Samstag, Juli 20, 2024

Einst und Jetzt – Skylla & Charybdis

Der Fall Scheuch zeigt: Wissen ist Macht, aber es gilt immer noch, nun zu Ende ausjudiziert: Nichtwissen macht nichts. Die Ansprachen des Nie Wieder sind vorbei, schreibt Julya Rabinowich. 

Wien | Michel Friedman hat eine Rede im österreichischen Parlament gehalten. Die Rede, für Österreich in eher ungewohnter Genauigkeit und damit Schärfe gehalten, sprengte manch eine Grenze, unter anderem mehrere blaue. Das, was Herbert Kickl üblicherweise von sich gibt, war den offiziellen Vertretern der FPÖ gerade gut und nah am blauen Herzen angesiedelt. Auch die widerlichen Aussagen Waldhäusls wurden mit anerkennendem Schulterklopfen quittiert.

Demaskierung

Aber nun. Dieser unerträgliche Jude, der sich erdreistet, ihnen in voller Öffentlichkeit bei Gedenkfeierlichkeiten die Wahrheit ihres Tuns und Segens vor den Latz zu knallen. Der sprengte die Grenzen des fpöischen Anstands. Der musste natürlich aufs erbitterte kritisiert werden. Dass Michel Friedman Überlebender einer Familie ist, die bis auf Eltern und Großmutter, die von Schindler gerettet wurden, in KZs der Nazis umkam: geschenkt. Der hat doch kein Recht, sich herauszunehmen, an diesem Tag zu sagen, was er denkt! Wer denkt denn an den wunderbaren Nutzen, den solche Termine für Freiheitliche haben, die jede Gelegenheit mit beiden Händen ergreifen, sich ja nicht judenfeindlich darzustellen, wenn es um Öffentlichkeit geht! Im Keller singt man von vergasten Juden, aber das ist eben der Keller, der österreichische Ort für Verdrängtes und Begehrtes. Das muss man doch wissen und verstehen!

Das Gastland und den Gastgebenden ehren, nicht mit Demaskierungen und vorgehaltenen Spiegeln quälen! Wo kämen wir da hin! Das Judentum wird der verfolgenden Unschuld nicht entkommen, auch der blauen Liebe nicht, jedenfalls bis zu dem Augenblick, in dem sich die Tür des Kellers öffnet oder ein öffentliches Podium. Dessen Redner dann kurz und prägnant jenes Feigenblatt, dass die FPÖ sein möchte, damit sie über andere Minderheiten ungehindert hetzen kann, einfach ohne Rücksicht auf Verluste abmontiert und die traurig angebräunten Kronjuwelen darunter zum Vorschein kommen. Ansonsten benahm sich die FPÖ in den folgenden Tagen ein bisschen wie der alkoholkranke Partner, der sich nur die kurze Zeitspanne zusammenreißen kann, in der er Besserung vorgaukelt. Und ein bisschen gilt das leider auch für Restösterreich.

Im Zweifel freigesprochen

Kürzlich ging ein bemerkenswertes Gerichtsverfahren zu Ende: Der ehemalige freiheitliche Spitzen-, dann BZÖ- und anschließend FPK-Politiker und Wanderpokal namens Kurt Scheuch wurde im Zweifel freigesprochen. Er hatte doch nicht ahnen können, dass die hübschen Runen, die er reichhaltig in seiner Umgebung verteilte, böse Nazibedeutung haben! Die Plattform Stoppt die Rechten hat zwar versucht, seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, zum Beispiel mit der Info, dass die Rune “Wolfsangel” unter anderem von der zweiten SS-Panzerdivision “Das Reich” verwendet wurde und die “Sigrune” in der doppelten Form das Symbol der verbrecherischen SS gewesen sei. Die “Odal”-Rune wiederum, das “Blut- und Boden”-Symbol im NS, sei sogar der Reichsbauernschaft, der Hitlerjugend bis zu diversen SS-Freiwilligenverbänden benutzt worden. Aber wer kann das denn in Österreich schon wissen?

Scheuch habe keine Nazi-Runen verwendet, die Symbole hätten eine persönliche Bedeutung für ihn, ließ sein Verteidiger wissen. Abgesehen davon, dass beides durchaus Gleichzeitigkeit zeigen kann: Wissen ist Macht, aber es gilt immer noch, nun zu Ende ausjudiziert: Nichtwissen macht nichts. Die Ansprachen des Nie Wieder sind vorbei. Jetzt kann endlich more of the same folgen.

Titelbild: ZackZack/Miriam Mone

Autor

  • Julya Rabinowich

    Julya Rabinowich ist eine der bedeutendsten österreichischen Autorinnen. Bei uns blickt sie in die Abgründe der Republik.

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