Freitag, Juli 19, 2024

Wirecard-Kronzeuge: Braun wusste alles

Bisher hat sich Markus Braun vor der Anklage als Opfer des Betrugs bei Wirecard präsentiert. Ein ehemaliger Wirecard-Manager macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

München/Aschheim, 12. Jänner 2023 | Paukenschlag im Wirecard-Prozess in München: Der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft hat den zentralen Vorwurf der Anklage umfassend bestätigt. Die angeblichen Milliardenumsätze des 2020 kollabierten Dax-Konzerns mit “Drittpartnern” im Mittleren Osten und Asien waren demnach frei erfunden. Vorstandschef Markus Braun war demnach aktiv beteiligt. “Das haben wir uns natürlich ausgedacht”, sagte der frühere Wirecard-Manager Oliver Bellenhaus am sechsten Prozesstag über die Milliardenbuchungen auf Treuhandkonten in Südostasien.

Bilanzprüfer bewusst getäuscht

Auf die explizite Frage des Gerichts, ob es das Drittpartnergeschäft gegeben habe, sagte Bellenhaus: “Ich antworte in aller Deutlichkeit: nein.” Der Zahlungsdienstleister Wirecard hatte im Sommer 2020 Insolvenz angemeldet, weil angeblich auf besagten Treuhandkonten verbuchte 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar waren. Die “Drittpartner” waren Firmen, die vermeintlich im Wirecard-Auftrag Kreditkartenzahlungen in Ländern abwickelten, in denen der bayerische Konzern selbst keine entsprechende Lizenz hatte, vor allem in Asien. Einziges Ziel sei es gewesen, die Bilanzprüfer zu täuschen.

Marsalek und Braun laut Kronzeuge beteiligt

“Der Wirtschaftsprüfer brauchte was, und dann entstand die Panik”, sagte Bellenhaus. “Es war ein Riesenchaos, es war alles Chaos.” Persönlich beteiligt an der Fälschung von Buchungen, Verträgen, Protokollen und sonstigen Unterlagen waren Bellenhaus zufolge unter anderem der seit 2020 untergetauchte frühere Vertriebsvorstand Jan Marsalek, der Chefbuchhalter und er selbst. Vorstandschef Braun soll sich nach den Worten Bellenhaus’ persönlich darum gekümmert haben, die Anforderungen der Wirtschaftsprüfer zu entschärfen, die Einblick in die Geschäftsunterlagen des Konzerns verlangten.

So berichtete Bellenhaus ausführlich von einer Besprechung zu viert in Brauns Büro am 24. Oktober 2019. Thema sei  eine Sonderprüfung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gewesen, anwesend waren demnach auch Marsalek und der Chefbuchhalter.

Bellenhaus: „reine Verarschung“

“Wir hatten keine Transaktionsdaten, die irgendwie vorzeigbar waren”, berichtete Bellenhaus, bis zur Insolvenz Geschäftsführer der Wirecard-Gesellschaft Cardsystems Middle East in Dubai. “Es war vollkommen klar: Es gibt keine Daten.” Doch Braun sagte Bellenhaus zufolge, er habe mit dem Vorstandsvorsitzenden von KPMG gesprochen, die Prüfung werde nicht so schlimm werden. “Es war eine reine Verarschungsaussage.”

Braun, Bellenhaus und der ehemalige Leiter der Buchhaltung sollen laut Anklage seit 2015 die Wirecard-Bilanzen gefälscht und kreditgebende Banken um 3,1 Milliarden Euro geschädigt haben.

Braun sieht sich als Opfer

Braun sieht sich selbst als Opfer einer Betrügerbande um Marsalek, wohlgemerkt in seinem eigenen Unternehmen. Er sitzt ebenso wie Bellenhaus seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Braun soll kommende Woche erstmals Stellung zur Anklage nehmen. Der Österreicher muss sich auf eine lange Befragung einstellen: Die Kammer hat dafür fünf Prozesstage reserviert.

Laut Anklage war bei Wirecard eine Bande am Werk, die Banken und Investoren systematisch prellte. Nach Bellenhaus’ Schilderung herrschte im Unternehmen grundsätzliches Schweigen über die kriminelle Natur der Geschäfte: Niemand habe je mit ihm über den Betrug gesprochen.

Verluste seit 2013

Die Erkenntnis, dass das Drittpartnergeschäft erfunden war, kam demnach auch ihm selbst erst im Laufe der Jahre: “Das hat sich dann so ergeben.” Bellenhaus hoffte demnach auf eine Rückkehr in die Legalität, stattdessen wurden laut seiner Aussage die Phantomgeschäfte immer größer: “Irgendwann hat man die Kontrolle verloren, da war es dann einfach zu spät.”

Wirecard habe als “Geldverbrennungsmaschine” seit 2013 Verluste gemacht, weil das Unternehmen die rasant steigenden Kosten nicht mehr decken konnte. “Da gingen Millionen raus, so schnell können Sie das gar nicht nachzählen.”

ZackZack wird demnächst vor Ort berichten.

(pma/apa)

Titelbild: ERIC PIERMONT / AFP / picturedesk.com

Autor

  • Pia Miller-Aichholz

    Hat sich daran gewöhnt, unangenehme Fragen zu stellen, und bemüht sich, es zumindest höflich zu tun. Diskutiert gerne – off- und online. Optimistische Realistin, Feministin und Fan der Redaktions-Naschlade. @PiaMillerAich

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