Freitag, Juli 12, 2024

Mangelnde Kontrollen, kaum System: Impfmanagement der Stadt Wien sorgt für Kritik

Aufgrund eines Fehlers der Stadt Wien wird ein Teil des Unipersonals schon jetzt geimpft. Exponiertere Gruppen müssen noch warten. Laut Experten muss der Impfplan bestimmten Zielgrößen folgen, doch hier gibt es Klärungsbedarf.

Florian Bayer

Wien, 18. März 2021 | Dieser Tage werden rund 4.000 Unimitarbeiter geimpft, obwohl sie laut Impfplan noch nicht an der Reihe sind. Die Stadt Wien hatte irrtümlicherweise Impftermine für „Bildungspersonal“ vergeben, womit aber nur Lehrende und Elementarpädagogen gemeint waren. Registriert hatte sich dann auch Personal von den Universitäten oder aus der Erwachsenenbildung. Ein Uni-Angestellter spricht gegenüber ZackZack von einer „Impflotterie“.

Das Büro des Gesundheitsstadtrats Hacker entschuldigte sich daraufhin. Die Stadt hielt allerdings an den bereits fixierten Terminen fest, da mit einer „Massenausladung“ ein „Vertrauensverlust gegenüber der Wiener Impforganisation“ einhergehen würde. „Das wollten wir in der derzeit emotional aufgeladenen Stimmung vermeiden“, so ein Sprecher Hackers.

Weiterhin Unmut spürbar

Komplett abgewendet ist der Vertrauensverlust damit nicht. „Impfneid ist zwar unangebracht, alle sollten aber das Gefühl haben, dass die Impfstoffverteilung nach einem nachvollziehbaren Konzept erfolgt“, sagt eine Mitarbeiterin der Uni Wien. Das sei derzeit ihrer Ansicht nach nicht der Fall.

Entgegen dem städtischen und nationalen Impfplan werden derzeit auch junge und gesunde Doktoranden im Distance Learning geimpft. „Jene zu impfen, die im Home-Office sitzen, ist in Relation zu anderen Impfungen extrem ineffektiv und ergibt für das Pandemie-Management keinen Sinn“, sagt Simulationsexperte Niki Popper von der TU Wien.

Eine einheitliche Lösung würde das Vertrauen erhöhen. Generell müssten Bund und Länder immer transparent machen, „wer wann, wo und warum geimpft wird.“

Frage der Zielgröße

Für Komplexitätsforscher Peter Klimek hängt der Sinn oder Unsinn bestimmter Impfstrategien von der definierten Zielgröße ab: „Wenn diese das Verhindern von Todesfällen ist, sollten als erstes Hochbetagte und Pflegeheim-Bewohner dran kommen, wie es ja passiert ist. Für die Zielgröße ‚Intensivbetten‘, sollte die Risikopopulation geimpft werden. Für eine Reduktion des Transmissionsrisikos insgesamt wären hingegen auch exponierte Berufsgruppen zu priorisieren.“

Er räumt aber ein: „Auch wenn jede Impfung zum persönlichen Schutz extrem wichtig ist, sind 4.000 Impfungen ein paar Wochen früher oder später in jeder dieser Gruppen zu wenig, um auf Bevölkerungsebene einen maßgeblichen Unterschied zu bewirken. Da wäre das Erreichen einer hohen Durchimpfungsrate entscheidend.“

Ob die Zielgröße jedoch so klar definiert ist? De facto werden aktuell verschiedenste Gruppen gleichzeitig geimpft, die Phasen im Impfplan überlappen sich. Junge Kindergartenpädagogen werden gleichzeitig mit Hochbetagten geimpft. Während die Impfungen bei Lehrern weitgehend außer Streit sind, sehen das bei den Unis, die wohl noch länger im Distance Learning bleiben müssen, viele anders.

„Noch nicht dran“

„Es ist ein bisschen ein Fremdschämen, weil viele das Gefühl haben, dass wir einfach noch nicht dran sind. Die Eltern der meisten sind noch nicht einmal geimpft. Gleichzeitig finde ich aber auch schwierig, andere Kollegen zu verurteilen. Es zeigt sich einfach einmal mehr, dass die Verteilung von Impfstoff suboptimal läuft“, sagt eine wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Wien gegenüber ZackZack.

Ein anderer Mitarbeiter der Uni Wien spricht von Verstimmung bei Kollegen, die sich nach der Aufforderung wieder abgemeldet haben. „Der Tenor ist: Wer einen Termin bekommt, soll ihn annehmen. Es ist nicht an ihm oder ihr, das zu hinterfragen“, sagt er. Stolz sei aber niemand auf die Impfung, mache hätten sich geschämt. Die verwendeten Impfdosen seien übrigens „kurzfristig organisiert“ worden und stammen von „später geplanten Betriebsimpfungen von nicht-medizinischen Berufen mit Personenkontakt“, heißt es vonseiten der Stadt Wien.

Keine Kontrollen

Dass nicht kontrolliert werden soll, berichten uns mehrere Personen, die sich als „Bildungspersonal“ registriert hatten – dann aber bloß die E-Card vorweisen mussten, nicht aber etwa einen Dienstausweis. Auch fünf für die ZiB2 (11.3.) befragte Personen sagten, dass sie nicht kontrolliert worden seien. Darauf angesprochen, heißt es vom Büro des Gesundheitsstadtrats, dass „Kontrollen aufgrund der örtlichen Rahmenbedingungen nicht überall in derselben Intensität erfolgen können.“ Nachschärfungen seien vorläufig nicht geplant, da es keinen Sinn mache, „die Bürokratie auf die Spitze zu treiben.“

Lehrende aus der Erwachsenenbildung sind verärgert. „Es gab etwa fünf Stunden lang die Möglichkeit, sich anzumelden, nur damit diese vom AMS widerrufen werden konnte“, sagt eine AMS-Trainerin in Wien. „Die Kollegen, die einen Termin bekamen, dürfen diesen wahrnehmen. Die anderen schauen durch die Finger.“

„Wir sind davon ausgegangen, dass auch jene Trainer, die Präsenzunterricht machen, in die gleiche Logik wie Lehrer fallen“, so Petra Draxl, Geschäftsführerin des AMS Wien. Als die Stadt Wien aber zurückruderte und mitteilte, dass es nicht genug Impfstoff geben werde, musste man die Anmeldeempfehlung wieder zurücknehmen, sagt sie. Wann das Personal der Erwachsenenbildung regulär geimpft werde, sei noch unklar. Die für den Fehler ursächliche Anmeldegruppe „Bildungspersonal/Kindergartenpädagog*innen und Mitarbeiter*innen von Bildungseinrichtungen“ besteht übrigens weiterhin.

Ein Professor der Wirtschaftsuniversität (WU) sagt gegenüber ZackZack: Wenn er die Impfung nicht nehme, werde deswegen kein Angehöriger der Risikogruppen früher geimpft – das sei ihm vom Impfservice gesagt worden. Angesichts dessen habe sich der Lehrende in Hoffnung auf baldigen Präsenzunterricht für die Impfung entschieden. Auch er wurde beim Impftermin nicht kontrolliert, sagt er. Auf seiner Fakultät hätten sich übrigens fast alle geimpft, Debatten über Impfneid gebe es nicht. Dass jetzt Einzelne kritisiert werden, die geimpft werden, stört ihn aber. Schuld sei vielmehr das Management von Stadt und Bund: „Einen Impfplan, der diesen Namen verdient, gibt es nicht. In anderen Ländern kennen die Menschen ihren Impftermin Monate vorab. Nicht in Österreich.“

Titelbild: APA Picturedesk

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