Verwirrung um Arbeitslosen-Zahlen

Mittlerweile geht man in Österreich grob geschätzt von 600.000 Arbeitslosen aus, Hundertausende haben innerhalb weniger Tage ihren Job verloren. Doch wie viele es wirklich sind, weiß derzeit niemand. Die Kommunikation des Ministeriums steht unter Beschuss.

Wien 24. April 2020 | Eines weiß man: noch nie in der Geschichte der Zweiten Republik hat es in Österreich eine so hohe Arbeitslosigkeit gegeben. Die Coronakrise zeitigt nicht nur gesundheitliche, sondern auch weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen. Die Regierung hat darauf vor allem mit Kurzarbeit reagiert: knapp 900.000 Menschen sollen davon betroffen sein, zumindest Stand Anfang der Woche. Doch wie hoch sind die Arbeitslosenzahlen?

AMS stoppt tägliches Update

Fest steht: zu Beginn der Shutdown-Maßnahmen der türkis-grünen Bundesregierung explodierte die Zahl der Arbeitslosen in Österreich in Rekordtempo. Ende März gab es im Vergleich zum Vorjahresmonat um 52,5 Prozent mehr Personen ohne Job, und das, obwohl die Maßnahmen erst Mitte März beschlossen wurden.

Das Arbeitsmarktservice (AMS) stieg deshalb auf eine veränderte Kommunikationsstragie um: aufgrund der akuten Krise und der täglich stark nach oben schießenden Arbeitslosenzahlen kommunizierte AMS-Chef Johannes Kopf die erneuerte Situation transparent ab Mitte März in einem täglichen Update. Doch damit ist jetzt wieder Schluss!

Die Updates waren vor allem für Forschungsinstitute wichtig, um eine realistische Basis für Prognosen und Studien zu haben. Oliver Picek, Senior Economist am “Momentum Institut”, sieht das kritisch:

Ökonom: Aktuelle Zahlen nur informell

Picek zeigt sich im Gespräch mit ZackZack verwundert. Bisher sei die Kommunikation des AMS äußerst proaktiv gewesen, man habe die täglichen Updates geschätzt. Jetzt steige das AMS aber offenbar wieder auf die außerhalb von Krisenzeiten gewohnte, monatliche Kommunikation der Arbeitslosenzahlen um. Warum das so ist, würde Picek gerne wissen, denn: die Krise hält nach wie vor an. Bis die Regierung ihr versprochenes “Hochfahren” umsetzt, werden wohl täglich tausende Arbeitslose hinzukommen.

Helmut Mahringer, Senior Economist am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), sagt im Gespräch mit ZackZack, dass zwar die saisonbedingten Kündigungen viel ausgemacht hätten und nun immer weniger stark ins Gewicht fallen würden; dennoch: Kündigungen, die erst zum Monatsende März ausgesprochen wurden, werden wohl die Arbeitslosenzahlen für den April weiter stark ansteigen lassen – im Jahresvergleich ähnlich stark wie Ende März. Wie hoch die Zahlen aktuell sind, kann derzeit nur geschätzt werden, auch wenn man, wie aus der wissenschaftlichen Community zu hören ist, informell von 600.000 Arbeitslosen ausgeht.

AMS spricht von beruhigter Lage, Ministerium schweigt

Die Sprecherin des AMS, Beate Sprenger, wiegelte auf ZackZack-Anfrage etwaigen Unmut über die veränderte Kommunikation ab: man habe versucht, sich ein Bild über das Verhalten von Betrieben hinsichtlich Kündigungen in der Anfangsphase der Krise zu machen und deshalb tägliche Updates zur Verfügung gestellt. Die Lage hätte sich jedoch im Vergleich zum Beginn der akuten Krise beruhigt. Zahlen nannte sie nicht, die gebe es erst wieder am 4. Mai. Insofern versuche man nun wieder, zum gewohnten Monatsrhythmus zurückzukehren.

Doch was sagt das Arbeitsministerium? Ministerin Aschbacher (ÖVP) sieht sich derzeit allgemein Vorwürfen ausgesetzt, angesichts der Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise zu schweigsam zu sein. Nach ihren unglücklichen TV-Auftritten gibt die türkise Ministerin nur mehr selektiv Auskunft über ihre Politik. Ausnahme: Zahlen zur Kurzarbeit. Die scheinen in den “Alles im Griff”-Spin der Regierung offenbar besser zu passen als immer wieder nach oben schießende Arbeitslosenzahlen.

Die Opposition, allen voran SPÖ-Urgestein Josef Muchitsch, beschwert sich schon seit März regelmäßig über die mangelnde Kommunikation seitens der Ministerin. Auch “Momentum”-Ökonom Picek wundert sich, warum man bei den Kurzarbeitszahlen immer noch alle paar Tage neue Erfolge vermeldet, aber zu den Arbeitslosenzahlen auf einmal lautes Schweigen herrscht. Auf ZackZack-Anfrage gab es bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels kein Statement aus der Presseabteilung von Ministerin Aschbacher. Dieses wird im Falle eines Nachreichens in einem Update veröffentlicht.

Mahringer vom Wifo-Institut glaubt zwar nicht, dass dies mit einer Stategie des “Verschweigens” zu tun habe und der monatliche Rhythmus der Veröffentlichung normal sei. Allerdings betont er, das Problem liege vor allem in den mittel- bis langfristigen Folgewirkungen. So sei es aufgrund der Krise und all ihrer nicht absehbaren Effekte für Neu-Arbeitslose ein Problem, schnell wieder einen Job zu finden. Die Ausschreibungslage sei schlecht. Für die schon vor der Krise Arbeitslosen sei das ein noch größeres Dilemma, da sie in dieser Situation leichter in Langzeitarbeitslosigkeit stürzen könnten. Mahringer gibt allerdings auch zu verstehen, dass durch die schrittweisen Öffnungen positive Impulse entstehen werden.

Update 24.04., 16:15 Uhr

(wb)

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Titelbild: APA Picturedesk

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