Mittwoch, April 24, 2024

Dreitägige Staatstrauer: Schweres Zugsunglück in Griechenland

In Griechenland sind bei einem schweren Zugsunglück mindestens 36 Menschen ums Leben gekommen. Die griechische Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

Larissa | 36 Tote, mindestens 85 Menschen wurden verletzt, als am späten Dienstagabend zwei Züge kollidiert seien, teilte die Feuerwehr mit. Die beiden Züge seien auf demselben Gleis aufeinander zugefahren, sagte der Gouverneur der Region Thessalien, Konstantinos Agorastos, im Fernsehsender SKAI TV. Laut ersten Vermutungen dürfte menschliches Versagen Unfallursache sein.

Rund 350 Menschen an Bord

Ein Personenzug aus Athen war nach Behördenangaben auf der Fahrt nach Thessaloniki im Norden des Landes bei Larisa im Zentrum mit einem Güterzug zusammengestoßen. Die ersten vier Wagen des Personenzuges seien entgleist, sagte Agorastos. Die beiden Wagen an der Spitze des Zuges hätten Feuer gefangen und seien nahezu vollständig zerstört worden. Viele Passagiere hätten sich Brandwunden zugezogen und seien in Krankenhäuser transportiert worden. Rund 250 Passagiere konnten in Sicherheit gebracht werden. Sie wurden in Bussen nach Thessaloniki gefahren. Örtliche Medien berichteten, an Bord des Passagierzuges seien rund 350 Menschen gewesen.

Österreicher dürften nicht unter den Opfern sein. “Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind keine österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vom Zugsunglück in Griechenland betroffen”, informierte das Außenministerium auf APA-Anfrage.

Dreitägige Staatstrauer

Die griechische Regierung hat angesichts des schweren Zugunglücks eine dreitägige Staatstrauer angeordnet. Am Mittwochvormittag wurde Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis an der Unglücksstelle nördlich der Stadt Larisa erwartet.

Bei Tagesanbruch wurde das Ausmaß des schweren Unglücks erst deutlich: Die Unfallstelle gleicht einem Trümmerfeld, die vorderen Waggons beider Züge wurden durch den Aufprall geradezu zusammengefaltet und brannten zum Teil aus, wie Drohnenaufnahmen im griechischen Staatsfernsehen zeigen. Mindestens 66 Passagiere wurden schwer verletzt in umliegende Krankenhäuser gebracht.

Die Zahl der Todesopfer könnte noch steigen. Mittwochfrüh liefen die Bergungsarbeiten mit Kränen und schwerem Gerät und auch mit Spürhunden weiter. Bei Rettungskräften und Reportern herrschte Fassungslosigkeit. Wie ist es möglich, dass der Intercity von Athen nach Thessaloniki mit rund 350 Passagieren an Bord auf demselben Schienenstrang wie der entgegenkommende Güterzug unterwegs war, obwohl die Strecke zweispurig ausgebaut ist? Erste Mutmaßungen zur Unfallursache weisen auf menschliches Versagen hin. Medienberichten zufolge funktionierte das elektronische Leitsystem auf der Strecke nicht. Deshalb seien die jeweiligen Bahnhofsvorsteher für die korrekte Weiterleitung der Züge verantwortlich gewesen. Der Personenzug könnte demnach schon vom Bahnhof der Stadt Larisa aus auf die falsche Spur geschickt worden sein, auf der ihm dann später der Güterzug entgegenkam. Mangels Leitsystem war zunächst auch der genaue Unfallort nicht auszumachen, berichtete der Sender ERT – die Rettungskräfte hätten die Stelle erst suchen müssen.

Zuständige Eisenbahnchef festgenommen

Der für den Abschnitt zuständige Eisenbahnchef sei bereits festgenommen worden, hieß es im Staatsfernsehen. Andere Eisenbahner und Techniker würden befragt. Die Verkehrsbehörde der nahe gelegenen Stadt Larisa hat mit Ermittlungen zur Unfallursache begonnen. Viele anknüpfende Bahnstrecken wurden für den Zugverkehr vorerst gesperrt.

Am Bahnhof der nordgriechischen Hafenstadt Thessaloniki versammelten sich unterdessen schon nachts verzweifelte Angehörige, Telefon-Hotlines wurden eingerichtet. Viele der Toten können Berichten zufolge nur per DNA-Test identifiziert werden. Rund 200 Passagiere, die nicht oder nur leicht verletzt wurden, wurden vom Unglücksort mit Bussen ins 150 Kilometer weit entfernte Thessaloniki gebracht. Manche Angehörige aber warteten vergebens. Bei vielen der Passagiere soll es sich um junge Menschen gehandelt haben, Studierende, die nach einem verlängerten Wochenende wegen eines Feiertags nun auf dem Weg zur Universität von Thessaloniki waren.

“Ich dachte, ich würde sterben”, sagte ein Passagier der Tageszeitung “Kathimerini”. Der junge Mann saß nach eigenen Angaben in einem der hinteren Waggons. Er habe am Boden Schutz gesucht, Menschen hätten geschrien und geweint. Andere Passagiere berichteten, sie hätten die Fenster eingedrückt und sich im Dunkeln aus dem halb umgekippten Waggon retten können.

Das Eisenbahnsystem in Griechenland ist veraltet und muss modernisiert werden. Viele Strecken sind eingleisig. Häufig fehlen automatische Steuerungssysteme. Trotz der Modernisierung mit neuen Brücken und Tunneln und zwei Gleisen entlang der gesamten rund 500 Kilometer langen Strecke Athen-Thessaloniki gebe es erhebliche Probleme bei der elektrischen Koordination der Verkehrskontrolle, hieß es im Staatsfernsehen. “Wir fahren wie in alten Zeiten von einem Streckenteil zum anderen per Funk. Die Stationsleiter geben uns grünes Licht”, sagte Kostas Genidounias, Präsident der Gewerkschaft der Lokführer im staatlichen Rundfunk. Warum dies geschieht und kein modernes Leitsystem funktioniert, konnte er nicht sagen.

Die griechischen Bahnen (Hellenic Train) werden von der italienischen Staatsbahn Ferrovie dello Stato Italiane (FS) betrieben. Griechenland hatte 2017 im Zuge seines Rettungsprogrammes in der Schuldenkrise den Eisenbahnbetreiber an die italienische Bahn verkauft.

Viele Staaten bekundeten ihr Beileid. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu telefonierte mit seinem griechischen Amtskollegen Nikos Dendias. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb auf Twitter, ganz Europa trauere mit Griechenland.

Titelbild:VASILIS VERVERIDIS / AFP / picturedesk.com

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