Sonntag, Mai 19, 2024

Skylla und Charybdis: Das Leben ist kostbar

Corona hat viele an Ihre Grenzen gebracht und deutlich gemacht, wie kurz das Leben ist. Menschen haben sich aufgeopfert, um das Leben anderer zu retten. Julya Rabinowich bringt es in einer abschließenden Ausgabe von Skylla und Charybdis noch einmal auf den Punkt.

Julya Rabinowich

Wien, 19. Dezember 2021 | Das Leben ist kostbar. Wie kostbar es ist, erkennt man oft erst, wenn es erschüttert, wenn es gefährdet wird, wenn man sich plötzlich am Abgrund stehen sieht. Manchmal hat man so große Angst vor diesem Ende, das man alles verdrängt, das daran erinnert. Corona hat viele daran erinnert.

Corona war sozusagen auch die große narzisstische Kränkung des Westens. Der vermeintlichen viralen Unverwundbarkeit. Ebola und SARS waren weit weg von Europa, sie töteten nicht hier, in der eigenen Stadt, im eigenen Dorf. Mit jeder Coronawelle waren es mehr und mehr Betroffene. Angehörige. Aber auch: Mehr und mehr in eine Parallelwelt abdriftende. Das letzte Jahr und auch das vorletzte haben viel gefordert: an Disziplin, an Geduld, an Zurückhaltung. Haben schonungslos das Beste und das Hässlichste aus Menschen hervorgeholt. Haben Grenzen verschoben. Haben viel gekostet. In jedem Sinne. Haben Missbrauch und Betrug gestärkt und Offenheit und Zusammenhalt.  Haben Menschen zu Opfern und Tätern gemacht, manchmal zu beiden

Menschen, die im Spital arbeiten, leisten seit langer Zeit Unleistbares. Sie reiben sich auf im Versuch, Leben zu retten. Angehörige zu betreuen. Hände zu halten. Abschiede zu ermöglichen. Erklären, wenn es keine Möglichkeit dazu mehr gibt. Sie füttern, wickeln, geben Infusionen, leeren Bettpfannen aus. Überbringen letzte Worte. Beruhigen die Patienten vor dem Tiefschlaf. Sie opfern ihre Lebensenergie für das Überleben anderer. Nicht wenige leiden an Burn-Out.

Das mindeste wäre es, sie als moderne Helden und Heldinnen anzuerkennen. Nein. Das Mindeste wäre es, sie wenigstens in Ruhe arbeiten zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Gewaltbereitschaft gegen Spitalpersonal steigt erschreckend an. Coronaleugner äußern Morddrohungen. Liefern Schmierereien. Aufmärsche vor den Krankenhäusern. Blockieren dabei Rettungswägen. Und nun folgen auch reale körperliche Angriffe. Beschimpfung und ausgeschütteter Kaffee. Ins Gesicht einer Altenpflegerin.

Es darf und kann nicht so weitergehen. Die Politik ist bei dem überfälligen notwendigen Schutz säumig. Geschuldet ist bereits die Anerkennung. Die angemessene Bezahlung. Nun kommt auch diese neue Schuld hinzu. Die Zivilgesellschaft möchte das nicht unkommentiert akzeptieren.

Am Sonntag wird zu einem neuen Zeichensetzen aufgerufen: ein Lichtermeer unter dem Motto „Yes, we care“ am Wiener Ring. Und Kerzen in den Fenstern derer, die nicht kommen können, aber mitmachen wollen. Als Gegensatz zu den Grölwanderungen, zu den Übergriffen. Als stiller Protest. Mit Schweigeminuten. Ein flackernder Lichtkranz: als Installation des Gedenkens und des Dankes. Für die Coronatoten. Für alle, die Kranke betreuen, retten oder begleiten. Für Ärzte und Ärztinnen. Für Pflegerinnen und Pfleger. Für die, die anderen jeden Tag den Allerwertesten retten und dabei den ihren für sie aufreißen. Sie haben Respekt und Entlohnung, sie haben Unterstützung, Sicherheit und Schutz verdient. Die Zivilgesellschaft kann das einmahnen. Umsetzen muss es aber die Politik. Besser jetzt als morgen. Das Leben ist kostbar.

Titelbild: APA Picturedesk

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