Samstag, Juli 20, 2024

Nachhilfe für Innenminister: SPÖ-Jugend lädt Karner zur Nachhilfe in Karl Marx-Hof ein

Nachhilfe für Innenminister:

Innenminister Karner, der als Bürgermeister ein Dollfuß-Museum förderte, soll Geschichtsnachhilfe bekommen. Das findet jedenfalls die Junge Generation der SPÖ und lädt Karner in den Karl Marx-Hof ein.

Wien, 21. Dezember 2021 | War der austrofaschistische Diktator Engelberg Dollfuß ein Faschist? Innenminister Karner sagt, er könne das nicht beurteilen. Grund genug für die SPÖ-Parteijugend, dem Niederösterreicher zu einer Nachhilfestunde am Ort des Geschehens einzuladen. Der Wiener Karl Marx-Hof wurde während der Februarkämpfe mit Artillerie beschossen. In dem Gemeindebau hatten sich Kämpfer des sozialdemokratischen Schutzbunds verschanzt.

„Der Karl Marx Hof wurde von Dollfuß und seinen Schergen als Symbol für das ‘Rote Wien’ verstanden”, sagt Gerald Netzl, Vorsitzender des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen. Der Bau eigne sich daher hervorragend für eine Führung und ein Gespräch darüber, weshalb “die Geschichtsforschung ganz überwiegend von Faschismus spricht, wenn sie das politische System Österreichs 1934-1938 beschreibt.“ 

Relativierung durch Nehammer

Besonders ärgerlich ist für Netzl, dass Bundeskanzler Karl Nehammer in seinem ersten Fernsehinterview nach Amtsantritt insinuiert habe, der Austrofaschismus sei eine Reaktion auf die Bedrohung durch den Austromarxismus gewesen. Tatsächlich stellte der sogenannte Austromarxismus eine gemäßigte Spielart des Sozialismus dar. Seine Vertreter setzten auf Parlamentarismus und Kooperation mit politischen Gegnern. Gelegenheiten zum Umsturz nützte der Austromarxismus nie – im Gegenteil: Die Sozialistische Partei Otto Bauers beteiligte sich aktiv daran, Umsturzbemühungen der Arbeiterräte zu bekämpfen.

Ganz anders der Austrofaschismus in seinem Staatsstreich 1933: Bundeskanzler Dollfuß ließ das Parlament durch bewaffnete Polizisten räumen, schaltete den Verfassungsgerichtshof aus, verbot politische Parteien, schränkte Versammlungs- und Pressefreiheit ein, gründete die faschistische “Volksfront” und führte die Todesstrafe wieder ein. Ihre Anwendung gegen Mitglieder des Schutzbunds ist heute als Justizmord anerkannt. “Die einen haben
Gemeindebauten errichtet, die anderen sie mit Geschützen beschossen.”, sagt Netzl.

Katahrina Weninger, Wiener Gemeinderätin und Vorsitzende der SPÖ-Parteijugend schickte am Dienstag eine Eiladung an Karner, am diesjährigen Gedenken anlässlich der Februarkämpfe teilzunehmen. Für 12. Februar ist eine Führung im Karl Marx-Hof geplant. “Wir hoffen, dass sich der Bundeminister die Zeit nimmt, mit uns gemeinsam auf den Spuren der Februarkämpfe 1934 zu wandeln. Vielleicht leistet dies einen Beitrag, sein Geschichtsbild im einen oder anderen Detail nachzuschärfen.“, sagt Weninger. Und Karner könne ja vielleicht auch Bundeskanzler Nehammer mitnehmen.

Bisher warten die Initiatoren noch auf Antwort des Innenministers – genau wie ZackZack. Unsere Anfrage blieb unbeantwortet.

(tw)

Titelbild: APA Picturedesk

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