Montag, März 4, 2024

Massiver russischer Ansturm auf Kiew erwartet

In der Ukraine mehren sich die Anzeichen für einen massiven Ansturm der russischen Armee auf die Hauptstadt Kiew. Wie der US-Nachrichtensender CNN in der Nacht auf Montag berichtete, ist ein “riesiger russischer Militärkonvoi” dorthin unterwegs.

Kiew, 28. Februar 2022 | Im Norden Kiews versuche die Armee eine Pontonbrücke über den Fluss Irpin zu bauen, schrieb der ukrainische Generalstab. Ein Versuch zur Eroberung der gleichnamigen Stadt sei erfolglos geblieben.

Die Kiewer Stadtverwaltung rief die Menschen dazu auf, nur bei dringender Notwendigkeit ihre Häuser zu verlassen. Straßenkämpfe fänden weiterhin in praktisch allen Bezirken der Stadt statt. Insgesamt sei die Nacht auf Montag verhältnismäßig ruhig verlaufen, abgesehen von einigen Gefechten und Kämpfen mit Sabotage- und Aufklärungsgruppen, hieß es. Die Stadt sei hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich weiter auf ihre Verteidigung vorzubereiten. Sollten die Menschen also das Haus verlassen, sähen sie neue Befestigungen, Panzerfallen und andere Verteidigungsstrukturen.

Russischer Beschuss “aus praktisch allen Richtungen”

Der ukrainische Generalstab hatte am Sonntag eingeräumt, dass die Lage “schwierig” sei, weil der russische Beschuss “aus praktisch allen Richtungen” andauere. Konkret wurde etwa auf den Luftwaffenstützpunkt Wassylkiw südlich von Kiew verwiesen, wo weiter erbitterter Widerstand gegen russische Angreifer geleistet werde.

Die ukrainische Agentur Unian meldete, dass von der Halbinsel Krim viele Bomber und Jagdflugzeuge nach Norden gestartet seien. Laut Unian sollten Kiew, die Städte Mykolajiw und Cherson im Süden sowie Charkiw im Osten zu den Zielen der russischen Kriegsflugzeuge gehören. Die staatlichen Behörden berichteten einige Stunden später von Explosionen in Kiew und Charkiw. In der Hauptstadt war es zuvor einige Stunden lang ruhig gewesen.

Unian berichtete weiter, dass belarussische Fallschirmjäger den Befehl bekommen hätten, um 5.00 Uhr in die Ukraine zu fliegen. Sie beruft sich dabei auf Informationen von Andrej Strischak von der Nichtregierungsorganisation Bysol (Belarus Solidarity Foundation), die sich für Betroffene von politischen Repressionen in Belarus einsetzt. Der US-General und frühere NATO-Kommandant Wesley Clark sagte in CNN, dass ein Eingreifen belarussischer Soldaten das Problem der Verteidiger Kiews noch verstärken würde. Der belarussische Präsident Lukaschenko hatte nach Angaben von des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj noch am Sonntag versichert, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen.

Nach britischen Angaben hat sich der Vorstoß der russischen Truppen auf Kiew hat verlangsamt. Das liege an dem starken Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und an logistischen Problemen, teilt das britische Verteidigungsministerium auf Basis neuer Geheimdienstinformationen mit. Der Großteil der russischen Bodentruppen befinde sich weiterhin rund 30 Kilometer vor Kiew. Auch der strategisch wichtige Flughafen Hostomel werde weiter von ukrainische Soldaten gehalten. Schwere Kämpfe gebe es auch weiterhin um die Großstädte Tschernihiw im Norden und Charkiw im Nordosten.

Tschernihiw unweit der belarussischen Grenze soll eine Rakete in ein Wohnhaus eingeschlagen sein. Dadurch sei ein Feuer ausgebrochen, wie der staatliche Informationsdienst der Ukraine am Montag in der Früh auf Telegram schrieb. Angaben zu Verletzten gab es zunächst nicht.

Russische Truppen eroberten unterdessen nach Angaben aus Moskau die ukrainischen Städte Berdjansk und Enerhodar im Südosten des Landes. Sie stünden unter russischer Kontrolle, teilte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montag in Moskau mit. Berdjansk, dessen Einnahme zuvor schon die ukrainische Seite gemeldet hatte, liegt am Asowschen Meer, Enerhodar nordwestlich der umkämpften Stadt Mariupol. Konaschenkows Angaben zufolge hat Russland die Lufthoheit über die gesamte Ukraine erlangt. Dafür gab es von ukrainischer Seite zunächst keine Bestätigung.

Kernkraftwerk eingenommen

Russische Truppen haben nach eigenen Angaben die Kontrolle über das ukrainische Kernkraftwerk in Saporischschja im Süden des Landes übernommen. Es ist das größte Atomkraftwerk Europas. Das Personal kontrolliere und warte die Anlage weiter, teilte Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, am Montag mit. Das staatliche Unternehmen Energoatom dementierte die Darstellung. Es handle sich um eine Falschnachricht. Die Angaben sind nicht unabhängig zu überprüfen.

