Mittwoch, Februar 28, 2024

Julya Rabinowich: Wider den zweiten Frischegrad

Die freien Medien sind in der DNA Europas eingeschrieben, sie leuchten aus der Vergangenheit der Aufklärung, sie brennen, aber verbrennen nicht in den Stapeln der Bücher, die im Großdeutschen Reich den Flammen zum Opfer fielen. Sie stehen für das, was geschaffen wurde: für Erkenntnis, für Eigensinnigkeit, für Widerstand.

Wien | Es gibt nur genießbare Fische ersten Frischegrades, hält der russische Autor Michail Bulgakow schon in den Dreißigern fest. Der zweite Frischegrad garantiert verdorbenen Magen. Das gilt auch für Pressefreiheit und Kunstfreiheit.

Wo aber befinden wir uns gerade jetzt? Wir befinden uns hier: ZackZack, so wie wir es kennen, ist verhungert. Wie es weitergeht: Wir wissen es nicht. Viel Herzblut, viel Mut, viel Schmerz und Widerstand wurden hier hineingesteckt. Es wurde Stirn geboten. Es wurde demaskiert. Es war ein großer, gemeinsamer Traum der Unabhängigkeit. Und dieser Traum kam gerade zur rechten Zeit.

Meinungsfreiheit, sie muss stehen

In Zeiten, in denen Mitgliederländer der europäischen Union die Pressefreiheit massiv eingeschränkt bis völlig untergraben wird, in Zeiten, in denen russische Kunstschaffende bei Rückkehr von ihre Stipendienaufenthalten in Europa verhaftet und am nächsten Tag im Schnellverfahren des Terrorismusverherrlichens schuldig gesprochen werden, in Zeiten, in denen wichtigste russische Autoren und Autorinnen wie Ljudmila Ulitzkaja und Michail Schischkin, immerhin Träger aller drei der größten Auszeichnungen für russische Literatur im Exil leben (müssen), in Zeiten, in denen unzählige Autoren und Autorinnen in türkischen Gefängnissen verschwinden, in Zeiten, da der in Deutschland lebende Journalist Deniz Yücel per Haftbefehl in der Türkei gesucht wird – in solchen Zeiten muss das Europa der Geistesfreiheit, der Kunstfreiheit, der Meinungsfreiheit so firm und fest stehen wie schon lange nicht mehr.

Die freien Künste, die freien Medien sind in der DNA Europas eingeschrieben, sie leuchten aus der Vergangenheit der Aufklärung, sie brennen, aber verbrennen nicht in den Stapeln der Bücher, die im Großdeutschen Reich den Flammen zum Opfer fielen, sie stehen für das, was geschaffen wurde: für Erkenntnis, für Eigensinnigkeit, für Widerstand. Sie müssen gewahrt werden, komme was wolle!

Gerade jetzt, hier und heute, muss Europa bereit sein, fliehende Kunstschaffende und fliehende Journalisten und Journalistinnen zu unterstützen. Nicht nur, weil auch Europa einmal ein Ort war, aus dem geflohen werden musste: aus dem Großdeutschen Reich, aus der UdSSR.

Kollateralschaden

Jetzt sind die Karten neu gemischt, geflohen wird aus Putins Regime, aus der Verfolgung in Polen, in Ungarn, in der Türkei. Aus Österreich flieht gerade niemand, aber es verzweifeln einige. Österreich ist noch nicht im Auge des Sturms. Noch. Österreich leidet aber bereits an Kollateralschäden: In der Pressefreiheit sind wir abgerutscht, die Message Control sucht sich an Orban anzugleichen, die “Wiener Zeitung” ist tot und diese Plattform, auf der sie diese Worte gerade lesen, fühlt sich auch schon sehr schlecht.

Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

Julya Rabinowich
Julya Rabinowich
Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.
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5 Kommentare

  1. Ich würde ZackZack nun gesundschrumpfen und darauf aufbauend wieder ganz neu anfangen.
    Dann würde ich versuchen endlich die gleichen Förderungen zu erhalten, wie die anderen Medien. Dies vor allem mit dem Argument, dass diese poltisch gekauft wurden und ZackZack unabhängig war und weiter ist.

    Wenn ich nur daran denke wie ZZ gestartet ist und damals losgelegt hat, dann habe ich den Eindruck, dass hier einiges sich unvorteilhaft verändert haben muss? Was ist nur beispielsweise dafür aus den Berichten über unseren Nationalratspräsidenten geworden?

  2. stimmt

    ich bin neugierig, wie es mit zackzack weitergeht.

    ich tät mir wünschen, dass es zumindest als plattform für meinungsartikel wie diese bestehen bleibt.
    und ums forum tät mir auch leid.

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