Dienstag, Februar 27, 2024

Auswärtsspiel: Das Erbe von Katar

Über Katar und die WM lassen sich auch positive Dinge berichten. Dadurch wird die Kritik aber nicht weniger wahr. So viel Widerspruch muss Journalismus aushalten.

Nicole Selmer aus Katar

Katar, 17. Dezember 2022 | Wenn der Ball erst rollt, ist die Politik kein Thema mehr – das war vor der WM eine häufig geäußerte Befürchtung, oder Hoffnung, je nachdem, wie wichtig einem Politik im Sport ist. Sie hat sich nicht bestätigt, nicht nur weil Staatspräsident Emmanuel Macron über Frankreichs Finaleinzug auf der Tribüne jubelte und die Spieler anschließend in der Kabine besuchte. Viele große Medien wie die „New York Times“ haben aus Katar über die politischen Hintergründe und Begleitumstände der WM berichtet, der „Guardian“ richtete die eigene Rubrik „Qatar beyond the football“ dafür ein. Auch österreichische Reporter, etwa vom „Standard“ und dem „Kurier“, schrieben weiter über verstorbene Arbeiter, den Fall des verurteilten ehemaligen WM-Medienmitarbeiters Abdullah Ibhais und die Ticketpolitik von FIFA und Gastgeberland.

Falsche Schlüsse

Wer in Katar vor Ort war, sah, hörte und erlebte aber auch Positives. Ein vielfach gut organisiertes und umgesetztes Transportsystem etwa. Angenehme Temperaturen, zumindest außerhalb der heruntergekühlten Innenräume. Und Menschen, die von der WM begeistert waren, ohne dafür Geld zu bekommen. Sie habe mit migrantischen Arbeitern gesprochen, die mit ihrer Situation zufrieden waren, berichtete „ARD“-Reporterin Lea Wagner in der Sendung „Wie war Katar? Die Bilanz der WM“. Daran schloss sich eine Diskussion an, ob die Kritik aus Deutschland an Katar nicht gänzlich übertrieben gewesen sei und am Ende sogar den sportlichen Erfolg gekostet habe. Argumentative Kurzschlüsse wie diese sind zum Verzweifeln.

Die Kritik bleibt

Ja, es gab tolle Spiele bei der WM. Ja, Lionel Messi und Kylian Mbappé sind großartige Fußballer und ja, die argentinischen Fans machen tolle Stimmung. Wäre das alles nicht so, die WM wäre auch für Katar nicht halb so attraktiv gewesen. Ja, ein Land, das schon 300 Sportevents ausgerichtet und fast unbegrenzte Geldmittel zur Verfügung hat, kann auch eine WM ziemlich gut organisieren. Und ja, die migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter sind freiwillig nach Katar gekommen und verdienen dort mehr Geld, als sie es in ihren Heimatländern könnten. Genau das ermöglicht ja ihre Ausbeutung und die Abhängigkeit, in der sie sich befinden. Ja, Doha hat schöne Seiten, und als westliche Journalistin kann ich mich dort wohl und sicher fühlen – ohne deswegen zu glauben, dass alle kritischen Berichte unwahr sind.

Reflexions-Aufgabe

Dieses Nebeneinander von Widersprüchen, von Positivem und Negativem muss sich wahrnehmen, aushalten und beruflich reflektieren lassen. Das dürfen wir von Journalistinnen und Journalisten erwarten. Und wir dürfen auch erwarten, dass sich der Sportjournalismus, wenn der WM-Ball nach Sonntag nicht mehr rollt, sich mit neuen Verbindungen zwischen Politik und Sport befasst, nämlich den Vorwürfen von Korruption gegen Mitglieder des EU-Parlaments und einen Golfstaat, mutmaßlich Katar.


“Auswärtsspiel” ist die Kolumne des “ballesterer” für ZackZack.

Nicole Selmer ist stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins “ballesterer”. Sie verfolgt das Turnier in Katar mit.

Titelbild: Montage ZackZack/Wiener Sportclub

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2 Kommentare

  1. Gut gemacht Gewessler- von Katar abhängig zu sein ist gleich um vieles besser oder?
    EU-KORRUPTIONSSKANDAL
    Katar warnt vor Auswirkungen auf Gaslieferung

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