Muhammed Yüksek im Interview

»Kommunalpolitik ist Champions League« SPÖ-Yüksek im Interview

„Wir san a Grantlerbezirk“ sagt der Favoritner SPÖ Bezirksrat Yüksek. ZackZack Türkiye hat ihn zum “Bossbezirk” und zu seinem eigenen Werdegang interviewt.

Wien, 24. November 2022 | Muhammed Yüksek ist 1986 in Wien geboren, hat eine Lehre zum Bürokaufmann abgeschlossen, die Matura über den zweiten Bildungsweg abgeschlossen und war zwei Mal als KFOR-Soldat im Kosovo eingesetzt. Er ist seit 2010 SPÖ-Mitglied und seit 2020 gewählter Bezirksrat. Yüksek ist verheiratet und Vater dreier Kinder.

Gabriel Hartmann hat ihn zum Interview getroffen.

ZackZack Türkiye: Aus welcher Region der Türkei stammt ihre Familie und welchen Bezug haben Sie zu dieser Zweitheimat Ihrer Eltern?

Muhammed Yüksek: Mein Vater und meine Mutter sind ursprünglich aus Sakarya, genau genommen kommt mein Vater aus Akyazı und meine Mutter aus Hacilar Köyü bei Sakarya; beide leben in Wien. Einmal im Jahr besuche ich meine Familie in der Türkei, samt anschließendem Urlaub. Ich bin stolz auf meine Wurzeln und weiß, wohin ich gehöre.

Was umfasst Ihre Arbeit in der Bezirksvertretung? In welchen Kommissionen sitzen Sie?

Ich bin seit zwei Jahren gewählter SPÖ-Bezirksrat und bin Mitglied der Mobilitäts- und Kulturkommission. Menschen kommen auf mich zu, wenn Sie Anliegen oder Herausforderungen haben, wie z.B. die Beantragung des Energiebonus der Stadt Wien oder Visumsangelegenheiten etc. Ich versuche aktiv zu helfen, sofern dies möglich ist. Wir als Kommunalpolitiker versuchen das Vertrauen wiederaufzubauen, welches von der Spitzenpolitik größtenteils zerstört wurde. Kurzgefasst, Kommunalpolitik ist Champions League!

Der Keplerplatz im 10. Bezirk ist wegen der Suchtmittelszene inzwischen eine sogenannte Schutzzone. Wie bewerten Sie die Lage dort?

Was ich auf jeden Fall befürworte: dass dieser Platz jetzt überhaupt eine Schutzzone ist. Mütter mit Kinderwägen, aber auch Schulkinder oder Kindergartenkinder konnten dort nicht durchgehen und im Park spielen, weil eine gewisse Szene das für sich beansprucht hat, nämlich die Drogendealer. Die haben sogar die Köpfe in die Kinderwägen gesteckt, wenn du gesagt hast, dass du nichts haben willst und haben einen ein paar Meter verfolgt, Anrainer*innen belästigt und untereinander Konkurrenzkämpfe geführt. Das sage ich ohne Populismus zu betreiben, so wie andere Parteien es gerne tun. Es war auch aus Sicht der Favoritner nötig, hier Vorkehrungen zu treffen.

Sie waren als Soldat des Bundesheeres im Kosovo in der Infanterie als Funker/Melder eingesetzt. Wie hat Sie diese Zeit geprägt?

In meiner Grundwehrdienstzeit war ich nicht gern Soldat, weil es eine neue Welt für mich war. Da ich in meiner Dienstzeit gehört habe, dass bei Auslandseinsätzen gutes Geld bezahlt wird, habe ich mich für den Kosovoeinsatz entschieden. Ich habe in dieser Zeit so viele positive Erfahrungen gemacht, wie Kameradschaftlichkeit, Kollegialität und Zusammenhalt. Auch Einzelfälle von Rassismus gab es. Wichtig ist, dass die Mehrheit in meinen Einsätzen nicht so war und das ist das Ausschlaggebende für mich.

