Dienstag, Februar 7, 2023
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Auswärtsspiel: Quantität und Qualität

Auswärtsspiel:

Die “ballesterer”-Kolumne auf ZackZack. Heute über die mehreren Tausend Gastarbeiter, die seit der WM-Vergabe 2010 in Katar gestorben sind.

Jakob Rosenberg

Wien, 12. November 2022 | Sie gelten schon vor Anpfiff des Turniers als die wahren Helden der WM. Sie haben in der Öffentlichkeit keine Gesichter und keine Geschichten, aber eine Nummer: 6.500. Diese Zahl veröffentlichte der Guardian, sie beziffert die seit der WM-Vergabe 2010 in Katar verstorbenen Gastarbeiter. Seit dem Artikel aus dem Februar 2021 kommt kaum ein Bericht über die verheerenden Arbeitsbedingungen ohne diese Zahl aus.

Sie findet sich in Pressebeiträgen, wird von Menschenrechtskampagnen zitiert und dient als Argumentationshilfe bei Boykottaufrufen. Da kann es auch passieren, dass der deutsche Stern, die italienische Rai und der schwedische Rundfunk ein bisschen durcheinanderkommen und sie als Zahl der Todesopfer auf den WM-Baustellen verwenden. Die Zahl hat ein Eigenleben entwickelt, das nicht mehr zu bändigen ist. Dagegen kommen auch die FIFA und die katarischen Veranstalter nicht an. Wenn Gianni Infantino von drei Toten auf den WM-Baustellen spricht und das WM-Organisationskomitee von 37, finden sie kaum Gehör, Glauben schon gar nicht. Vielleicht sind sie dem Guardian ja sogar dankbar, dass sich die Zahl 6.500 durchgesetzt hat und nicht die 15.000 Toten, die Amnesty International nennt.

Der Umgang mit der Zahl legt einige Probleme im Journalismus offen. Erstens zeigen die unterschiedlichen Berechnungen, dass es wahnsinnig schwierig ist, an aussagekräftige Daten zu kommen, wenn weder der Staat noch lokale Medien diese erheben wollen. Der Guardian stützt sich daher auf unterschiedlichste Angaben aus Bangladesch, Indien, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. Er räumt in seiner Recherche ein, dass vergleichbare Werte aus Ländern wie Kenia und den Philippinen, aus denen ebenfalls viele Gastarbeiter in Katar kommen, einfach fehlen.

Und da kommen wir zum zweiten Problem: Der Text des Guardian könnte ein Lehrbeispiel für transparenten Datenjournalismus sein, bei der Übernahme der Zahl durch andere geht die Differenzierung aber meist verloren. Auch der dritte Punkt ist kein Problem des Guardian, sondern eines der journalistischen Einordnung: Was sagt die Zahl aus? An welchem Punkt verwandelt sich Quantität in Qualität? Wie viele Gastarbeiter hätten in Katar sterben dürfen, damit die WM-Vergabe gerade noch in Ordnung gewesen wäre? Keiner.

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“Auswärtsspiel” ist die Kolumne des ballesterer für ZackZack.

Jakob Rosenberg ist Chefredakteur des Fußballmagazins ballesterer, dessen WM-Ausgabe seit 4. November im Handel ist.

Titelbild: Montage ZackZack/Wiener Sportclub

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Markus Steurer
Markus Steurer
Hat eine Leidenschaft für Reportagen. Mit der Kamera ist er meistens dort, wo die spannendsten Geschichten geschrieben werden – draußen bei den Menschen.
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1 Kommentar

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ManFromEarth
12. 11. 2022 13:44

i.V. der heutige Tierartikel: -die Quantität ist enorm, die Qualität ist katastrophal, in Katar, aber auch im Meer, da wird auch gestorben
https://mfe.webhop.me/umwelt-natur/belastete-erde/plastik-statt-fische-wale-fressen-jeden-tag-10-millionen-teile-mikroplastik/

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