Freitag, Juli 12, 2024

Only one way

Das Gebot der Stunde ist Pazifismus, das Stiften von Frieden. Dieses Gebot hat einen großen Gegner: den Kapitalismus, der von Kriegen bestens lebt.

Es ist Krieg und sie sind wieder da: die Moralisten, Kolumnisten, Zeigefingerjournalisten und Mahner, denen es in der Zeit schlechter Nachrichten am besten geht. Sie verurteilen den Angriff der Hamas auf Israel – völlig zu Recht. Aber was sie verschweigen, sind die Antworten auf jene Fragen, die erst ein Licht darauf werfen, wer die Hamas bewaffnet hat.

Woher bezieht die Hamas ihre Waffen? Dieser Punkt bringt den NATO-Westen und den NATO-freundlichen Westen in die Bredouille. Denn es ist ein Faktum: Mitgliedstaaten der NATO bewaffnen die Hamas, entweder direkt oder indirekt, indem sie mit Monarchien oder Diktaturen sunnitischer Ausrichtung milliardenschwere Waffengeschäfte abschließen. Der politische Führer der Hamas, Khaled Meshal, lebt in Qatar – ein Staat, mit dem westliche Länder und NATO-Länder milliardenschwere Geschäfte machen und Fußballweltmeisterschaften austragen.

Persilschein für den Krieg

Wir kennen diese Verlogenheit seit 1991, als unter dem Titel Befreiung Kuwaits die Waffen, die westliche Staaten dem Irak geliefert hatten, diesem in einem „gerechten Krieg“ wieder abgenommen wurden. Dabei hatten dieselben Länder den Irak bis dahin hochgerüstet. Und wie eine der besten Nachrichtensendungen der Welt, das Ö1-Mittagsjournal, damals auch akkurat berichtete, waren auch 20 österreichische Firmen darunter.

Auch damals gab es sie schon: die Krokodilsmoralisten, die Brown-Noser des Kapitals. Sie predigten die Notwendigkeit des Kriegs der USA und ihrer Verbündeten – allen voran der Alt-68er Hans Magnus Enzensberger, der in einem leider zu viel beachteten SPIEGEL-Artikel mit einem von der NATO zertifizierten Vergleich Saddam Husseins mit Adolf Hitler den Persilschein für den Krieg ausstellte.

Profit in jedem Fall

Verteidigt hat er nur den Profit des Kapitals in jedem Fall. Es hat sich seither nichts verändert. Österreichische Journalisten, die den Angriff der Hamas auf Israel verurteilen, haben Monate zuvor unsere Neutralität in Frage gestellt und das Ansuchen zum NATO-Beitritt Schwedens gelobt und zum Vorbild für Österreich erklärt. Schweden ist nun bei seinen NATO-Beitrittsbestrebungen vom Wohlwollen Recep Tayyip Erdoğans abhängig. So wie Schweden sollte Österreich, nach Meinung dieser Kommentatoren, auch agieren. Was sie in diesen Tagen nicht sagen: Die Türkei Erdoğans ist einer der wesentlichen Unterstützer der Hamas.

Es hat sich seither nichts verändert, aber der Kapitalismus verteidigt sich heute perfider und selbstsicherer als damals – er macht sich zum Moralisten. Die systemische Bigotterie der NATO-Staaten, deren Kalkül immer aufgegangen ist, bei Waffengeschäften in Milliardenhöhe als rein am Geschäft interessierte Kapitalisten und bei militärischen Operationen als Moralisten zu argumentieren, bleibt im Westen unwidersprochen. Wenn man dieses Verhalten durchgehen lässt – und seit 1989 geht es immer durch und findet sogar den Applaus der prowestlichen konservativen und liberalen Presse in Europa – dann versinken wir (auch Österreich) immer tiefer in einem Alptraum, in dem Krieg „nur“ ein Geschäft ist, an dem man so oder so profitiert. So ist es ja auch im Fall der Kriegs in der Ukraine.

