Samstag, September 30, 2023

Eh ned‘ schad um den

Nach den drei Meuchelattacken auf Obdachlose in Wien ist ein weiterer seinen Verletzungen erlegen. Warum der Hass auf Wohnungslose so entsetzlich ist, erklärt Autorin Daniela Brodesser.

“Eh ned schad um den”… Dieser und ähnliche Sätze waren die ersten Reaktionen heute auf die Meldung, dass einer der drei Obdachlosen, die angegriffen wurden, gestorben ist. 

Kommentar zum Anlass im Krone-Forum. Er kam dort nicht gut an

2023. Wir teilen in wertes und unwertes Leben. Hatten wir schon mal. Sollte heute weder denk- noch sagbar sein. Und schon gar nicht Akzeptanz finden. Denn es endet nie gut, wie wir aktuell sehen. 

Die Sprache das Hasses

Es beginnt immer mit Worten. Mit Abwertungen. Mit Vorurteilen. Und es blieb, egal wie kurz oder lange man in die Vergangenheit zurückblickt, nie dabei. Immer wurden aus Worten Taten. Wer Obdachlose als “Störfaktor” bezeichnet, ihnen vorwirft, faul zu sein und kein funktionierender Teil dieser Leistungsgesellschaft und deshalb also nichts wert, gießt Öl ins Feuer jener, die ein Ventil brauchen.

Weiterer Kommentar im Krone-Forum

Ein Ventil für das eigene, verkommene Leben, in dem nichts so läuft wie man es gerne hätte. Dass aber nicht die Obdachlosen schuld sind an der Situation anderer, das hab‘ ich bis heute noch von keinem dieser Hetzer gehört.

Wer meint über Menschen, die auf der Straße leben, urteilen zu können, sollte sich mal fragen ob einem das nicht selbst passieren kann. Ich kenne zu viele, die von einem ziemlich normalen Durchschnittsleben auf der Straße gelandet sind. Weil das Leben eben oft nicht linear verläuft. Weil Trennung, Krankheit, Jobverlust oder die Pleite der eigenen Firma dich aus der Bahn werfen. Weil du auch psychisch nicht mehr in der Lage bist, nochmal und nochmal aufzustehen und von vorne zu beginnen. Denn nicht alle Menschen haben das Glück, eine Resilienz zu entwickeln, sondern resignieren. Ob man nach mehreren Schicksalsschlägen auf der Straße landet oder nicht hängt von vielen Faktoren ab. Nicht jeder einzelne davon ist selbst zu beeinflussen. 

Hetze bleibt leider ungestraft…

Wir sollten uns darüber bewusstwerden, wie sich Sprache auf das Handeln Einzelner auswirkt. Natürlich sind jene, die mit Worten gegen Obdachlose hetzen nicht direkt schuld, es sind die Taten von Menschen, die ihren Frust und ihre Wut auf diese Welt an wehrlosen Menschen auslassen. Und trotzdem nehme ich jene, die aufstacheln und hetzen, mit in die Pflicht. Denn sie legen damit den Grundstein. Sie sind oft der letzte Auslöser für Täter*innen. 

Mir persönlich haben schon die Attacken auf die drei Obdachlosen zugesetzt. Dass nun einer von ihnen an seinen Verletzungen verstorben ist, macht mich ehrlich gesagt fertig. Nicht nur weil ich es absolut nicht nachvollziehen kann, dass man Menschen, nur weil sie kein Dach über dem Kopf haben, so sehr hasst um sie töten zu wollen, sondern auch, weil ich selbst einmal kurz davor stand, die Wohnung zu verlieren. Hätte ich zu dem Zeitpunkt keine Kraft mehr gehabt und resigniert, wäre ich wohl ebenso auf der Straße gelandet. Und Menschen würden ebenso sagen “eh ned schad drum”, oder “kein Verständnis dafür”. 

Achten wir alle bitte ein wenig mehr darauf, was wir sagen und wie wir es sagen. In einer Zeit, in der Egoismus und Ellbogentechnik immer schneller voranschreiten, wäre der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus umso wichtiger. Und lasst uns Aussagen wie “ist ein Störfaktor” oder “leistet nichts, also weniger schlimm, wenn was passiert” nicht einfach so hinnehmen. Denn es könnte fast jede und jeden von uns treffen. Lasst uns etwas mehr aufeinander schauen statt noch weiter auseinander zu driften.

Titelbild: Christopher Glanzl

Daniela Brodesser
Daniela Brodesser
Daniela Brodesser macht als Autorin den Teufelskreis der Armut sichtbar und engagiert sich persönlich gegen armutsbedingte Ausgrenzung und Verzweiflung.
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33 Kommentare

  1. Obdachlose im roten Wien – Reine Verschwörungstheorie der Schwurbler. Achtung Sarkasmus.
    oder Klartext: Eine Schande, daß es überhaupt Obdachlose gibt, im reichen Österreich.

    • Auf einen armen Menschen dessen glückloses Leben mit einem grausamen Tod endet dann auch noch verbal hinzutreten, ist nicht normal. Aber wer solche schrecklichen Vorkommnisse für Propaganda nützt, der ist nicht besser als einer der einen Hasskommentar schreibt. Er ist nur feiger, das ist alles.

