Freitag, Juli 19, 2024

Auswärtsspiel: Planet der Männer

Wer nur oberflächlich hinschaut, mag in der Fußball-WM eine reine Männerveranstaltung erkennen. Ballesterer-Chefredakteurin Nicole Selmer, die gerade in Katar ist, hat genauer hingeblickt.

Nicole Selmer

Katar, 26. November 2022 | Fußball ist meist eine sehr männerlastige Angelegenheit, das gilt für Turniere noch mehr als  für den Ligaalltag. Und Katar ist ein sehr männerlastiges Land – hier leben rund 3,5-mal so viele Männer wie Frauen. Hinzu kommt, dass das katarische Patriarchat noch einige Sonderregeln parat hält. Addiert man Turnierfußball und Katar, kommt dabei ein WM-Planet der Männer heraus.

Das beginnt kurz nach der Ankunft beim einheimischen Mann, der verlangt, dass die Kollegin sich am Bankomat hinter ihm anstellen möge, obwohl sie vor ihm dort war. Es geht weiter mit scheinbaren Vorteilen wie einer „Family“-Warteschlange, in die wir Frauen uns einreihen dürfen. Im Hotel gibt es ein Gym mit mehreren gut gepflegten Geräten und ein Female Gym mit nur zwei, die zudem etwas schäbig sind. In unserem Viertel sind auf der Straße nur Männer zu sehen, die große Mehrheit der angereisten Fans ist männlich – es ist sehr gewöhnungsbedürftig. Vor allem für die, die keine Männer sind. Den anderen fällt es vielleicht nicht einmal auf.

“Wie dreckig das Spiel ist”

Das ist die eine Seite, und wie leicht wäre es, sie als das ganze Bild wahrzunehmen. Und wie falsch. Denn da sind die TV-Journalistinnen wie Melissa Reddy, die die Rede von FIFA-Präsident Gianni Infantino zum Turnierstart mit den Worten kommentierte: „Er sagt, es wird die großartigste WM aller Zeiten. Ich denke, diese WM wird untermauern, wie dreckig das Spiel ist.“ Und die ehemalige englische Teamspielerin Alex Scott, die als BBC-Kommentatorin am Spielfeldrand genau die Schleife präsentierte, die zu tragen die FIFA den europäischen Verbänden kurz zuvor untersagt hatte.

Jin, Jiyan, Azadi

Und da sind die Fans des iranischen Teams, die beim Spiel gegen England in der Stadt und im Stadion zu beobachten waren – die aber weder die FIFA noch der Ausrichter dem Fernsehpublikum zeigen wollten: Sie waren in gemischten Gruppen unterwegs, die Frauen ohne Kopftuch und die Fahnen ohne das Symbol der Islamischen Revolution. Im Stadion skandierten sie die Namen der iranischen Spieler, die die Proteste unterstützen. Sie applaudierten dem Team, das beim Abspielen der Hymne stumm blieb. Vor dem Stadion war das Motto der Demonstrationen auf Plakaten zu sehen, drei Worte, die für das stehen, was dem Iran, Katar – und oft auch dem Fußball – fehlt: Jin, Jiyan, Azadi. Frauen, Leben, Freiheit.

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“Auswärtsspiel” ist die Kolumne des “ballesterer” für ZackZack.

Nicole Selmer ist stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins “ballesterer”, dessen WM-Ausgabe seit 4. November im Handel ist. Sie wird das Turnier in Katar verfolgen.

Titelbild: Montage ZackZack/Wiener Sportclub

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