Blumentöpfe und Pflugscharen

Angesichts dieser Tatsache und dem Umstand, dass sogar die österreichischen Grünen bis hinauf zum Bundespräsidenten Werbung für Skyshield machen – einem Raketenabwehrsystem, dem auch NATO-Staaten angehören, die die Bewaffnung sunnitischer Terroristen ungeniert betreiben – kann man nichts anderes tun, als immer wieder die Fakten in Erinnerung zu rufen und die Welt täglich daran zu erinnern, dass nur pazifistische Bemühungen die schrecklichen Kriege auf unserem Planeten beenden können. Pazifismus muss notwendigerweise auch dem weltbeherrschenden kapitalistischen Grundsatz, dass nur die Vermehrung des eigenen Besitzes Ziel der menschlichen Existenz ist, eine Absage erteilen.

Ich weiß schon, dass man diesen Gedanken leicht verhöhnen kann und ihn naiv und unrealistisch nennen wird. Ich weiß schon, dass die wahren Realisten jene sind, die sagen: Ja, klar verurteilen wir jegliche Gewalt, aber das Geld der Konfliktparteien für ihre Waffen brauchen wir trotzdem. Es sind ja nur Waffen. Man muss damit nicht auf andere schießen. Natürlich, wir sehen ja täglich wie im Nahen Osten Blumentöpfe und Pflugscharen aus den Waffenlieferungen der NATO-Staaten gemacht werden.

A weapon that fires only one way

Wer für eine friedliche Welt kämpft, kämpft nicht nur dafür, dass es keine Waffenlieferungen mehr gibt, sondern auch dafür, dass es keine Waffenproduktion mehr gibt. Das betrifft (und Sie können mich jetzt steinigen) auch die Ukraine. Wer eine Waffe produziert und wer jemandem eine Waffe gibt oder verkauft – beide ermöglichen damit Bedrohung, Gewalt, Verletzung, Tötung. Und es gilt, was Indira Gandhi einst gesagt hat: I still have to see that weapon, that only fires one way.

Die abgeklärten Kolumnisten, die heute als Moralisten auftreten, aber die kapitalistische Hegemonie als alternativlos sehen, können sich ihre Krokodilstränen in den Arsch stecken. Ohne einen Friedensprozess in Israel und im Nahen Osten wird es nur einen Profiteur geben: Die Waffenproduzenten und ihre Lobby. Die NATO-Beitrittsschreier in Österreich und anderswo sind ihre Handlanger – ob bewusst oder unbewusst.

Ganz normal

Die Logik der parteiischen Schreiberlinge ist immer die, die offensichtliche Lösung unmöglich zu machen. Wer in Österreich eine Regierung ohne die FPÖ Herbert Kickls will, braucht dazu die Sozialdemokratie. Wer der Kriegspolitik, die uns in immer engeren Kreisen umzingelt, etwas entgegenstellen will, braucht Pazifismus. Und Pazifismus ist wie Ökologie und Gleichheit bedingungslos.

Wir reden vom Frieden, wenn der Krieg in China ist. So schrieb Max Frisch einst in sein Tagebuch. Verdrängung hat viele Formen und sie erblüht in tausenden Ausreden. Mit zwei Kriegen in unserer Nähe, die wir Kindern erklären müssen, ist die Ausrede auf räumliche Ferne hinfällig. Es gilt, eine wirkliche Moral zu entwickeln. Und eine solche Moral setzt Gleichheit voraus: Jedes Leben ist gleich schützenswert. Wer einem Militärbündnis der Waffenlieferer das Wort redet, hat sich davon schon verabschiedet. Und er macht damit Platz für ein politisches System, in dem Mord und Krieg ganz normal sind.

Titelbild: Miriam Moné

Autor

  • Daniel Wisser

    Daniel Wisser ist preisgekrönter Autor von Romanen und Kurzgeschichten. Scharf und genau beschreibt er, wie ein Land das Gleichgewicht verliert.

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