Samstag, Juni 15, 2024

Missstände im Seniorenheim aufgedeckt – Kein Einzelfall

Das Ausmaß des Pflegenotstands in Österreich zeigt sich nach einem Bericht über Missstände in einem Senecura-Pflegeheim in Salzburg erneut. Das Unternehmen ist nicht zum ersten Mal mit solchen Vorwürfen konfrontiert.  

Wien, 08. September 2022 | Faulende Wunden und Dehydrierung: Ein Bericht der Volksanwaltschaft nach einer Kontrolle in einem Seniorenheim des größten profitorientierten Pflegeheimanbieters Senecura in Salzburg-Lehen schockiert. Bewohner des Heims mussten unter menschenunwürdigen Zuständen leben, hieß es im “Ö1-Morgenjournal” am Donnerstag sowie in den „Salzburger Nachrichten“. Die Volksanwaltschaft fordert nun bessere bundeseinheitliche Qualitätsstandards für die Heime und deren Kontrolle.

Keine Konsequenzen nach erster Kontrolle

Der unangekündigte Kontrollbesuch der Kommission der Volksanwaltschaft soll nach einer anonymen Beschwerde des Heimpersonals im April diesen Jahres im „Senecura Sozialzentrum“ stattgefunden haben. Danach konnten die Hinweise über gravierende Zustände und grobe Mängel bestätigt werden. Das Personal sei überlastet und leide unter enormem Stress, die Bewohner würden schlecht behandelt werden, so die Erkenntnisse der Kommission. Wenige Wochen zuvor hatte es bereits eine Kontrolle von der Landesaufsicht gegeben, wonach allerdings keine wirksamen Maßnahmen ergriffen worden waren. Nach dem alarmierenden Bericht der Volksanwaltschaft gab es einen weiteren Besuch der Heimaufsicht.

Bewohner schwer vernachlässigt

Laut dem Bericht, der den Medien vorliegt, wurden die Bewohner des Hauses unterernährt und dehydriert vorgefunden. Eine Bewohnerin wog laut einer Aussendung der Volksanwaltschaft 42 Kilogramm und habe keine ordentliche Wundpflege bekommen, so dass „vom Wundgeschehen ein Fäulnisgeruch“ ausging und durch die offene Wunde der Steißknochen zu sehen war. Außerdem soll die Frau keine ausreichende Menge an Schmerzmitteln bekommen haben. Die Kommission spricht von „gefährlicher Pflege“ und kritisiert, dass der private Heimträger nicht gehandelt habe. „Verbindliche aufsichtsbehördliche Maßnahmen wurden nicht gesetzt“, so Volksanwalt Bernhard Achitz.

Nicht das erste Mal

Bei den jüngsten Vorwürfen handelt es sich um keinen Einzelfall. Ende Juli 2022 ließ ein Seniorenheim im Pongau den Vertrag mit dem börsennotierten Unternehmen Senecura nach massiven Beschwerden von Angehörigen der Bewohner über mangelhafte Pflege vorzeitig beenden.

Im Februar 2022 sorgte ein Buch des französischen Journalisten Victor Castanet über die dramatischen Zustände in den Pflegeheimen von Orpea, des größten und teuersten Anbieters in Frankreich, für große Aufregung. Orpea hatte 2015 Senecura übernommen und ist daher auch in Österreich stark vertreten. Danach gerieten auch die österreichischen Pflegeheime ins Visier. Senecura wies jegliche Vorwürfe zurück und versicherte eng mit Aufsichts- und Kontrollbehörden zusammenzuarbeiten. Dem widerspricht jedoch der aktuelle Bericht der Volksanwaltschaft.

Seit Jahren werden von Gewerkschaften bundeseinheitliche Reformen gefordert, die Fortschritte sind jedoch schleppend. „Einen massiven Personalmangel gibt es in der gesamten Branche. Gerade deswegen müssen private Unternehmen wie Senecura von den Bundesländern stärker kontrolliert werden“, hatte Roman Hebenstreit, Vorsitzender der Gewerkschaft Vida nach dem Skandal im April gefordert. Nach dem Bericht der Volksanwaltschaft verlangt auch diese „bundeseinheitliche Regelungen für qualitative Mindeststandards sowie bundeseinheitliche Maßstäbe für die Aufsichts- und Kontrolltätigkeit der Länder“.

Fragwürdiges Geschäftsmodell

Dass gewinnorientierte private Betreiber Pflegeinstitutionen übernehmen, weil die Regierung in diesem Bereich Einsparungen macht, wird von Experten kritisiert. Senior Scientist an der TU Wien, Leonhard Plank, meint dazu gegenüber “Arbeit & Wirtschaft”, man habe die Denkweise adaptiert, dass private Unternehmen mit kritischer Infrastruktur besser umgehen könnten. Das seien jedoch keine Bereiche, in denen gewinnorientiert agiert werden sollte. Diese Geschäftsmodelle zugunsten der Privatinvestoren seien zum Nachteil der Allgemeinheit.

(nb)

Titelbild: ZackZack/ Christopher Glanzl

Autor

  • Nura Wagner

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