Lieber Presserat!

Medienkorruption erschüttert das Land, doch alle tun, als wäre nichts. Der politmediale Komplex ist nicht zu retten. Neue Medien braucht das Land. Will der Presserat eine Rolle spielen?

Thomas Walach Wien, 10. Oktober 2021 | Kürzlich hatte ich Gelegenheit, bei der internationalen Konferenz der Presseräte über die Lage der Medien in Österreich zu sprechen. Ich zeichnete ein schonungsloses Bild. Ich erinnerte daran, dass Ungarn im Ranking der Pressefreiheit von “Reporter ohne Grenzen” noch vor 15 Jahren vor Österreich lag; dass es schnell gehen kann; dass Österreich am Scheideweg steht. Den Kollegen aus aller Welt war die Verfasstheit des politmedialen Komplexes in Österreich neu. Der Löwenanteil der Presseförderung wird hierzulande nicht nach irgendwelchen objektivierbaren Kriterien vergeben, sondern freihändig als Regierungsinserate. Mehr als eine Million Euro pumpt die Regierung Woche für Woche in jene Medien, die ihr genehm sind. Dass ein solches System schon aus wirtschaftlichen Gründen ein strukturelles Problem hat, seine Aufgabe als vierte Gewalt im Staat zu erfüllen, liegt auf der Hand.

Nicht zu retten

Die Medienkorruption ist hierzulande systemisch. Kurz hat sie auf ein neues Niveau gehoben, aber er hat sie nicht erfunden. Es sind nicht nur Kurz und Fellner. Seit Mittwoch hatten Österreichs Systemmedien die Gelegenheit zur Umkehr. Doch ihnen fehlt, wie nicht zuletzt die “Runde der Chefredakteure” in der ORF-Pressestunde am Sonntag zeigte, entweder der Wille oder die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Der politmediale Komplex ist offenbar nicht zu retten, von wenigen Ausnahmen – aus meiner ganz persönlichen Sicht etwa Profil, News, Falter oder Standard – abgesehen. Also brauchen wir neue Medien. Sie sollen nicht in allem sein wie ZackZack, aber doch in einem: Sie müssen Hofberichterstattung verabscheuen und Skepsis gegenüber den Mächtigen in ihrer DNA haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Medien vor allem im Netz entstehen können.

Neue Medien braucht das Land

Zunächst ist die Gewohnheit, Nachrichten von heute auszudrucken, um sie morgen mit der Post zu den Lesern zu schicken, nicht zeitgemäß, wenn jeder Leser ein Gerät bei sich trägt, mit dem er die Nachrichten unmittelbar lesen kann. Das gilt vor allem für aktuelle Berichterstattung, bei Magazinen und Wochenzeitungen hat Print und damit auch die bewusste Entschleunigung ihren Zweck. Die wichtigste Publikation der US-amerikanischen Linken, der “Jacobin”, liefert mit jeder Ausgabe ein Designkunstwerk, das im Netz einfach nicht funktioniert. Vor allem aber sind die wirtschaftlichen Einstiegshürden für Online-Publikationen ungleich niedriger als für gedruckte. Das ist eine gute Sache, weil sowohl die offizielle, als auch die Inseraten-Presseförderung immer noch auf Printprodukte ausgerichtet sind. Online-Publikationen können sich also keine wirtschaftliche Unterstützung vom Staat erwarten, dessen Aufgabe eigentlich die Förderung journalistischer Vielfalt und nicht deren Verarmung durch Bestechung und Erpressung mit Inseraten wäre. Eine Allianz für eine bessere, das heißt unabhängige, kritische Medienlandschaft können solche neuen Medien schließen, indem sie gemeinsam Qualitätskriterien festlegen, ethische und handwerkliche Standards für ihre Arbeit. Die werden von den alten Medien des politmedialen Komplexes gerne, aber häufig zu Unrecht beansprucht: Böcke, die sich als Gärntner ausgeben.

Kontrolliert uns!

Ein solcher Zusammenschluss braucht ein gemeinsames Dach. Die Selbstkontrolle der Presse ist ein Erfolgsmodell. Denn freie Presse braucht Kontrolle, die aber vom Staat gerade nicht kommen darf. Lieber Österreichischer Presserat, du stellst in einer bestimmten Hinsicht einen geradezu absurden Ananchronismus dar: Onlinemedien können sich deiner Kontrolle nicht unterwerfen. Nur, wenn sie Nachrichten auch ausdruckten, würden ihre Publikationen im Netz vom Presserat kontrolliert. Warum das so ist, versteht niemand. Es ist 26 Jahre her, dass die erste Website des Vatikan online ging. Nun ist die katholische Kirche nicht für ihre besondere Zeitgeistigkeit bekannt. Es wäre an der Zeit, dass eine Generation später auch der Presserat einen Schritt ins “Neuland” Internet wagt. Die einzige Alternative ist ein eigener Zusammenschluss von Onlinemedien zur freiwilligen Selbstkontrolle. Aber warum Parallelstrukturen aufbauen, wenn es eine etablierte, bewährte und vertrauenswürdige Institution gibt, die einfach nur ihre Statuen ins 21. Jahrhundert bringen müsste? Also, bitte lieber Presserat: Kontrolliert uns!

Titelbild: APA Picturedesk

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