Freitag, Februar 23, 2024

ÖBB-Probleme: Pannenfahrt auf der Südbahn

Eigentlich wollten wir nur meinen runden Geburtstag in Venedig feiern. Auf die ÖBB-Geschichte, die daraus geworden ist, hätten wir gerne verzichtet.

Sie geht so: Am 17. Jänner machen wir uns auf den Weg nach Klagenfurt. Den Railjet, in dem wir zwei Sitze reserviert haben, gibt es nicht. Statt ihm steht eine alte Garnitur am Gleis. Die Heizung funktioniert nicht, alle fahren im Wintermantel.

Es zieht, weil einige Verbindungstüren nicht schließen. So verteilt sich die kalte Luft gleichmäßig. Einem technisch begabten Zugbegleiter gelingt es nach einiger Zeit, eine Tür zu schließen. In Wiener Neustadt stehen Passagiere ratlos vor der gut verschlossenen Tür.

WC kaputt

Nach Wiener Neustadt irrt eine Japanerin durch den Zug. Sie sucht ein WC. Der Zugbegleiter erzählt uns, dass die meisten kaputt sind.

In Klagenfurt unterbrechen wir die Reise. Am Sonntag, den 21. Jänner, steigen wir in den Railjet nach Venedig. Er schafft es bis Tarvis. Dann stehen wir eineinhalb Stunden, bis uns eine italienische Stimme informiert, dass „Lokomotive kaputt“ ist.

Bald darauf fordert man uns auf, in einen Railjet auf einem anderen Gleis umzusteigen. Er ist dicht besetzt. Es ist der Zug nach Wien. Alle müssen raus, weil der Zug umgedreht wird. Er fährt jetzt mit uns nach Venedig.

Bis ins Murtal geht die Rückreise am 29. Jänner klaglos. Kurz vor Unzmarkt informiert uns ein Zugbegleiter kaum verständlich über „Laut“sprecher, dass der Zug in Judenburg endet. Dort steigen wir alle aus, zum Schluss auch die beiden älteren Paare aus England, die keine Ahnung haben, was los ist.

Nicht italienisch

Bald fährt ein Railjet aus der Gegenrichtung ein. Im Lärm seiner Ankunft wird etwas durchgesagt, was kaum jemand verstehen kann. Einer rät dem anderen einzusteigen, weil der Railjet „umgedreht“ würde. Bald darauf fahren wir Richtung Wien, mit einer schreienden Italienerin, der niemand gesagt hat, dass ihr Zug nach Venedig umgedreht hat.

Italienische Durchsagen sind erst ab Tarvis eingeplant, aber so weit ist die Italienerin nicht gekommen. Sie wird in Knittelfeld abgesetzt und muss schauen, wie sie nach Italien gelangt. Falls sie eine Frecciarossa zur Weiterfahrt in Mestre gebucht hat, werden Zug und (viel) Geld futsch sein. Der Frecciarossa erstattet keine Fahrten, die man verpasst hat.

Der Rest der Fahrt vergeht mit ÖBB-Schauergeschichten, die sich die Mitreisenden gegenseitig erzählen, wie im Flug.

Rückmeldungen

Das waren drei Fahrten. Sie stehen für etliche, die wir in letzter Zeit auf der Südbahn erlebt haben. Die Südbahn ist, wie uns ein Schaffner versichert, längst die Schrottbahn der ÖBB. Die modernen Garnituren braucht man für die Hochgeschwindigkeitsstrecken auf der Westbahn. In den Süden fährt der Rest.

Auf ein paar kurze Tweets über unsere Pannenreise kommen überraschend viele Rückmeldungen, die meisten nicht von Urlaubern wie uns, sondern von Kundinnen, die Tag für Tag denselben Jammer erleben.

Quelle: X (vormals Twitter)

Immer wieder frage ich – meist freundliche – Zugbegleiter, was los ist. Einer erzählt, dass manche Züge auf der Südstrecke Probleme mit den Bremsen hätten.

ÖBB antwortet

Auf unsere Fragen antwortet die ÖBB ausführlich:

Die Ausfälle der Toiletten erfolgen oft während der Fahrt. In den überwiegenden Fällen werden Gegenstände, die nicht für Toiletten geeignet sind, über diese entsorgt (zB Kinderwindeln). Wenn ein Zug einen längeren Umlauf hat, zB bis Venedig, kann die betroffene Toilette aus technischen Gründen erst wieder in Wien gewartet werden.“ Und: Kommt leider oft vor, konkrete Zahlen sind leider nicht verfügbar.“