  2. Kommt der Mietpreisdeckel? (Oder werden die Obdachlosen noch mehr werden müssen?)

    Profil an Finanzminister Brunner:
    “Kommt der Mietpreisdeckel noch?

    Brunner:
    Nicht alles, was populär klingt, ist auch sinnvoll. Das Thema muss größer gesehen werden: Der Bereich Eigentum gehört zum Wohnen dazu. Ich habe daher vorgeschlagen, die Grunderwerbssteuer für das erste Eigentum abzuschaffen. Leider war das mit den Grünen nicht möglich.”

    Mehr soziale Eiseskälte wie auch der Minister Kocher schon so, gibt es doch nicht mehr und gab es meiner Meinung in dieser Form in Österreich auch noch nie?
    Mehr politische Brutalität und Ignoranz für die Probleme dieser Einwohner kann ich mir (zumindest noch) nicht mehr vorstellen?
    Wo aber soll, wo wird das enden?

    • Mir ist nicht nachvollziehbar, wie der letzte Satz hier in dieser Form Eingang fand?
      – Wo aber soll und wo wird das noch enden?

  3. In einem Staat, in dem der Kanzler nichts wichtigeres zu tun weiß, als das Bargeld unter Artenschutz zu stellen und der Arbeitsminister seinen Kampf nicht gegen die Arbeitslosigkeit, sondern die Arbeitslosen führt, vorrangig nicht die Armut, sondern
    die Armen bekämpft werden, dort gedeiht dann auch dieser menschenverachtende Geist, der sich ein so verbrecherisches Ventil sucht. Armes Österreich erwache!

  4. Das einzige was ich an der Argumentation nicht verstehe , ist das mit der Toleranz. Wir haben selbstverständlich Toleranz für die Obdachlosen und auch für Migranten und selbstredend auch für sämtliche Straftäter. Komischer weise, gibt es in dem Forum aber nie Toleranz für Menschen, deren Sprache gerne mal als Hasserfüllt gilt. Glauben Brodesser und Co wirklich so wenig an ihre eigene Propaganda, dass sie andere Wortmeldungen unter Strafe stellen müssen?

  5. Bei einem anderen Kommentar ich glaube es ging um die Rede VdBs zur Sprache, wo er auch Babler in die Pflicht nahm, gab es bei berühmten Linken grosse Empörung, im besagten Kommentar wurde dann darauf verwiesen: “Die zunehmenden Konflikte sind KEIN Problem der „Sprache“. Derartige Aussagen nach 3 Jahren wortreicher, gesteuerter Spaltung durch die Regierung! Umso wichtiger ist daher Ihre Feststellung: “Wir sollten uns darüber bewusstwerden, wie sich Sprache auf das Handeln Einzelner auswirkt.”
    Frau Sonnenschein Sie sind ein solcher und es ist schade dass Sie erst so spät zu ZackZack gekommen sind.

      • Der Verweis auf Misik ist tragikomisch. Es ist bekannt dass er seine „Expertise“ gemeinsam mit Frau Strobl ganz auf die Verwirklung eines persönlichen, roten Traumes zugeschitten hat: Babler als BK. Lassen wir ihn beiseite, hier geht es um wichtigere Dinge: die SPRACHE. Sie soll Menschen verbinden und nicht trennen. Gilt auch für ALLE Parteien: Auch die SPÖ. „Wir für unsre Leut“ ausgerufen als irgendein Kammer- und Gewerkschaftsfunktionär hat durchaus Berechtigung, ist sogar notwendig. Aber wenn sich ein Vertreter einer Partei als Bundeskanzler, Vizekanzler oder Möchtegern-Kanzler zu Wort meldet, muss er FÜR ALLE im Land sprechen können. Die SPÖ ist ohne Wirtschaft aufgeschmissen. Macron wollte in der Pandemie die Menschen „bis zum bitteren Ende nerven“ – das bittere Ende seiner politischen Strahlkraft erfährt er nun selbst.

  6. 1 x Lebenslänglich würde genügen!
    Mann muß es ja nicht übertreiben!
    Für manche Delikte wäre die Todesstrafe durchaus adäquat!

  7. Meiner Meinung nach muss in Österreich Menschen ab 50, welche über einem Jahr obdachlos waren, eine gesetzliche Soforthilfe angedeiht werden.
    Bei Menschen ab 40, wenn diese beispielsweise zwei Jahre nachweislich obdachlos waren ebenso.
    Mindestens den gleichen Status wie den bei Asylwerbern aber muss ihnen dann noch zusätzlich mit allen Rechten und Pflichten ebenfalls gewährt werden, ist eben meine Meinung dazu.

  8. Teilt euer Brot mit den Hungrigen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen! (Jesaja 58,7)

    Mich würde interessieren wie viele von denen, die Obdachlose so sehr hassen sich “Christen” nennen…

    • Viel zu viele, es ist oft so das ausgerechnet diejenigen, welche sich als Christen titulieren, so gut wie nichts von der Botschaft der Bibel mitbekommen haben.

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