Toten zu berichten. Sein Tod wird – egal, was er auch getan haben mag – sofort zur Legende. Wir erinnern uns an Jörg Haider: Der Alkolenker wird heiliggesprochen. Nicht nur das: Die Umstände seines Todes führen zu sofortiger Legendenbildung. Die Legendenbildung führt zur Umdeutung: Man berichtet über seine Verfolgung und letztlich Tötung durch andere.

Sebastian Kurz geht es um Sebastian Kurz

Nun haben wir in Österreich einen neuen Fall: Christian Pilnacek. Die Pietät, die man angesichts des Todes wahren soll, wurde allseits gewahrt. Nur ein Mann hat sie bereits am Tag der Auffindung von Pilnaceks Leiche gebrochen: Sebastian Kurz. Ob Pilnacek ein herausragender Jurist war, sollen Experten der Rechtswissenschaften entscheiden. Sebastian Kurz ist kein Experte der Rechtswissenschaften.

Dazu kommt, dass auch ein herausragender Jurist nicht davor gefeit ist, Unrecht zu begehen. Pilnacek hat seine Verachtung für den VfGH zum Ausdruck gebracht (sich später aber dafür entschuldigt), ihm wurde eine schwerwiegende Dienstpflichtverletzung zur Last gelegt, er hat nachweislich Akten und Informationen an eine Journalistin weitergegeben und er wurde suspendiert. Was davon im Boulevard übrigbleibt, ist eine »Fehde mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft« (heute). Ich möchte einmal über einen Flüchtling in Österreich, der auf dem Brunnenmarkt einen Apfel stiehlt und dabei von der Polizei aufgegriffen wird, lesen, dass er eine »Fehde mit der Behörde« hatte.

In der Vernehmung des Angeklagten Sebastian Kurz, erwähnte dieser den kürzlich verstorbenen Pilnacek. Dabei ging es allerdings nicht um Pietät und nicht um Pilnacek. Sebastian Kurz ging es um Sebastian Kurz. Kurz trug zur Legendenbildung bei und erklärte über Pilnacek, er [Kurz] wisse »wie mit ihm [Pilnacek] umgegangen wurde« und »was das mit ihm gemacht hat«. Damit diskreditierte Kurz einmal mehr die Justiz, die seiner Meinung nach auch ihn »verfolgt«. Vorsätzlich werden hier tatsächliche Verhältnisse umgekehrt: Der von der Polizei zurecht angehaltene Pilnacek, wurde »verfolgt«, so wie Kurz nach eigener Ansicht nicht rechtmäßig angeklagt ist, sondern »verfolgt« wird.

Die angeklagte Justiz

Darauf folgte eine viel seltsamere Offenbarung: Kurz erklärte vor dem Richter, noch am Vorabend mit dem verstorbenen Pilnacek telefoniert zu haben. Wozu ein Ex-Ex-Kanzler mit einem suspendierten Sektionschef telefoniert, ist fraglich. Doch geht es uns überhaupt etwas an, dass die beiden telefoniert haben? Nein, es geht niemanden etwas an. Warum wird es dann just von Kurz selbst freimütig ausposaunt?

Es ist die alte Fleischmann-Taktik der Flucht nach vorne. Damit lenkt Kurz vom Gegenstand des Verfahrens ab. Kurz dreht die Tatsachen um: Für ihn ist die Justiz angeklagt – angeklagt von ihm und seinen Gefolgsleuten (inkl. Pilnacek), die sich gegen »rote Netzwerke« verteidigen müssen. Es klingt wie ein Fall für die Psychopathologie – und das ist es ja vielleicht auch.

Die Boulevardpresse liefert

Jedenfalls aber ist es ein Problem der Demokratie. Denn so bedeutungslos Kurz heute als Person in der Politik sein mag, er ist ein Feind der Demokratie und ihrer Gewaltenteilung, ein Feind des Parlamentarismus, ein Feind der freien Gerichtsbarkeit. Und so spielt er bei jeder Vernehmung der Boulevardpresse – der einzigen Gewalt, die er neben sich duldet, solange er sie sich mit Geldflüssen gefügig halten kann (denn die »können auch anders«) – den Ball zu. Und die Boulevardpresse liefert jedes Mal prompt.

Es gibt Dinge, die sich nur Reiche leisten können. Sebastian Kurz ist reich. Christian Pilnacek war reich. Der Luxus, in dem sie leben oder lebten, gestattet es, dass die Darstellung ihrer Person und ihrer Taten durch Euphemismen, Verdrehungen, Verkehrungen und Lügen zurechtgebogen werden.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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