Jeder Zug benötigt für die Fahrt in ein anderes Land eine Extra-Zulassung. Insgesamt 9 Railjets der ÖBB haben die Ausrüstungen für den Italienverkehr. Im genannten Ausnahmefall war in Wien für die Verbindung leider keiner dieser Railjets verfügbar (Wartung). Daher wurde eine andere Railjet-Garnitur ab Wien eingesetzt. In Judenburg mussten die Fahrgäste nach Italien dann auf einen am selben Bahnsteig bereitstehenden anderen Railjet umsteigen.“ Und: Wir bedauern, dass die Fahrgäste in Judenburg umsteigen mussten, dennoch war durch diese Maßnahme die gesamte Reisekette für unsere Kunden gesichert.“

„Die Anzeigen in den Railjets nach Italien sind auf Deutsch, Englisch und Italienisch. Man kann nicht davon ausgehen, dass jeder Zugbegleiter auf der Südstrecke auch Italienisch oder Slowenisch spricht.“ Kaum fährt man im Railjet über die italienische Grenze, verschwindet das Problem: Die italienischen Zugbegleiter informieren auf italienisch und deutsch.

Zur gestrandeten Italienerin teilt uns die ÖBB mit: „Sollte von der Dame eine Beschwerde kommen (oder bereits gekommen sein), werden wir diese natürlich entsprechend positiv bearbeiten.“ Aber was macht die ÖBB, wenn die Beschwerde auf italienisch kommt?

Oberleitungen getroffen

Woher kommen die Probleme mit den Garnituren? Die ÖBB antwortet: „Die Ursache für die aktuellen Qualitätseinbußen liegen tatsächlich an Lieferverzögerungen von neuen Siemens-Zügen, die mittlerweile schon 2 Jahre betragen. Wenn dann „normale“ betriebliche Probleme auftreten, sind die Folgen umfassender aufgrund des fehlenden Wagenmaterials. 

Wir hatten von Dezember weg auf den Fernverkehrstrecken tatsächlich Qualitätseinbußen: Als nicht erwartbare Folgen der heftigen Schneefälle des ersten Wochenendes sind uns 4 Railjets ausgefallen. Sie wurden damals von Oberleitungen getroffen und haben Schaden genommen. Das hat uns tatsächlich im Gesamtgefüge durcheinandergebracht. Und die Auswirkungen haben auch noch länger angedauert.

Vor allem auf der Südstrecke bemerken unsere Fahrgäste das, weil wir zu den üblichen Zügen anderes und teilweise älteres Wagenmaterial als Ersatz einsetzen müssen.“

Wird also mit den neuen Garnituren alles wieder gut? ÖBB-Insider melden Zweifel an. Die Werkstätten sollen an Personalmangel leiden, die Instandhaltung werde weiterhin schlecht funktionieren.

Klimaticket

Was hat das mit dem Klimaticket zu tun? Darauf gibt es vermutlich eine doppelte Antwort:

  1. Gar nichts, weil das Klimaticket als erstklassiges Öffi-Angebot nicht für fehlende Garnituren verantwortlich ist;
  2. Indirekt vielleicht doch, weil die ÖBB nicht rechtzeitig zusätzliche Garnituren für zusätzliche Kundinnen beschafft hat.

Offensichtlich sehen das viele so:

Quelle: X (vormals Twitter)

„Bescheissen“

Im Herbst hätte ich mein Klimaticket verlängern sollen. Wir waren von Anfang an dabei. Meine Frau nimmt es weiter, ich nicht. Es sind die Details, die mir zeigen, dass manche in der ÖBB ihr Versprechen auf ein gut funktionierendes Netz nicht ernst nehmen. Als sich meine Frau mit einer Frage zum Klimaticket an einen ÖBB-Mitarbeiter am Bahnhof Praterstern wandte, erklärte er ihr: „Die Klimaticket-Benützer bescheissen uns nur“.

Vielleicht war das der Grund, warum die ÖBB ohne Vorwarnung das Klimaticket verschlechterte. Man kann nicht mehr mit einer Vorteilscard auf das Klimaticket für die 1. Klasse aufzahlen. Wahrscheinlich gibt es dafür gute wirtschaftliche Gründe. Aber die Art, wie einseitig ohne Vorinformation ein Vertrag zum Nachteil der Kunden abgeändert wurde, ist bemerkenswert.

Heute rechtfertigt das die ÖBB gegenüber ZackZack so: Es gab bei Einführung des KT ein zeitlich begrenztes „Start“-Angebot zu einem reduzierten Einzelupgrade in die 1. Klasse fürs Klimaticket.“ Über diese zeitliche Begrenzung wurden die Klimaticket-Käuferinnen allerdings nicht informiert. Diese Katze blieb im Sack.

Rückkehr zum Klimaticket

Heute früh ist meine Frau wieder mit dem Railjet nach Klagenfurt gefahren. Der Railjet war wieder kein Railjet, sondern eine der alten Garnituren. Sie sind nicht immer schlecht, oft funktionieren Heizung und WC. Nur – die Sitzplatzreservierungen, zu denen die ÖBB dringend raten, gelten dort nicht.

