Dienstag, Juli 23, 2024

»Safe space« statt »Detektiv spielen«: Der richtige Umgang bei Missbrauchsverdacht

Der richtige Umgang bei Missbrauchsverdacht

Nach einer Reihe von Missbrauchsfällen in Wiener Kindergärten sind viele Pädagogen und Eltern alarmiert. Die Kinderschutzeinrichtung „Möwe“ fordert eine landesweite Vereinheitlichung der Kinderschutzgesetze.

Wien, 04. November 2022 | Die Beziehung zwischen Eltern und Pädagogen basiert auf großem Vertrauen. Wenn vermehrt Verdachtsfälle zu sexuellem Missbrauch in den Medien auftauchen, wird dieses Vertrauensverhältnis schnell hinterfragt. Die lückenhafte Kommunikation zwischen Behörden, Pädagogen und Eltern erschwert die Lage zusätzlich – so wie aktuell in Wien, wo jüngst weitere Missbrauchsverdachtsfälle im Zusammenhang mit Betreuern gemeldet wurden. Die Kinderschutzeinrichtung „Möwe“ verzeichnet seit Bekanntwerden erhöhte Anfragen.

Einheitliches Kinderschutzgesetz

Zur Vorgeschichte: Zwei Pädagogen aus unterschiedlichen Kindergärten in Wien werden in zwei Fällen, die am Mittwoch bekannt wurden, des sexuellen Missbrauchs von Kindern beschuldigt. Dabei soll ein Pädagoge im privaten Umfeld übergriffig geworden sein, der andere soll in einem Kindergarten passiert sein, berichtete der stellvertretende Abteilungsleiter der MA10, Kurt Burger.

Zur Prävention solcher Vorfälle brauche es ein umfassendes und vereinheitlichtes Kinder- und Jugendschutzgesetz, fordert nun die Leiterin von „die möwe“, Hedwig Wölfl, im “Ö1-Morgenjournal”. Derzeit gäbe es nämlich österreichweit neun verschiedene Gesetzesregelungen zum Umgang bei Missbrauchsverdacht. Klare Richtlinien bei Verdachtsfällen, ein Verhaltenskodex und Basis-Kinderschutzschulungen müssten, so Wölfl, österreichweit eingeführt werden.

Der Wiener Vizebürgermeister und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (NEOS) hatte nach dem Bekanntwerden von Vorwürfen im Frühjahr eine Novellierung des Wiener Kindergarten- und Tagesbetreuungsgesetzes sowie die Einrichtung einer Ombudsstelle angekündigt. Diese Gesetzesnovelle soll noch vor Weihnachten in Kraft treten.

Professionelle Hilfe

Aber was bedeutet das für Betroffene? Wie man als Elternteil damit umgehen soll, wenn das Kind verhaltensauffällig wird, ohne das Kind zu belasten, verrät Wölfl auch: Eltern dürften nicht auf eigene Faust “Detektiv spielen” und das Kind mit nachbohrenden Fragen in Angst versetzen. Besser wäre es, dem Kind einen„safe space“ zu bieten und auf die Gemütslage des Kindes einzugehen. Im Idealfall sollte man das Kind spontan von sich aus reden lassen und “keine Checkliste an Fragen” abarbeiten, die nicht nur für Kinder belastend sein können, sondern auch polizeiliche Ermittlungen behindern könnten.

Da jedoch Gewalt an Kindern wie auch in Fällen bei Gewalt an Frauen laut Kriminalstatistik zu 80 Prozent zuhause passiert, sei laut der Expertin auch ein wachsames Auge der Betreuer gefragt. Abgesehen von „die möwe“ können sich Betroffene übrigens auch beim Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren professionelle Unterstützung holen.

(nw)

Titelbild: ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com

Autor

  • Nura Wagner

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