Ich habe viel daraus gelernt, was Menschenkenntnis betrifft. Ich habe zugegebenermaßen immer geglaubt, ich kenne Österreich und die Kultur, aber kennengelernt habe ich diese erst beim Bundesheer, aufgrund der unterschiedlichen Kameraden aus den verschiedensten Bundesländern.

Was schätzen Sie an Ihrem Bezirk?

Ich bin stolz auf meinen Bezirk, weil wir erstens mit Marcus Franz einen Bezirksvorsteher haben, der sehr nah an den Leuten ist. Und zweitens, wir san a Grantlerbezirk, da gehört die 60-jährige Maria genauso dazu, wie der 15-jährige Ali oder die Sladjana. Wir sehen auf der Favoritenstraße, wie aktiv es hier ist, wie viele Menschen hier eigentlich sind und ich schätze auch, dass sich der Bezirk dadurch ständig verändert und wir ihn kontinuierlich verbessern können, so wie jetzt etwa der Keplerplatz.

Was ich aber dazu erwähnen möchte: Favoriten besteht nicht nur aus dem Keplerplatz, wir haben Oberlaa, Wienerberg, Laaer Wald und unterschiedliche Plätze, das gehört genauso zu Favoriten.

(Bild: ZackZack / Christopher Glanzl)

Im Juni dieses Jahres wurde der Wiener Bürgermeister Ludwig bei einem Türkei-Besuch vom türkischen Staatspräsidenten Erdogan empfangen, was unter anderem die Wiener Grünen kritisierten. Wie bewerten Sie das Treffen?

Die Wiener Grünen kritisierten komischerweise nur den Bürgermeister Michael Ludwig, weil es im Zuge des Treffens mit der Präsidentin des türkischen Städtebundes auch zu einem Treffen mit dem Staatspräsidenten kam. Wo war die Kritik als Van der Bellen diesen Besuch abstattete? Es scheint so, als würde hier nach der Parteifarbe Kritik ausgeübt.

Aber wozu genau dann der Besuch?

Was dort besprochen wurde, kann ich als Kommunalpolitiker nicht beurteilen. Was ich aber sehr wohl beurteilen kann ist, dass es nach jahrelanger populistischer Politik in Richtung der türkeistämmigen Österreicherinnen einmal eine positive Entwicklung gibt in der Hinsicht, dass bilateral miteinander geredet wird und auf Dialog gesetzt wird. Wir wissen ja, dass sowohl ÖVP, als auch unser „grüner“ Bundespräsident Van der Bellen in der Türkei waren.

Was raten Sie der Jugend aus den türkischen Communities in Wien, angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage?

Es ist momentan keine schöne Zeit für unsere Jugend allgemein. Vor allem waren sie in der Pandemie sehr eingeschränkt und mussten viel zurückstecken. Ich würde Ihnen allen und speziell den türkischen Communities raten, optimistisch zu bleiben, nicht aufzugeben und ihre Eltern als Vorbilder zu nehmen. Als die ersten Gastarbeiter nach Österreich kamen, hatten sie nichts. Sie haben in 40-Quadratmeter-Wohnungen gewohnt, sie haben die Sprache nicht beherrscht und unter prekären Umständen gearbeitet. Im Vergleich zu unseren Eltern und Großeltern leben wir heute im Luxus! Weiters rate ich ihnen auch, politisch aktiv zu werden und mitzugestalten.

Wie stehen sie zu den umstrittenen Deutschförderklassen?

Als diese Deutschklassen eingeführt worden sind, haben Tarik Mete (Salzburger Landtagsabgeordneter, Anm.) und ich dagegen eine Petition gestartet und diese provokant als „Ghettoklassen“ bezeichnet. Populisten reden immer von Integration und Teilhabe, aber wenn wir die philippinischen, türkischen, ägyptischen, bosnischen, serbischen und tschetschenischen Kinder alle in eine Klasse separieren, passiert genau das Gegenteil.

Wie will man denen in Zukunft noch erklären, dass sie Teil der Gesellschaft sind? Gar nicht! Weil sie schon in ihrer Kindheit in der Volksschule getrennt worden sind. Und dann kommen Politiker von FPÖ und ÖVP daher und reden von Integration. Diese Klassen wurden absichtlich erschaffen, damit ihre Themen die nächsten zehn bis 15 Jahre nicht aussterben, das ist der einzige Grund.

