Dienstag, Juli 23, 2024

Reichtum anbeten und beim Klopapier sparen

Daniela Brodesser ist zurück – und wie! In ihrer ZackZack-Montagskolumne schreibt sie über Neiddebatten vom Klogang bis zu den Lohnverhandlungen. Und warum die Glorifizierung von Reichtum uns nach unten treten lässt.

Eigentlich sollte hier eine Kolumne über die Lohnverhandlungen, die derzeit in Österreich anstehen, erscheinen. Aber das Wochenende hat wieder einmal bewiesen, in welchen Kategorien viele Menschen noch immer denken und wie sehr es jene, die finanziell an der unteren Skala angesiedelt sind, beeinflussen. Und zwar nicht positiv. Denn – wer nichts hat soll auch bitte keine Wünsche äußern und schon gar keine “Ansprüche” stellen. Nein, das will man nicht. Das gehört sich nicht. Wer arm ist, hat still zu sein, demütig durchs Leben zu gehen und im besten Fall zufrieden, ausgeglichen und dauer-dankbar sein. 

Spartipps beim Klopapier

Jetzt geht’s ans Eingemachte: wer hätte vermutet, dass selbst das menschlichste aller Bedürfnisse, der Klogang, zu Debatten über das eigene Verschulden von Armut führen kann? Weil man zu verschwenderisch lebt? 

Schräg? Aber die Tipps werden noch besser:

Ungefragt, wohlgemerkt. Solche und ähnliche Debatten waren für mich und sind für viele Armutsbetroffene Alltag. Sich erklären zu lassen, was einem zusteht und was schon als Verschwendung gilt, ist manchmal ziemlich mühsam, manchmal einfach nur noch unpackbar. Und nein, das sind keine Ausnahmen, sondern eher die Regel. 

Wünsche sind längst eine Neiddebatte

Es gibt sogenannte Wishlists, auf denen Menschen die Dinge raufpacken, die sie sich nie leisten könnten. Wünsche. Niemand wird dazu gezwungen. Und trotzdem sind sie immer wieder Anlass, um darüber zu diskutieren, was Betroffenen zustehen würde und was nicht. 

Menschen, die Wünsche äußern, wird dann auch gerne einmal vorgeworfen, daran schuld zu sein, dass andere nichts bekommen. Auch hier: nicht die Ausnahme, eher Alltag. Ein Abwägen von „wer hat welche Hilfe verdient“. Ein Ausspielen nach unten. Perfide. Aber es funktioniert. Dir geht’s noch zu gut, also sei leise. 

Es läuft eigentlich immer nach dem gleichen Prinzip ab: zuerst erklären dir einige, dass Wünsche doch eh ok sind, aber halt in gewissen Rahmen bleiben sollten. Diese Weisheit? Geschenkt – kenne selten Armutsbetroffene, die sich eine Luxusreise wünschen. Dann erscheinen die nächsten, die meinen, du musst halt einfach mehr arbeiten, dann kannst du dir deine Wünsche erfüllen, bis dann schließlich jene auftauchen, die dir erklären, dir ginge es zu gut, es gäbe viele, die wesentlich weniger hätten, also sei still und dankbar und demütig. Ein Totschlagargument, wie wir später noch sehen werden.

Wünsche hat jeder Mensch, man braucht sie, um nicht nur zu funktionieren, sondern auch zu leben. Man braucht sie, um in den Sorgen des Alltags nicht komplett unterzugehen. Ich selbst habe den Fehler gemacht und sämtliche Wünsche jahrelang beiseitegeschoben. Die Folgen? Man reduziert sich aufs pure Überleben. Man nimmt sich selbst nicht mehr als Mensch mit Bedürfnissen wahr. Ein Bild, das aber auch nach außen projiziert wird und als Resignation interpretiert wird. Die Kraft, hier wieder herauszufinden, muss man erst einmal aufbringen. 

Warum das nun doch wieder mit den Lohnverhandlungen zusammenhängt? 

Ein ähnliches Argumentationsschema kann man bei den Lohnverhandlungen beobachten. Arbeiter*innen und Angestellte sollten möglichst auf höhere Einkommen verzichten, egal ob sie aufgrund der Inflation noch über den Monat kommen oder nicht. Sie können doch keine Forderungen nach einem menschenwürdigen Leben stellen und dabei die Wirtschaft ruinieren, oder? Wie können sie es wagen, von ihren Unternehmen mehr Geld für ihre Arbeit zu verlangen?

Sollen doch froh sein, überhaupt einen Job zu haben! Wenn nicht sogar dankbar und demütig! Über Medien wird ihnen seit Tagen ausgerichtet, man hätte zu hohe Ansprüche, hätte eine Vollkaskomentalität entwickelt und wir würden in diesem Land doch viel zu wenig arbeiten! Und eigentlich wundert mich, dass die Mittelschicht noch nicht auf der Straße steht und laut gegen diese Spins demonstriert.