Das US-Verteidigungsministerium betonte indes, dass die heftige Gegenwehr der Ukrainer den Vormarsch der russischen Armee bremse. “Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand”, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Ministeriums am Sonntag (Ortszeit) in einem Briefing für Journalisten. “Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen.” Man beobachte zudem “Treibstoff- und Logistikengpässe” der russischen Truppen.

Vereinte Nationen gehen bisher von 94 zivilen Toten aus

“Nach unserer Einschätzung haben sie nicht mit dem Ausmaß des Widerstands gerechnet, auf den sie stoßen würden”, sagte der Regierungsvertreter weiter. Es sei aber davon auszugehen, dass die russischen Streitkräfte sich anpassen und die Herausforderungen bewältigen würden. Nach US-Einschätzung habe der russische Präsident Wladimir Putin erst zwei Drittel seiner für die Invasion an der Grenze zusammengezogene “Kampfkraft” im Einsatz in der Ukraine.

Der ukrainische Generalstab gab indes eine neue Bilanz der russischen Verluste bekannt. Seit Beginn des Krieges am Donnerstag soll die russische Seite 4.500 Soldaten verloren haben, hieß es. Außerdem seien Hubschrauber, Panzer und weitere militärische Fahrzeuge zerstört worden. Von unabhängiger Seite ließen sich diese Angaben nicht überprüfen. Auch war unklar, wie sich diese Verluste (in Gefallene, Verwundete und Vermisste) untergliedern. Russland hatte am Sonntag erstmals Todesopfer im Krieg eingeräumt, aber keine Zahlen genannt.

Seit Beginn der Kämpfe wurden nach Angaben der Vereinten Nationen 376 Zivilisten verletzt, 94 davon tödlich. Die Kämpfe hätten “schwere humanitäre Auswirkungen”, die Zahl der Opfer könnte deutlich höher sein, heißt es in dem Bericht.

(apa/bf)

Titelbild: APA Picturedesk

Benedikt Faast
Benedikt Faast
Redakteur für Innenpolitik. Verfolgt so gut wie jedes Interview in der österreichischen Politlandschaft.
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7 Kommentare

  1. Geht’s auf oe24 Niki Fellner seine Kolumne, fordert der Wahnsinnige ein militärisches Eingreifen der Nato in und über der Ukraine!! Dem Idioten sollten sofort alle Medienförderungen gestrichen werden.
    Fellner zur Not geh selber runter und Kämpfe, die bauen grad ein Fremdenlegionär Herr auf du Irrer

    • Der ORF ist auch nicht besser. Beim Frühstücksfernsehen wurde vom ORF-Moderator tatsächlich eine Expertin gefragt, ob Österreich auch Waffen in die Ukraine schicken soll? Wahrscheinlich habe ich mich verhört, weil so total irre kann man nicht sein. Die ersten polit. Stimmen gibt es nun auch schon, die die Neutralität Österr. lauthals in Frage stellen und (schnell) einen Nato-Beitritt befürworten.

      • Was, da wurde gefragt? Einfach so gefragt? Skan-da-lös! Frageverbot für die Öffentlich-Rechlichen, so-fort!

    • Lieber Martin100, nicht bös sein, aber ein im Kopf etwas schlichtes Kind eines österreichischen Medienoligarchen, sollte man nicht überbewerten…
      Es muss heller werden Österreich!

  2. Soviel zum Thema der sogenannten Militär-Experten, dass die russische Invasion sich stark verlangsamt bzw. fast zum erliegen gekommen ist, weil der ukrainische Widerstand so massiv ist. Ok, ich bin über sie zuletzt einmal ziemlich stark hergezogen. Das muss jetzt nicht nochmal sein.

  3. Der Westen ist Erwacht…….Natürlich viel zu spät, denn so lange der Rubel für uns rollt, spielt vieles keine Rolle. Man kann das Vorgehen von Putin keinesfalls gut heißen, aber die Hirnlosigkeit der EU und vieler Journalist ist schon sehr bedenklich. Die Militärische Stärke der Europäer ist im Keller, besonders die der Deutschen. Es werden Sanktionen beschlossen und 2 Tage später hören wir schon in allen Medien wie toll diese bereits wirken, ja geht´s noch??? Wir die Naiven Europäer sollten uns endlich eingestehen, dass wir Global nicht mehr die Rolle spielen, die wir gerne hätten. Höchste Zeit für ein “Einiges Europa” und zwar auf Dauer, auch Militärisch, aber das kostet halt viele Millionen und das wollen wir nicht. Wir schaukeln uns verbal gerade derart auf, ich bin fassungslos. Entschlossene und Durchdachte Sanktionen, ja bitte. Aber diese Hirnlosen Politiker die nur mehr Tagespolitik machen können und das nicht mal mehr gut (egal welche Partei), werden das Problem nicht lösen.

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