Für April planen wir eine Fahrt in den Süden, zum 40. Hochzeitstag. Eigentlich wollten wir mit der Bahn fahren. Aber die eineinhalb Stunden, die uns zum Umsteigen in Mestre blieben, sind zu riskant. Die Gefahr, dass wir dort den Frecciarossa versäumen, wächst mit jeder Woche. Im Gegensatz zur ÖBB fährt er pünktlich.

Ich weiß nicht, wohin sich die ÖBB bewegt: nach oben auf das Niveau der Schweizer Bahn oder nach unten zur Deutschen Bahn. Im Herbst würde ich gerne als Bahnkunde von Wien bis Klagenfurt gute Gründe für meine Rückkehr zum Klimaticket haben.

Heute Vormittag mache ich meinen nächsten Versuch, mit dem Railjet nach Klagenfurt. Diesmal wird alles klappen, ganz sicher.


Hier lesen Sie den ersten ZackZack-Artikel über die Probleme der ÖBB

Titelbild: EXPA / APA / picturedesk.com

Peter Pilz
Peter Pilz
Peter Pilz ist Herausgeber von ZackZack.
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17 Kommentare

  1. Für mich stellt sich eine grundsätzliche Frage: wieso muss die ÖBB Fahrzeuge für Italien bereitstellen? Warum stellt nich Italien ebenso Fahrzeuge für Österreich?
    Diese für Italien aufgerüsteten Loks kosten Unsummen. Auch der Railjet zwischen Bozen und Innsbruck hat Probleme über Probleme!

  2. Diese Ausfälle der Toiletten gibts auch auf den Kurzstrecken, also ca. 1 stündige Fahrtzeit der Garnitur.
    Teilweise auch dieselbe Zugnummer – Tagelang, mit klebenden Hinweis “WC nicht benützbar”

  3. Peter Pilz, wenn Sie das nächste Mal auf Urlaub fahren wollen, lassen Sie es mich rechtzeitig wissen, ich leihe Ihnen mein Auto. Dann können Sie den Urlaub auch geniessen statt sich zu ärgern.

  4. Da gibt es nur eine Lösung, Frau Gewessler:

    Das Autofahren noch einmal um so viel teurer machen, bis es jedem egal ist, ob er halb erfroren und in ange…… Windeln wenigstens im günstigen Zug nach Venedig reisen kann.

    Hauptsache ankommen – nach vier mal umsteigen, ohne Sitzplatz, dafür mit dem grünen Klimaticket.

  5. 4020er nach Villach ist natürlich spannend,der wäre ohne Klimaticket aber gleich geeignet -nur teurer…

  6. Na ja, immerhin fährt da eine Bahn, wenn auch nicht immer bis ans gewünschte Ziel und ohne Heizung und WC, aber immerhin. Unsere Regionalbahn ist eine Nostalgiebahn, dafür stehen wir staunend vor dem Milliardengrab Westring, der nun um 60% teurer wird als geplant. Aber wie sagte schon dessen Geburtshelfer ÖVP Verkehrslandesrat a.D. und Oberbetonierer Franz Hiesl bei seinem Abgang: “Meine Spuren werden unauslöschlich sein….”

  7. Wenn man in höchster Qualitätsverantwortung bei Unternehmen tätig war, dann weiß man, dass es noch immer ein Produkthaftungsgesetz gibt und bezüglich der Haftungen daraus der Stand der Technik gilt.

    Der Stand der Technik aber scheint in Europa nirgends mehr eingehalten, oder in den Vorgängen daraus, berücksichtigt zu werden, oder besser zu werden müssen – Mir ist das alles deshalb nur noch ein großes Rätsel wie das so möglich ist und weiter bleiben kann und bleiben darf.

    Normalerweise hätte die ÖBB schon lange ihren Fahrplan an ihre tatsächlich vorhandenen Kapazitäten und Möglichkeiten und dort noch mit einem entsprechenden Sicherheitspaket dazwischen, anpassen müssen?

    Meiner Meinung nach ist die Führung dort aber der Einhaltung dieser zwingenden Vorgaben ganz offensichtlich nicht mächtig und damit rücktrittsreif.
    Rücktrittsreif aber ist auch diese Ministerin die hier verantwortlich ist und hier auch weiterhin abtaucht und abtauchen kann und natürlich auch die Medien, welche das alles weiter (mit Ausnahme von ZZ) nicht einmal in der dafür notwendigen Weise aufzeigen…

  8. Österreich ist eine einzige Baustelle die wohl niemals fertiggestellt werden kann aufgrund Inkompetenter Führung schon von ganz ober herab.
    Nie mehr ÖVP, nie mehr FPÖ und nie mehr Grüne.

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