Warum sie es nicht tun? Weil wir erstens ein Land sind, in dem man Menschen nur sehr schwer auf die Straße bringt und zweitens zeigen sich jetzt die Auswirkungen des Armutsbashings. Wer Angst davor hat, den Job zu verlieren und in Armut zu geraten – was dir bei 55% Arbeitslosengeld schneller passiert als dir lieb ist – akzeptiert viel schneller eine Lohnerhöhung, die nicht mal ansatzweise die Inflation abfängt. Besser ein Job, mit dem man nur schwer über die Runden kommt, als keiner. Solange Armut als Drohgebärde im Raum steht, genauso lange kann man das mit uns machen. 

Wir sind noch immer gefangen in einem Obrigkeitsdenken, schauen noch immer respektvoll zu jenen auf, die es “geschafft” haben und an der Spitze der Einkommenspyramide stehen. Anstatt hinter die Kulissen zu blicken und uns zu fragen, warum die Schere zwischen arm und reich immer weiter aufgeht.

Wir fragen uns nicht, weshalb die Chancen ungleich verteilt sind, wir nehmen es einfach hin. Wir fragen uns auch nicht, weshalb wir auf möglichst viel verzichten sollen, aus Solidarität und weil‘s der Wirtschaft gut gehen muss, während jene, die es sich richten können, weiterleben als gäbe keine Inflation. Wir fragen nicht, inwiefern sie ihren Teil beitragen. Nein, wir lassen uns noch von Debatten darüber, wie gut es uns doch eigentlich geht im Vergleich zu anderen und dass wir lediglich auf hohem Niveau jammern würden, beeinflussen. Vor allem die Mittelschicht und die untere Einkommensschicht sind aber jene, die dieses Land am Laufen halten. 

Kanzler Karl Nehammer hatte in seiner Weinseligkeit im Burger-Video nichts Besseres zu tun, als sich damit zu brüsten, sich gegen höhere Löhne eingesetzt zu haben.

Warum wir bei Neiddebatten hellhörig werden müssen

Weil sie aktuell für die Lohnverhandlungen genutzt werden. In Form von Artikeln und Herbstferien, würden doch so viele in den Urlaub fahren, also geht’s uns noch zu gut. Genau hier ist der Punkt, an dem wir alle hellhörig werden sollten. Denn hier verschiebt sich die Neiddebatte von unten in die Mitte der Gesellschaft. Sich etwas Gutes tun, sich nach zahlreichen Überstunden einen kurzen Urlaub zu gönnen, während man höhere Löhne fordert, das geht einfach nicht. Sollen sie doch zuhause bleiben, dann kommen sie auch mit den aktuellen Löhnen aus. Ihr seht in welche Richtung es geht? Es wird nicht dabei bleiben und Debatten über richtiges Heizen, Fahrrad statt Leasingauto, Spazieren gehen statt Netflixabo oder Duschen maximal zweimal pro Woche werden auch der Mittelschicht nicht mehr fremd sein. 

Es geht übrigens nicht darum, sich kurzfristig einzuschränken. Darum ging es nie. Es geht darum, die Menschen unten zu halten. Sie in Neiddebatten gefangen zu halten, um nach unten zu zeigen und keinesfalls nach oben zu blicken. Darum, dass sich ein kleiner Teil der Bevölkerung bereichern kann, ohne dabei vom Pöbel gestört zu werden. Es wäre höchste Zeit, einigen zu zeigen, dass wir viele sind und ohne uns nichts mehr laufen würde. Es wäre höchste Zeit zu zeigen, dass alle Löhne verdient (ich sage bewusst nur Löhne, denn auch jene, die nicht Vollzeit arbeiten können oder wegen Betreuung, Pflege, Krankheit oder hunderten unbeantworteten Bewerbungsschreiben zu Hause sind, haben ein Einkommen verdient von dem man auch in der letzten Woche des Monats noch einkaufen gehen kann!) haben, von denen man gut leben kann. Ohne sich verteidigen zu müssen warum man auf Urlaub fährt, oder ein 4-lagiges Häuslpapier hat. Es wäre höchste Zeit die Neiddebatte und das Anbeten des Reichtums zu beenden und ein menschenwürdiges Leben für alle zu fordern! 

Titelbild: Christopher Glanzl

Autor

  • Daniela Brodesser

    Daniela Brodesser macht als Autorin den Teufelskreis der Armut sichtbar und engagiert sich persönlich gegen armutsbedingte Ausgrenzung und Verzweiflung.

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