Was hat Sie überhaupt zur Politik gebracht?

Ich bin politisch in der SPÖ sozialisiert worden. Ich war zwar in meiner Jugend nie wirklich politisch, aber indirekt sehr wohl, weil meine Eltern zu Hause über den Haider gesprochen haben. Meine Mama hat immer gesagt: Haider ist der Böse, der uns abschieben will und die SPÖ mit Vranitzky sind die Guten. Irgendwann hat mich ein Freund in die Sektion eingeladen. Ich habe dann bei der Sektion am Wasserturm begonnen und immer gesagt, dass ich keinen politischen Repräsentanten in der Spitzenpolitik habe.

Denn die angeblichen Vertreter aus der Politik haben jene Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, gedanklich gerne in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Ich habe es mir zur politischen Aufgabe gemacht, jene, die gedanklich bereits abgeschoben sind, wieder gedank­lich nach Österreich zu holen, wo deren Lebensmittelpunkt ist. Dem habe ich mich erfolgreich gewidmet und das zeigen auch meine 1.000 Vorzugsstimmen.

Wie kann man die Mehrheitsgesellschaft weiter für Antirassismus mobilisieren und sensibilisieren?

Die Medien tragen große Verantwortung, wie sich der Diskurs entwickelt. Wenn ich im Jahr fünf Erfolgsgeschichten in einer Zeitung lese, in denen Migranten plötzlich zu Österreichern werden, aber ansonsten sind es immer die Bösen, die ursprünglich aus Serbien, ursprünglich aus der Türkei oder sonst woher sind, dann bekommt die Mehrheitsgesellschaft sehr wohl ein anderes Bild.

Wenn es medial nicht vorkommt, dass es tausendmal positivere Entwicklungen gibt, wie schulische, sportliche und wirtschaftliche Leistungen, dann entsteht das Gefühl, das wir eine Problematik haben, die aber nur 0,1 Prozent der Communities ausmachen. Ich sehe die Medien in der Pflicht, aber Clickbaiting ist eben einfacher mit negativen Schlagzeilen zu betreiben, als mit positiven Schlagzeilen.

Deshalb zeige ich vor allem Menschen mit Erfolgsgeschichten auf meinen Social-Media-Kanälen.

Wie wirken solche medialen Zuschreibungen aus Ihrer Sicht?

Persönlich bin ich überzeugt, dass wir uns als Gesellschaft entscheiden müssen, ob Menschen wie ich als Österreicher oder „Ausländer“ bezeichnet werden. Ich bin und fühle mich – wie übrigens viele andere in vergleichbaren Positionen – als Wiener. Aber nur, wenn diese Identität nicht ständig in Frage gestellt wird, kann es zu einem gemeinsamen Zugehörigkeitsgefühl kommen. Das Problem dabei ist, dass man bei positiven Entwicklungen als Österreicher betitelt wird und bei negativen Ereignissen plötzlich mit „ursprünglich aus“ benannt wird, dann fühlt man sich nicht zugehörig.

Unsere täglichen Probleme und Herausforderungen als Gesellschaft sind nämlich dieselben, seien es aktuell die Energiekrise, hohe Mietpreise, Existenzängste – mit dem hat einer mit Migrationshintergrund genauso zu kämpfen, wie einer ohne. Das müssen wir als Gesellschaft begreifen und wir dürfen uns gleichzeitig von der Politik und den Medien nicht spalten lassen.

Titelbild: ZackZack/ Christopher Glanzl

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Republikaner
24. 11. 2022 19:38

Ich habe in meinem langen beruflichen Leben sehr oft auch mit Menschen mit Migrationshintergrund der zweiten & dritten Generation zu tun gehabt.
Persönlich habe ich die meisten als fleißige und nette freundliche Kollegen kennengelernt. Natürlich waren auch einige wenige Vollpfosten dabei,aber so ist das Leben. Eine Abgrenzung bzw. nicht Annahme der österr. Lebensart hab ich persönlich nie kennengelernt.