Turnverbot inmitten einer Fettsucht-Pandemie

Der “Faßmann-Anschlag”

Zur Schulöffnung nach Corona verordnete Bildungsminister Heinz Faßmann ein totales Turnverbot. Allerdings leidet die ganze Welt unter einer Adipositas-Pandemie, mit verheerenden Folgen für die Weltgesundheit – diese Pandemie stellt Corona in den Schatten. Ist das verordnete Turnverbot fahrlässig?

Wien, 21. Mai 2020 | Knapp zwei Monate hatte Bildungsminister Heinz Faßmann Zeit, um eine Verordnung auszuarbeiten, damit die Wiedereröffnung der Schulen geregelt ist. So lange brauchte Faßmann auch: Erst am 13. Mai und damit vier Tage, bevor die Kinder wieder die Schule besuchen konnten, lag sie vor.

Totales Turnverbot

Während die Verordnung beim Mund- und Nasenschutz dem widerspricht, was Faßmann öffentlich sagt, ist die Verordnung in einem Punkt eindeutig. Er betrifft alle Schulstufen: der Turnunterricht ist für dieses Jahr gestrichen. In der Verordnung heißt es:

“Der Unterrichtsgegenstand Bewegung und Sport entfällt vom 18. Mai 2020 bis zum Ende des Unterrichtsjahres 2019/20.”

Faßmann strich den Turnunterricht mit der Begründung des Infektionsrisikos. Empörung löste der Bildungsminister damit unter dem Lehrpersonal aus, der öffentliche Aufschrei blieb dennoch klein. Überraschend – denn genug Lehrer berichten, dass ihre Schüler mit ein paar Kilos mehr aus der Corona-Isolation zurückkehrten. Experten bestätigten, dass sich der gesellschaftliche Trend zum Übergewicht durch die Corona-Krise verstärkt.

Die verheerende Adipositas-Pandemie

Adipositas („Fettsucht“) gilt in Deutschland als zweithäufigste Todesursache jährlich – in den USA ist sie sogar der häufigste Sterbegrund. Über eine halbe Million Menschen stirbt pro Jahr in den Vereinigten Staaten an Fettsucht. Die Adipositas-Pandemie ist ohne Zweifel eine verheerende – noch dazu wird sie jährlich schlimmer. Im Kontext von Covid-19 spitzt sie sich noch einmal zu: Fettsüchtige Personen gelten als besonders gefährdete Risikogruppe.

Das zeigt beispielsweise eine Studie aus Frankreich: Fast 86 Prozent der Covid-Patienten, die in Lille (Stadt im Norden Frankreichs, Red.) maschinell beatmet werden mussten, hatten einen BMI von 35 oder höher. Laut WHO gilt ein Wert über 30 als Fettleibigkeit. Ähnliche Studien aus New York und China bestätigen diesen Trend.

“Anschlag auf Gesundheit”

Kann man als Bildungsminister angesichts dieser Lage verantworten, den Turnunterricht ersatzlos zu streichen? Einige sagen jetzt: nein! Ursachen, warum die Zivilisation an Fettsucht leidet, sind vielfältig, aber ein Mangel an Bewegung ist zweifellos ein Mitgrund. Nicht nur, da sich durch die Corona-Maßnahmen ohnehin eine Menge Bewegungsmangel aufgestaut hat, sind einige Sportlehrer verärgert:

„Regelmäßiger Sportunterricht in diesen Zeiten ist wichtig und möglich. Aber davon haben die im Bildungsministerium keine Ahnung,“

schrieb Gleb Morozov vor wenigen Tagen auf Facebook. Er unterrichtet Sport, unter anderem im Hernalser-Gymnasium in Wien:

„Sportunterricht gehört zu einem gesunden Alltag. Gerade in Zeiten von Isolation kommen die Vorteile von Bewegung noch mehr zu tragen.“

Mozorov steht exemplarisch für viele Sportlehrer in Österreich, die aktuell nur den Kopf schütteln.

Aber der Bildungsminister versteckt sich offenbar hinter dem Totschlagargument „Infektionsrisiko“ – obwohl es genügend Möglichkeit gäbe, auch den Turnunterricht ohne erhöhte Ansteckungsgefahr abzuhalten.

Der österreichische „Mister Volleyball“, Peter Kleinmann, attackierte Faßmann vor wenigen Tagen scharf, seine Formulierung trifft es allerdings – gerade im Kontext der Adipositas-Pandemie – punktgenau:

„Das ist gesetzlich vorgeschriebene Körperverletzung. Nur fünfzig Prozent der Österreicherinnen und Österreicher kommen auf das nötige Minimum an Bewegung. Aber dreißig Prozent unserer Volksschulkinder sind fettleibig oder adipös. Dass die Kinder stundenlang in Schulen sitzen, ohne sich zu bewegen, ist ein Anschlag auf ihre physische und psychische Gesundheit.”

30 Prozent der Volksschulkinder sind jetzt schon fettleibig, Tendenz steigend. Faßmann zeigt seine Prioritäten: So verhängt er den Kindern und der Schule mit seiner verwirrenden Verordnung eine Masken-Schikane „im Kampf gegen Corona“, aber der Kampf gegen Fettleibigkeit scheint völlig uninteressant. Die mächtige Zuckerlobby – von Agrana, über Nestlé, bis Coca Cola – freut sich.

SPÖ wundert sich über Faßmann

Sonja Hammerschmid, SPÖ-Bildungssprecherin im Nationalrat, sagte zu ZackZack:

„Grundsätzlich wäre es sicherlich möglich gewesen, für den Turnunterricht ein Konzept vorzubereiten, da es ein solches ja auch für den Hobby-, sowie auch Profisport gibt und in anderen Ländern Europas auch Turnunterricht stattfindet. Somit wäre es hier auch sicherlich möglich gewesen, für Österreichs Schulen etwas zu erarbeiten.“

Angesprochen auf die Adipositas-Pandemie verweist Hammerschmid auf langjährige SPÖ-Forderungen:

„Eine tägliche Turnstunde soll einen Beitrag leisten, um Kindern und Jugendlichen Freude und Motivation an Sport und Bewegung zu vermitteln. Zudem wollen wir ein kostenloses, gesundes Mittagessen für alle Kinder in der Schule.“

Bildungsministerium schweigt sich aus

Der Sportlehrer Morozov zeigt, wie leicht es wäre, Sport ohne Infektionsrisiko zu unterrichten. Verschiedenste

“Formen von tänzerischen, rhythmischen und darstellenden Bewegungshandlungen, Yoga, Laufübungen, Koordinationsübungen, Gymnastik – all das wäre auch in Corona-Zeiten mit dem nötigen Abstand und im Freien  möglich und wird in anderen Ländern praktiziert.”

Auf ZackZack-Nachfrage, warum es dem Minister nicht möglich war, ein Konzept zu präsentieren, dass Bewegung und Sport ermöglicht, aber auch den Sicherheitsabstand ein- und das Infektionsrisiko niedrig hält, schwieg das Bildungsministerium. Die Anfrage, die auch um eine Einschätzung der Adipositas-Pandemie im Verhältnis zu Corona gebeten hätte, blieb unbeantwortet. Faßmann verordnete jedenfalls ein Totalverbot. Will man dafür eine Begründung, kommt aus dem Bildungsministerium nur Schweigen.

(ot)

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Titelbild: APA Picturedesk

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